Rudigier, Franz Josef (1811-1884), Bischof

Rudigier Franz Josef, Bischof. * Parthenen (Vorarlberg), 7. 4. 1811; † Linz, 29. 11. 1884. Sohn eines Kleinbauern, Mauteinnehmers und Schusters; absolv. 1829–30 die philosoph. Jgg. an der Univ. Innsbruck, stud. 1831–35 in Brixen Theol. und war nach der Priesterweihe (1835) als Seelsorger im Gen.Vikariat Vorarlberg tätig. 1838 setzte er seine theolog. Stud. am Frintaneum in Wien fort und wurde 1839 Prof. für Kirchengeschichte und Kirchenrecht, später auch für Moraltheol. und Erziehungslehre in Brixen; 1845–48 wirkte er als Spiritualdir. am Frintaneum und kam in dieser Funktion auch mit der k. Familie in Kontakt, insbes. mit Erzhgn. Sophie, der Mutter des späteren K. 1848 wurde R. Propsteipfarrer von Innichen, 1850 Domherr und Seminarregens in Brixen, 1852 Diözesanbischof von Linz. Als R. die Leitung der Diözese übernahm, war sie eigentlich noch immer im Aufbau, mit Provisorien bei der Domkirche, beim Bischofshof, beim Priesterseminar und beim Bischöflichen Gymn. Er bemühte sich vor allem um den innerkirchlichen Aufbau, um den Priesternachwuchs und die Priesterausbildung. Um den Kontakt mit dem Klerus zu verstärken, gründete er 1855 das „Linzer Diöcesanblatt“ und führte 1868 die Pastoralkonferenzen ein. Er ordnete das Stiftungswesen und errichtete den Diözesanhilfsfonds sowie einen Priesterunterstützungsfonds. Er kämpfte auch um die Rückstellung der bischöflichen Dotationsgüter Gleink und Garsten, kaufte aus Rückstellungsgeldern den Bischofshof und legte 1862 den Grundstein für den Neuen Dom. R. fungierte 1861–84 als Abg. zum oberösterr. Landtag, dessen Mehrheit – bis 1884 – liberal war. Durch seine Landtagsreden wurde er bald der Erzieher des kath. Volkes zur polit. Aktivität, allerdings dadurch auch – vielleicht unfreiwillig – Exponent des später so genannten polit. Katholizismus. 1869 wurden – zweifellos nach Absprache mit R. – die Tagesztg. „Linzer Volksblatt“ und der Kath. Volksver. gegründet. Vorausgegangen waren die liberalen Bemühungen um die Kündigung des Konkordats und R.s Hirtenbrief gegen die „Maigesetze“, der 1868 „wegen des darin enthaltenen Verbrechens der Störung der öffentlichen Ruhe“ beschlagnahmt wurde. Als von der Staatsanwaltschaft deshalb eine Voruntersuchung eingeleitet wurde, leistete R., der die Ansicht vertrat, daß ein weltliches Gericht unzuständig sei, 1869 einer gerichtlichen Vorladung nicht Folge. Er wurde daher zwangsweise zur Vernehmung vorgeführt und in der Folge zu 14 Tagen Kerker verurteilt, vom K. jedoch sofort begnadigt. Damit war völlig unerwartet Linz zum Mittelpunkt der Auseinandersetzungen zwischen den Liberalen und der kath. Kirche in Österr. geworden und R. im ganzen dt. Sprachraum bekannt. Der Kath. Volksver., der 1884 30 000 Mitgl. zählte, wurde die erste polit. Massenorganisation in OÖ und bildete bis 1933 die polit. Führungsspitze der Katholiken. Kurz vor R.s Tod gelang es den Kath.-Konservativen, im oberösterr. Landtag die Mehrheit zu erringen und den Landeshptm. zu stellen. Zahlreiche Wochenz., die ursprünglich überwiegend liberale Gründungen waren, wurden von dem 1870 gegründeten Kath. Preßver. aufgekauft und redaktionell umgestaltet. Außerordentlich gute und herzliche Beziehungen verbanden R. mit seinem Domorganisten Bruckner (s. d.). R.s Initiativen im kirchlichen wie im polit. Bereich blieben sehr deutlich bis in die 30er Jahre, tw. bis in die Gegenwart, spürbar. 1895 wurde der Seligsprechungsprozeß eingeleitet, 1905 wurde R. von Leo XIII. der Titel „Ehrwürdiger Diener Gottes“ zuerkannt.

W.: Bischof R.s Geistliche Reden, hrsg. von F. Doppelbauer, 2 Bde., 1885–87, 3. Aufl. 1901–05; Exercitia Spiritualia, hrsg. von F. Doppelbauer, 1886, 4. Aufl. 1908; Bischof R.s Hirtenschreiben, hrsg. von F. Doppelbauer, 1888; Bischof R.s Polit. Reden, hrsg. von F. Doppelbauer, 1889; Bischof R.s Kirchenpolit. Actenstücke, hrsg. von F. Doppelbauer, 1890; Predigten des Dieners Gottes F. J. R., Bischof von Linz, hrsg. von F. Doppelbauer, 2 Bde., 1900–03; etc.
L.: R. Ardelt–H. E. Baumeert, Die Wappen der Linzer Bischöfe, in: Hist. Jb. der Stadt Linz, 1982, S. 78 ff.; 100 f.; H. Slapnicka, F. J. R.– ein unvergeßlicher und unvergessener Bischof, in: Jb. der Diözese Linz 35, 1984, S. 35 ff.; P. Gradauer, Der Seligsprechungsprozeß für Bischof F. J. R., ebenda, 35, 1984, S. 44 ff.; H. Slapnicka, Bischof R. – geistiges Profil und bleibende Leistung, in: Neues Archiv für Geschichte der Diözese Linz 3, 1984/85, S. 5 ff.; J. Weißensteiner, Der Linzer Bischof R. und Wien, ebenda, 3, 1984/85, S. 8 ff.; W. Goldinger, Bischof R. und die Wr. Zentralstellen, in: Hist. Jb. der Stadt Linz, 1986, S. 149 ff.; W. Habinson, Die polit. Haltung des Bischofs von Linz F. J. R. seit dem Jahre 1853 bis in die Gegenwart, 2. Aufl. 1870; M. Edlbacher, Der Bischof von Linz und der Protest des Dekanats-Clerus von Steyr, 1870; K. Wiser, Die Leistungen des hochwürdigen Bischofs von Linz in Beziehung auf den Säkular- und Kloster-Klerus in OÖ, 1872; K. Meindl, Leben und Wirken des Bischofs F. J. R. von Linz 1–2, 1891–93; B. Scherndl, Der Ehrwürdige Diener Gottes F. J. R., Bischof von Linz, 1913; J. Berndorfer, F. J. R. Bischof von Linz, phil. Diss. Wien, 1939; J. Fattinger, Der große Bischof R., 1953; J. Wodka, Kirche in Österr., 1959, s. Reg.; H. Slapnicka, Bischof R. Eine Bildbiographie, (1961); K. Vocelka, Verfassung oder Konkordat? ( = Stud. zur Geschichte der österr.-ung. Monarchie 17/1 Schriften des DDr. F. J. Mayer-Gunthof-Fonds 12), 1978, s. Reg.; H. Konrad, Religiöser und sozialer Protest, in: Politik und Ges. im alten und neuen Österr. FS für R. Neck 1, 1981, s. Reg.; H. Slapnicka, OÖ – unter K. Franz Joseph (1861–1918) ( = Beitrr. zur Zeitgeschichte OÖ 8), 1982, s. Reg.; Die Bischöfe der dt.sprachigen Länder 1785/1803–1945, hrsg. von E. Gatz, (1983); H. Slapnicka, Christlichsoziale in OÖ ( = Beitrr. zur Zeitgeschichte OÖ 10), 1984, s. Reg.; Die Bischöfe von Linz, hrsg. von R. Zinnhobler, 1985, S. 105 ff.; Der Linzer Bischof F. J. R. und seine Zeit, hrsg. von P. Gradauer, H. Slapnicka und R. Zinnhobler, (1987).
(H. Slapnicka)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 9 (Lfg. 44, 1987), S. 313f.
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