Sacher-Masoch, Leopold von; Ps. Charlotte Arand, Zoë v. Rodenbach (1836-1895), Schriftsteller

Sacher-Masoch Leopold von, Ps. Charlotte Arand, Zoë v. Rodenbach, Schriftsteller. * Lemberg (L’viv), 27. 1. 1836; † Altenstadt-Lindheim, Hessen (BRD), 9. 3. 1895. Sohn des damaligen Polizeidir. von Lemberg, Leopold v. S.-M., Enkel des Mediziners F. Masoch (s. d.); S.-M. sprach zuerst nur Ruthen. und Poln. und lernte Dt. erst, als der Vater 1848 als Polizeidir. nach Prag versetzt wurde. Stud. ab 1852 an der Univ. Prag, 1854 in Graz Phil., 1856 Dr. phil., 1856–70 Priv.Doz. der österr. und allg. Geschichte der neueren Zeit an der Univ. Graz. Bald wandte er sich endgültig der Schriftstellerei zu. Den Aufstand der poln. Adeligen im Februar 1846, der mit Hilfe der kaisertreuen Bauern niedergeschlagen wurde, behandelte S.-M. in „Eine Galizische Geschichte“. Wichtiger als der Einfluß Turgenjews, Hugos und anderer sind dabei die Phil. Schopenhauers und die Lehre Darwins, die sich mit seinen Jugenderlebnissen verbanden: die slaw. Frauen, das weitgehend geschichtslose Leben der poln. Bauern, die religiösen Sekten, die gewaltige Natur. Von Kürnberger (s. d.) als „Charles Sealsfield der österreichischen Karpatenländer“ begrüßt („Don Juan von Kolomea“), suchte S.-M. in der Folge jedoch, sicher auch in Nachwirkung eines traumat. sexuellen Kindheitserlebnisses, die Gebilde seiner Phantasie in Werk und Wirklichkeit zu übertragen. Die Frau, nach seiner Überzeugung durch die Schuld des Mannes unfähig, Gefährtin zu sein, sei Sklavin oder Despotin des Mannes. In einzelnen Werken gestaltete er den Weg zum Glück der Gefährtenschaft, zumeist aber das Weib als Zerstörerin des Mannes. 1871 lernte er Angelica A. Rümelin (1845–nach 1906) kennen, zu der er 1872 – wie schon 1869 zu einer anderen Frau – ein auf einige Monate befristetes Sklavenverhältnis einging. 1873 heiratete er sie; er lebte mit ihr, was er in „Venus im Pelz“ 1869 beschrieben hatte. Mit der Veröff. dieses Werks im ersten Tl. seines nie vollendeten Hauptwerks „Das Vermächtnis Kains“ beginnt die Zerstörung seines Ansehens als Schriftsteller. Die zahlreichen, oft gem. mit anderen unternommenen Versuche, seine überaus fruchtbare Produktion noch durch die Hrsg. von Z. zu erweitern, scheiterten. Die „Österreichische Gartenlaube“ (ab 1866) und die 1881–85 in Leipzig, wohin er sich nach Aufenthalten in Bruck a. d. Mur und Budapest begeben hatte, hrsg. Revue „Auf der Höhe“ sind die bedeutendsten unter ihnen. Insbes. seine unglückliche Veranlagung zerstörte auch seine Ehe. Er verband sich 1882 mit seiner Mitarbeiterin Hulda Meister (1846–1918), wohnte ab 1887 mit ihr in Lindheim und heiratete sie, da seine Gattin die Scheidung nicht anerkannte, 1890 auf der Insel Helgoland. In Lindheim begründete er zur Förderung der Interessen der Bauern 1893 den Oberhess. Ver. für Volksbildung und entfaltete in den einzelnen Volksgruppen eine reiche Vortragstätigkeit, auch gegen den Antisemitismus. Die Feiern in Paris anläßlich seines 50. Geburtstags mit der Verleihung des Kreuzes der französ. Ehrenlegion (S.-M. wurde überhaupt in diesem Land viel gelesen) waren der Höhepunkt seiner äußeren Anerkennung. Seine kosmopolit. Einstellung (er schrieb in dt., russ., poln., tschech., französ., italien., und ung. Sprache) trug ihm, der sich einen galiz. Russen nannte, 1866 erbitterte Angriffe ein; sein Werk wurde als frivol, nihilist. und ekelhaft wollüstig abgelehnt. Seine Begabung, Natur und Menschen zu schildern, wurde vom dt. Naturalismus eingeholt. Seine Dramen, unter denen „Der Mann ohne Vorurteil“ (1874) mit Auff. auf mehr als 50 Bühnen den größten Erfolg hatte, gerieten bald in Vergessenheit. Was er als Unterhaltungsschriftsteller schrieb, die Geschichten von grausamen Frauen und europ. Höfen, ging unter; damit auch die glaubwürdigen Erz. aus dem Leben der Ruthenen und Juden. Die „Venus im Pelz“ allerdings erlebt in der Gegenwart Neuausg. und Übers. Was er erstrebte, mißlang: ein Menschheitswerk „Das Vermächtnis Kains“, in Sprache und Motiven in den Raum des Religiösen eindringend, die Botschaft von der Überwindung der Natur, von der Flucht aus Qual und Feindschaft durch Verzicht. In den meisten Literaturgeschichten geächtet, wird S.-M. durch den von Krafft-Ebing (s. d.) geschaffenen Ausdruck „Masochismus“ im Gedächtnis der Nachwelt erhalten. Seine erste Frau, die unter den Ps. Wanda v. Dunajew publ. und an deren Werken er Anteil hatte, ist nur durch ihre „Lebensbeichte“ erwähnenswert.

W.: (Erstaufl.): Der Aufstand in Gent unter K. Carl V., 1857; Eine Galiz. Geschichte. 1846, 1858, später als: Gf. Donski, 1864; Der Emissär, 1863; Kaunitz, 2 Bde., 1865, bearb. von F. Karmel, 1945; Die geschiedene Frau, 1870; Das Vermächtnis Kains, 2 Tle. in 4 Bde., 1870–77; Ueber den Werth der Kritik, 1873; Soziale Schattenbilder, 1873; Die Ideale unserer Zeit, 4 Tle. in 2 Bde., 2. Aufl. 1875; Galiz. Geschichten, 1875; Falscher Hermelin, 1876; Der neue Hiob, 1878; Judengeschichten, 1878; Eine Autobiographie, in: Dt. Monatsbll. 2, 1879, Bd. 3; Die Aesthetik des Häβlichen, 1880; Der Judenraphael, 1882; Die Messalinen Berlins, 1887; Die Satten und die Hungrigen, 2 Bde., 1894; Dunkel ist dein Herz, Europa, hrsg. von E. J. Görlich ( = Das österr. Wort 11), (1957); R. Federmann, S.-M. oder die Selbstvernichtung, (1961), 2. Aufl.: Venus im Pelz und andere Novellen, hrsg. von R. Federmann, 1964; Hidden Stories of S.-M., hrsg. von E. L. Randall, 1968; Don Juan von Kolomea. Galiz. Geschichten, hrsg. von M. Farin ( = Bouviers Bibl. 5), 1985; Die Gottesmutter, o. J., italien. 1968; etc. – Angelica A. S.-M.: Die Damen im Pelz, 1881; Meine Lebensbeichte, 1906, italien. (1977); Masochismus und Masochisten. Nachtrag zur Lebensbeichte, o. J.; etc.
L.: Th. Bentzon, Un romancier galicien, in: Revue des deux mondes 45, 1875, Bd. 12, S. 816ff.; K. E. Demandt, L. v. S.-M. und sein Oberhess. Volksbildungsver. zwischen Schwarzen, Roten und Antisemiten, in: Hess. Jb. für Landesgeschichte 18, 1968, S. 160ff.; ADB 53; Nagl–Zeidler–Castle 3–4, s. Reg.; Wurzbach; C. F. v. Schlichtegroll, S.-M. und der Masochismus, 1901 (mit Werksverzeichnis); ders., „Wanda“ ohne Pelz und Maske, 1906; R. v. Krafft-Ebing, Psychopathia sexualis . . ., 13. Aufl. 1907, S. 99ff.; E. Hasper, L. v. S.-M., phil. Diss. Freiburg i. Br., 1932; A. Spirek, „Das Vermächtnis Kains“ von L. v. S.-M., phil. Diss. Wien, 1949; G. Deleuze, Présentation de S.-M., Le froid et le cruel . . . ( = Arguments 32), (1967); K. Adel, Geist und Wirklichkeit, 1967, s. Reg.; J. Cleugh, The First Masochist, a Biographie of L. v. S.-M. . . ., 1967; P. Quignard, L’être du balbutiement. Essai sur S.-M., 1969; W. Höflechner, L. S.-M. Ritter v. Kronenthal und die Univ. Graz, in: Beitrr. zur allg. Geschichte ( = Publ. aus dem Archiv der Univ. Graz 4), 1975, S. 125 ff.; K. Perutz, L. v. S.-M. Sein Leben und seine Zeit, (1978) (belletrist.); C. E. Koré, Decadence and the Feminine: the Case of L. v. S.-M., phil. Diss. Stanford, Cal., 1983; M. Trent, Die gravame Frau. Zum Frauenbild bei de Sade und S.-M., (1984).
(K. Adel)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 9 (Lfg. 44, 1987), S. 367ff.
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