Salten, Felix; früher Siegmund Salzmann, Ps. Martin Finder, Ferdinand Stollberg (1869-1945), Schriftsteller und Journalist

Salten Felix, Ps. Martin Finder, Ferdinand Stollberg, Schriftsteller und Journalist. * Pest (Budapest), 6. 9. 1869; † Zürich (Schweiz), 8. 10. 1945. Hieß bis 1911 Siegmund Salzmann. Entstammte einer Rabb.-Familie, Sohn eines Ing.; mußte zum Unterhalt seiner Familie beitragen und kam nach kurzer Tätigkeit bei der Versicherungsges. Phönix zum Journalismus. Er begann 1885 mit kleinen Beitrr. für die „Kunstchronik“ und wurde dann Mitarbeiter bei der Z. „An der schönen blauen Donau“. S. gehörte zum Kreis um Bahr (s. d.) und war Schnitzler, Hofmannsthal (s. Hofmann v. Hofmannsthal H.) und Beer-Hoffmann (s. d.) in Freundschaft verbunden. Er war Mitgl. des Literaturver. Freie Bühne. Bis zur Jh.Wende verfaßte er zahlreiche Beitrr. für die literar. Periodika, die sich um die Durchsetzung der Moderne bemühten, wie z. B. für die „Moderne Dichtung“, die „Moderne Rundschau“, die „Wiener Literaturzeitung“ etc. 1893–98 war er Burgtheaterreferent und Feuilletonist der „Wiener Allgemeinen Zeitung“, ab 1894 gehörte er auch zu den Mitarbeitern der „Zeit“. Ab etwa 1900 schrieb S. für alle wichtigen Ztg. und Z. Österr. und Deutschlands. 1906 wurde er Chefred, der „Berliner Morgenpost“, das Angebot einer leitenden Stellung in der „Zeit“ führte ihn jedoch um 1910 wieder nach Wien zurück. 1914 in der Red. des „Fremden-Blattes“, avancierte er im selben Jahr zum Sonntagsfeuilletonisten der „Neuen Freien Presse“. In dieser Stellung übte er jahrelang großen Einfluß auf das kulturelle Leben Wiens aus. Während des Ersten Weltkrieges war er im Kriegsarchiv im Propagandadienst tätig. 1925–34 Präs. des österr. P.E.N.-Klubs, spielte S., unter dessen Ägide es zur Spaltung des P.E.N. (1933) kam, auf dem Schriftstellerkongreß in Ragusa/Dubrovnik (1933) eine umstrittene Rolle. 1938 emigrierte er in die Schweiz. S., ein vielseitiger und äußerst produktiver Schriftsteller und Journalist, gehörte vor 1900 zu den progressiven literar. Kreisen in Wien. Während er jedoch durch seine pointierten und geschliffenen Kritiken und Feuilletons zu den einflußreichsten Vertretern des gehobenen literar. Journalismus zählt, steht er als Verfasser von Novellen, Romanen und Theaterstücken im Schatten der wichtigsten Autoren seiner Epoche. Seine frühen Novellen rücken ihn in die Nähe von Schnitzler, ohne jedoch dessen subtile psycholog. Durchdringung des Stoffes zu erreichen. Zwei seiner Werke verhalfen ihm dennoch zu Weltruhm: der Tierroman „Bambi. Eine Lebensgeschichte aus dem Walde“ (1923), von Disney 1942 verfilmt, und der pornograph. Roman „Josefine Mutzenbacher. Roman einer Wiener Dirne“ (1906), dessen lange umstrittene Autorschaft inzwischen als gesichert gelten kann. S. verfaßte auch, z. Tl. gem. mit anderen Autoren, Drehbücher zu Ton- und Stummfilmen. Er war ab 1902 mit der Schauspielerin Ottilie S., geb. Metzeies ( * Prag, 7. 3. 1868; † Zürich, 22. 6. 1942), verheiratet, die unter dem Ps. Metzl 1891–99 dem Hofburgtheaterverband, danach bis 1903 dem Ensemble des Raimundtheaters angehörte.

W.: (Erstaufl.): Der Hinterbliebene, 1900 (Novellen); Der Gemeine, 1901 (Drama); Die Gedenktafel der Prinzessin Anna, 1902 (Novelle); Der Schrei der Liebe, 1905 (Novelle); Herr Wenzel auf Rehberg und sein Knecht Kaspar Dinckel, 1907 (Novelle); Vom andern Ufer, 1908 (3 Einakter); Mein junger Herr (Musik von O. Straus), 1909 (Operette); Olga Frohgemuth, 1910 (Erz.); Wurstelprater, (1911); Gestalten und Erscheinungen, 1913 (Essays); Die klingende Schelle, 1915 (Roman); Schauen und Spielen. Stud. zur Kritik des modernen Theaters, 1921; Das Burgtheater. Naturgeschichte eines alten Hauses, 1922; Geister der Zeit. Erlebnisse, 1924; Martin Overbeck. Der Roman eines reichen jungen Mannes, 1927; Mizzi, 1932 (Novellen); Florian. Das Pferd des Kaisers, 1933 (Roman); Louise von Koburg, 1933 (Drama); Aus den Anfängen. Erinnerungsskizzen, in: Jb. dt. Bibliophilen und Literaturfreunde 18/19, 1932/33, (1933); Bambis Kinder. Eine Familie im Walde, (1940); Renni der Retter, (1941); Kleine Welt für sich. Eine Geschichte von freien und dienenden Geschöpfen, (1944); Das österr. Antlitz, o. J. (Essays); zahlreiche Beitrr., u. a. in Allg. Ztg., Berliner Tagebl., Bll. des Dt. Theaters, Bühne und Welt, Dt. Bibliophilen-Kal., Donauland, Die Gegenwart, Mein Film, Moderne Welt, Münchner Neueste Nachrichten, Neue Zürcher Ztg., Pester Lloyd, RP, Voss. Ztg., Wr. Sonn- und Montagsztg. und in Tonfilm, Theater, Tanz; etc.
L.: Die Presse vom 8. 10. 1955 und 5. 9. 1969; Frankfurter Allg. Ztg. vom 3. 1. 1985; Brümmer; Groner; Hdb. der Emigration 2; Jb. der Wr. Ges., 1929; Nagl-Zeidler-Castle 3–4, s. Reg.; Wininger; K. Riedmüller, F. S. als Mensch, Dichter und Kritiker, phil. Diss. Wien. 1949; H. v. Hofmannsthal, Ges. Werke in Einzelausg., Prosa 4, 1955, S. 517ff.; Kleines Lex. des österr. Films, hrsg. von L. Gesek und O. Wladika ( = Filmkunst 22/30), 1959; Glenzdorfs internationales Filmlex. 3, 1961; C. Magris, Der habsburg. Mythos in der österr. Literatur, (1966), s. Reg.; W. Fritz, Entwicklungsgeschichte des österr. Spielfilms, phil. Diss. Wien, 1966, s. Reg.Bd.; ders., Der österr. Spielfilm der Stummflmzeit (1907–30), 1967, s. Reg.; ders., Geschichte des österr. Spielfilms der Tonfilmzeit (1929–38), 1968, s. Reg.; Lex. dt.sprachiger Schriftsteller . . . 2, 1968; Die Fackel, hrsg. von K. Kraus, Reprint, 1–12, (1968–76), s. Reg.; A. Sandrock – A. Schnitzler, Dilly. Geschichte einer Liebe in Briefen, Bildern und Dokumenten, zusammengestellt von R. Wagner, (1975), s. Reg.; A. Schnitzler . . ., zusammengestellt von P. M. Braunwarth et al, 1981, bes. S. 43 (Kat.); R.Wagner, A.Schnitzler, (1981), s. Reg.; A. Schnitzler, Briefe 1875–1912, hrsg. von Th. Nickl und H. Schnitzler, 1981, s. Reg.; ders., Briefe 1913–31, hrsg. von P. M. Braunwarth et al, (1984), s. Reg.; K. Amann, P. E. N., 1984, s. Reg.; Charakteristiken aus dem Tagebuch, Nachlaß A. Schnitzler, Marbach a Neckar, BRD. – Ottilie S.: Eisenberg, Theaterlex.; Kosch, Theaterlex.
(I. Stiaßny-Baumgartner)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 9 (Lfg. 45, 1988), S. 394f.
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