Rothschild, Salomon Mayer Frh. von (1774-1855), Bankier

Rothschild Salomon Mayer Frh. von, Bankier. Geb. Frankfurt a. Main (BRD), 9. 9. 1774; gest. Paris, 28. 7. 1855. Zweitältester Sohn des Mayer A. R. (1744–1812), der im Frankfurter Ghetto das 1567 erbaute Haus „Zum roten Schild“ bewohnte, mit Stoffen, Tabak und Wein handelte und auch Geldgeschäfte machte, Vater des Finanzmannes Anselm S. Frh. v. R. (s. d.), Großvater des Vorigen und des Finanzmannes und Mäzens Albert S. A. Frh. v. R. (s. d.); half zunächst seinem Vater im Frankfurter Geschäft, zeitweise auch in Berlin und Kassel. 1800 wurde er k. Hoffaktor durch ein Patent, das sein Vater für sich und seine beiden Söhne, Salomon M. und Anselm (Amschel) M. R. (1773–1855), erhalten hatte, dann kgl. preuß. und kgl. dän. geh. Commercienrat sowie kurfürstlich hess. Geheimrat, der die Geldgeschäfte der Kurfürsten von Hessen mit dem Kg. von Dänemark, später auch die Vermögensverwaltung des vertriebenen hess. Landgf. besorgte. Er stellte auch die Verbindungen zu seinem Bruder Nathan M. R. (1777–1836) in London her, der die hess. Gelder während der Kontinentalsperre gewinnbringend im Schmuggelhandel anlegte. Wegen seiner Verdienste um die Realisierung der engl. Subsidiengeschäfte wurde R. gem. mit seinen Brüdern 1817 nob. Da es 1819 in Frankfurt wieder zu Ausschreitungen gegen Juden kam, übersiedelte R. nach Wien und gab dafür eine Anleihe von 55 Millionen fl, die er gem. mit dem Associé und Geschäftsführer des Bankhauses Fries, Parish, auflegte. Er quartierte sich im Hotel „Zum römischen Kaiser“ ein, da er sich weigerte, um Toleranz anzusuchen. Als er 1843 Ehrenbürger von Wien wurde, durfte er das Hotel kaufen. Die österr. Militärintervention in Neapel, die beim Kongreß in Laibach (Ljubljana) 1821 vereinbart worden war, finanzierte R. gem. mit seinem jüngsten Bruder, Karl M. Frh. v. R. (1788–1855), im Auftrag des Gesamthauses in der Höhe von 20 Millionen fl. Für die nächste Anleihe von 30 Millionen fl erfolgte 1822 die Erhebung der gesamten Familie R. in den Frh.Stand. In den großen Krisen des Vormärz konnte das Haus R. durch Verweigerung von Anleihen und durch finanziellen Druck die Regierungen der betroffenen Länder von einem Kriegsausbruch abhalten. R. lieh der österr. Regierung 1829 25 Millionen fl, 1834 1 Million, 1839 30 Millionen, 1842 40 Millionen. Obwohl der Zinssatz auf 4% sank, verdiente R. Riesensummen auch als Bankier des Dt. Bundes. Zum Dank mußte Metternich (s. d.) für die Juden in Frankfurt und auch im Kirchenstaat mehrfach intervenieren und die verschiedenen Emanzipationsbestrebungen unterstützen. R. finanzierte 1848 Metternichs Flucht, er selbst verließ Wien erst während der Oktoberrevolution, um nur noch einmal kurzfristig zurückzukehren. R. erwarb sich große Verdienste um die Entwicklung des Eisenbahnwesens in Österr., so z.B. sandte er 1830 auf eigene Kosten den Montanisten Riepl (s. d.) zum Stud. des Eisenbahnwesens nach England. 1835–39 finanzierte er die K. Ferdinandsnordbahn. R. gehörte auch zu den Gründern des Österr. Lloyds, der Donaudampfschiffahrtsges. und einer Versicherung gegen Feuer. Nach 1843 durfte er auch Realbesitz erwerben und kaufte große Güter in Mähren und Schlesien (1843 Schillersdorf, 1844 Oderberg/Starý Bohumín, 1845 Hultschin/Hlučín). Um die Schienen für seine Eisenbahnen selbst produzieren zu können, pachtete er vom Erzbistum Olmütz das Eisenwerk in Witkowitz (Ostrava-Vítkovice) und ließ dort den ersten Kokshochofen der Monarchie aufstellen. Später kaufte er das Werk und die dazugehörigen Steinkohlenbergwerke und besaß weiters in Dalmatien Asphaltgruben und das Quecksilberbergwerk von Idria (Idrija). Für die Errichtung der Bahnverbindung Brünn (Brno)–Wien, den Bau eines Kinderspitals sowie für eine Stiftung für die Heiratsausstattung von Bürgertöchtern wurde er Ehrenbürger von Brünn.

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(G. Otruba)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 9 (Lfg. 44, 1987), S. 289f.
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