Rothziegel, Leo (1892-1919), Revolutionär und Schriftsetzer

Rothziegel Leo, Schriftsetzer und Revolutionär. * Wien, 5. 12. 1892; † Vámospércs b. Debreczin (Debrecen, Ungarn), 22. 4. 1919 (gefallen). Stammte aus einer jüd. Arbeiterfamilie; erlernte den Beruf eines Schriftsetzers. Er wandte sich frühzeitig revolutionären Bewegungen zu und war in der Organisation Poale Zion aktiv tätig. Er wurde Exponent der syndikalist. Spielart des Anarchismus und wirkte in diesem Sinn, wenn auch als Vertreter einer Splittergruppe, in den Gewerkschaften. Beim Druckerstreik 1913 erhielt er die erste von vielen Gefängnisstrafen. Während des Ersten Weltkrieges schwer verwundet, war er 1971 bei der Hilfsdienstkomp. des IR 49 eingezogen. Er trat während dieser Zeit als Versmlg.Redner, insbes. im Ver. Karl Marx, hervor und verfaßte und druckte mehrere Anti-Kriegs-Flugbll. sowie linksradikale Streitschriften, hauptsächlich Aufrufe zu Streikaktionen. Er war vor allem am Ausbruch des Jännerstreiks 1918 beteiligt. Am 1. 11. 1918 gründete R. in Wien gem. mit E. E. Kisch (s. d.) und Haller die Rote Garde, der bis zum 4. 11. mehr als 1000 Mann beitraten. Deutsch, dem Unterstaatssekretär für Heerwesen, gelang es jedoch, diese Truppe in die neugeschaffene Volkswehr als Volkswehrbaon. 41 zu integrieren bzw. ihre Führung durch Einschleusung gemäßigter Elemente zu isolieren und schließlich zu spalten. Ende November 1918 war R. an der Gründung der Föderation revolutionärer Sozialisten „Internationale“ beteiligt (Mitgl. des Dion.Rates). Als Funktionär (Soldatenrat) der Volkswehr wurde R. die Freiwilligenwerbung zur Unterstützung des Regimes von Kun in Ungarn gestattet. Er marschierte mit 1200 Mann am 2. 4. 1919 nach Ungarn und wurde zunächst zur Niederwerfung gegenrevolutionärer Bestrebungen in Debreczin, dann gegen die vorrückenden rumän. Streitkräfte eingesetzt.

L.: Die Soziale Revolution vom 30. 4., Der Rote Soldat vom 1. 5. 1919; J. Wertheim, Die Föderation revolutionärer Sozialisten „Internationale“, in: Archiv für Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung 12, 1926, S. 301 ff.; H. Hautmann, L. R. (1892–1919), in: Weg und Ziel 36, 1978, S. 287 ff., 333 ff., 377 ff.; M. Életr. Lex.; B. Szeremi, A szabadság vértanúi, 1960; H. Hautmann, Die verlorene Räterepublik, 2. Aufl. (1971), s. Reg.; Y. Bourdet et al., Autriche ( = Dictionnaire biographique du Mouvement ouvrier international, hrsg. von J. Maitron und G. Haupt, 1), 1971; KA Wien.
(P. Broucek-H. Steiner)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 9 (Lfg. 44, 1987), S. 291
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