Scheimpflug, Theodor (1865-1911), Offizier und Erfinder

Scheimpflug Theodor, Offizier und Erfinder. * Wien, 7. 10. 1865; † Mödling-Vorderbrühl (NÖ), 22. 8. 1911. Bruder des Vorigen; absolv. nach Besuch der Unterstufe des Akadem. Gymn. in Wien 1879–85 die Marineakad. in Fiume (Rijeka), wurde 1886 Seekadett 1. K1. und fand dann im aktiven Seedienst Verwendung. 1888 Linienschiffsfähnrich, wurde er der Abt. für Geophysik im Hydrograph. Amt, 1890 der Marinesternwarte in Pola (Pula) zugeteilt und erwarb 1894 auch das Patent als Kapitän langer Fahrt bei der Handelsmarine, das zur Hochseeschiffahrt berechtigte. 1895–97 beurlaubt, absolv. er in Wien die Handelsakad. und stud. 1895–98 Maschinenbau an der Techn. Hochschule, widmete sich aber auch dem Vermessungswesen. 1897 provisor. (1898 Linienschiffslt. 2. Kl.), 1899 definitiv in den Dienst des Militärgeograph. Inst. übernommen und als Hptm. 2. Kl. in den Armeestand überführt, war er vorerst mit photogrammetr. Arbeiten betraut, später in der Astronom.-geodät. Gruppe tätig und fand u. a. bei Temperaturmessungen in Idria (Idrija), Triangulierungsarbeiten in Galizien, Kärnten und Krain sowie beim Präzisionsnivellement in Bosnien Verwendung. Der Tod seines Vaters machte ihn finanziell unabhängig; er ließ sich 1901 neuerlich beurlauben und trat 1905 i. R., um sich ganz privaten Forschungen widmen zu können. Schon auf der Marineakad. war er mit den Prinzipien der Photogrammetrie bekanntgeworden und suchte in der Folge Möglichkeiten, die graph. und rechner. Verfahren bei der Auswertung der photograph. Aufnahmen durch opt.mechan. zu ersetzen. 1896 trat er an der Techn. Hochschule in Wien in Verbindung zu E. Doležal, der seine method. Kenntnisse vertiefte. Doležal erkannte S.s hohe Begabung und außergewöhnliche Fertigkeit in der Handhabung photogrammetr. Instrumente, zog ihn zu photogrammetr. Vermessungen an Kunstdenkmälern heran, entwickelte gem. mit ihm 1896 einen Entfernungsmesser mit Teleobjektiv und zog ihn 1897 zu Mappierungsarbeiten des Militärgeograph. Inst. im Mangart-Triglavgebiet bei. S. erwog in Anbetracht der Mängel der terrestr. Photogrammetrie für topograph. Aufnahmen, diesen Luftbilder zugrunde zu legen. Schon 1896 hatte er bei der Wr. Akad. der Wiss. seine Ideen zur Herstellung von Photokarten vorgestellt, doch mußte er vorerst geeignete Apparate entwickeln. Dies führte ihn 1903 zur Konstruktion der Panoramakamera, die zwar gleichzeitige, sich überschneidende Vielfachaufnahmen erlaubte, aber eine Transformation der Schrägaufnahmen (Entzerrung) notwendig machte. Das Problem löste S. durch den Photoperspektographen. Mit Hilfe seines Stereokomparators – später zum Universaltransformator ausgebaut – konnte er dann den Schichtenplan des Terrains wiedergeben, löste die gegenseitige Orientierung zweier Folgebilder durch den Doppelprojektor erstmals auf opt.-mechan. Weg und entwickelte auch einen Zeichenapparat. Da ihm keine Motorflugzeuge zur Verfügung standen, verwendete er anfangs Drachen, später Ballons. Laufend verbesserte er Verfahren und Apparate, sodaß er bei seinem frühen Tod das angestrebte Ziel, die Herstellung von Photokarten aus der Luft, theoret. gelöst und die Grundlagen für deren prakt. Ausführung gelegt hatte. S., der als Wegbereiter der Aerophotogrammetrie und der Photokarte wesentlichen Anteil an der Entwicklung der modernen Kartographie hat, erfuhr schon zu Lebzeiten zahlreiche Ehrungen, wurde u. a. in die Internationale Komm, für wiss. Luftfahrt sowie in das Komitee zur Schaffung von Luftschifferkarten berufen und war Mitbegründer und Ausschußmitgl. der Österr. Ges. für Photogrammetrie bzw. der Internationalen Ges. für Photogrammetrie und deren Sektion Österr. Die Fortführung seines geistigen Erbes übernahm das Inst. für Aerophotogrammetrie, dessen Leiter S.s Mitarbeiter G. Kammerer (s. d.) wurde.

W.: Entfernungsmesser mit Teleobjektiv, gem. mit E. Doležal, 1896; Panoramakamera, 1903; Photoperspektograph, 1906; Universaltransformator, gem. mit G. Kammerer, 1908; Zeichenapparat; etc. – Publ.: Die maritime und militär. Bedeutung der Photogrammetrie, in: Mitth. aus dem Gebiete des Seewesens 26, 1898; Die Verwendung des Skioptikons zur Herstellung von Karten und Plänen aus Photographien, in: Photograph. Correspondenz 35, 1898, selbständig 2 Tle., gekürzter Neudruck in: Th. S. FS zum 150jährigen Bestand des staatlichen Vermessungswesens in Österr. ( = Bll. für Technikgeschichte, Sonderveröff. 16 = Österr. Z. für Vermessungswesen, Sonderh. 16), 1956; Temperaturmessungen im Quecksilberbergwerk von Idria (mit 1 Karte), gem. mit M. Holler, in: Sbb. Wien, math.-nat. Kl., 108, Abt. 2a, 1899; Über österr. Versuche, Drachenphotogramme kartograph. zu verwerten und deren bisherige Resultate, in: Photograph. Korrespondenz 40, 1903; Bedeutung des Sonnwendstein als Wetterwarte für den prakt. Wetterdienst, in: Meteorolog. Z.20, 1903; Über Drachen-Verwendung zur See, in: Mitt. aus dem Gebiete des Seewesens 32, 1904, auch selbständig; Der Photoperspektograph und seine Anwendung, in: Photograph. Korrespondenz 43, 1906; Photogrammétrie du ballon, in: Cinquième Conférence de la Comm. internationale pour l’aérostation scientifique à Milan 1906, 1907; Die Herstellung von Karten und Plänen auf photograph. Wege, in: Sbb. Wien, math.-nat. Kl. 116, Abt. 2a, 1907, auchselbständig; Über Orientierung von Ballonaufnahmen, in: Internationales Archiv für Photogrammetrie 2, 1911; Die techn. und wirtschaftlichen Chancen einer ausgedehnten Kolonialvermessung, in: Denkschrift der I. Internationalen Luftschiffahrtsausst. „Ila“ zu Frankfurt a. Main 1909, 1, 1909, auch selbständig; Erhaltung der Stabilität, wichtigste Formen und Verwendungsarten der Drachen. Flugtechnik im Dienste des Vermessungswesens, in: Buch des Fluges, hrsg. von H. Hoernes, 1, 1911, auch selbständig; 29 Patentschriften; etc. – Nachlaß, Bundesamt für Eich- und Vermessungswesen, Techn. Mus. für Ind. und Gewerbe, beide Wien.
L.: E. Doležal, in: Internationales Archiv für Photogrammetrie 2, 1911, S. 241ff. (mit Werksverzeichnis); G. Kammerer, ebenda, 3, 1913, S. 196ff.; K. Peucker, in: Dt. Rundschau für Geographie 35, 1913, S. 393ff.; E. Doležal, in: Internationales Archiv für Photogrammetrie 4, 1914, S. 7ff.; J. Daimer, in: Bll. für Geschichte der Technik 4, 1938, S. 15; Mitt. des Reichsamts für Landesaufnahme 4, 1939, S. 202ff.; H. Dock, in: Bildmessung und Luftfahrt, 1940, S. 105f.; E. Roemmelt, ebenda, 1941, S. 112ff.; Vermessungstechnik, 1961; D. Pässler, ebenda, 1966, S. 145ff.; O. Körber, in: Vermessungsmagazin 2, 1971, S. 36; Poggendorff 3– 4; Cinquième Conférence de la Comm. internationale pour l’aérostation scientifique à Milan 1906, 1907, S. 76ff.; FS des k. u. k. Flugtechn. Ver . . . ., (1913), S. 54f.; J. M. Eder, Geschichte der Photographie ( = Ausführliches Hdb. der Photographie 1/1), 4. Aufl. 1932, S. 561f.; Österr. Naturforscher und Techni ker, 1951, S. 128ff.; E. Kurzel-Runtscheiner, Erfindungen aus Österr. ( = Volksausg.österr. Gesetze 11, Beilage), 2. Aufl. 1953, S. 18f.; Ideen aus Österr. ( = Notring Alma nach 1954), (1953), S. 60; Th.S. FS zum 150jährigen Bestand des staatlichen Vermessungswesens in Österr. ( = Bll. für Technikgeschichte, Sonderveröff. 16 = Österr. Z. für Vermessungswesen, Sonderh. 16), 1956 (mit Werks und Literaturverzeichnis); 150 Jahre Techn. Hochschule in Wien 1815–1965, 1, hrsg. von H. Sequenz, 1965, S. 287f.; 125 Jahre Hauptgebäude des Bundesamtes für Eich- und Vermessungswesen 1841–1966, 1966, S. 54f., 119ff.; Geschichte derFotografie in Österr. 2, hrsg. von O. Hochrei ter und T. Starl, 1983, s. Reg. (Kat.).
(F. Allmer)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 10 (Lfg. 46, 1990), S. 65f.
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