Scheiner, Andreas Gottlieb (1864-1946), Sprachwissenschaftler, Lehrer, Geistlicher und Archivar

Scheiner Andreas Gottlieb, Sprachwissenschafter, Schulmann, Geistlicher und Archivar. * Mediasch (Mediaş, Siebenbürgen), 3. 11. 1864; † Hermannstadt (Sibiu, Siebenbürgen), 16. 2. 1946. Sohn eines evang. Pfarrers; stud. ab 1882 Theol. und Philol. an den Univ. Berlin, Tübingen (bei Sievers), München und Budapest, 1885 Dr. phil. (Tübingen). 1889–95 wirkte er als Dir. der Mädchenschule in Mediasch, bis 1899 am Lehrerseminar in Hermannstadt, bis 1907 als Rektor der evang. Volksschule in Mediasch, bis 1914 als evang. Pfarrer in Großschenk (Cincu), in der Folge bis 1936 als Beamter am Archiv der sächs. Nation in Hermannstadt. S. erlangte Bedeutung auf dem Gebiet der Mundartforschung und veröff. grundlegende Arbeiten zur Phonetik, Akzentuierung, Dialektgeographie und siebenbürg.-sächs. Sprachgeschichte wie auch zur Siedlungsgeschichte. Seine Untersuchungen von Orts- und Gebietsmundarten innerhalb des siebenbürg.-sächs. Sprachraums trugen entscheidend zum Aufgeben der lange vertretenen Theorie von der luxemburg. Herkunft der heutigen Siebenbürger Sachsen („Urheimatthese“) bei. Er untersuchte auch eingehend die ältesten Mundartzeugnisse sowie die Urkundensprache der Siebenbürger Sachsen und bot Ansätze zu einer neuen Sicht der Geschichte der Mundart in Siebenbürgen und deren Periodisierung. S. ging von der reinen Dialektgeographie über zu hist. Mundartforschung, konnte alle siebenbürg. Mundarten auf Hermannstadt zurückführen und damit den sprachbildenden Einfluß dieses geistigen Zentrums aufzeigen. Er vertrat das jahrhundertelange Bestehen einer gehobenen Umgangssprache, der sog. gemeinen Landsprache, zwischen Mundart und Hochsprache und sah das einheitliche Gepräge des siebenbürg.-sächs. Dt. als junge Erscheinungsform an, der ein Mundartgemisch vorangegangen war. An Hand der siebenbürg. Mundart wies S. der allg. Mundart- und Sprachforschung neue Wege. Mitarbeiter siebenbürg.-sächs. Periodika sowie mehrerer wiss. Z. des Auslandes, wurde er 1926 Ehrenmitgl. der Luxemburg. Ges. für das Stud. der Sprachen und Dialekte.

W.: Die Mediascher Mundart, in: Pauls und Braunes, Beitrr. zur Geschichte der dt. Sprache und Literatur 12, 1886; Die Mundart der Siebenbürger Sachsen, in: Beitrr. zur Siedlungs- und Volkskde. der Siebenbürger Sachsen ( = Forschungen zur dt. Landes- und Volkskde. 9), 1895; Zur Geschichte des siebenbürg. Vokalismus, in: Programm des theolog.-pädagog. Seminars der evang. Landeskirche AB in Hermannstadt . . . 1896/97, 1897; Siebenbürg. Tonfall, in: Archiv des Ver. für siebenbürg. Landeskde., NF 34, 1907; Die Schenker Herrenmundart, ebenda, NF 36, 1909, selbständig ( = Forschungen zur Volkskde. der Dt. in Siebenbürgen 2), 1909; „Ein mittelfränk. Akzentgesetz“, in: Korrespondenzbl. des Ver. für siebenbürg. Landeskde. 37, 1914; J. Trösters Mundart, ebenda, 44, 1921; „Echte Mundart“ nach dem Siebenbürg. Sächs. Wörterbuch, ebenda, 45, 1922; Die Mundart der Burzenländer Sachsen ( = Dt. Dialectgeographie 18), 1922; Zur geschichtlichen Wertung des Mediascher Predigtbuchs, in: Beitrr. zur Geschichte der evang. Kirche AB in Siebenbürgen . . ., 1922; Die Mundart der Sachsen von Hermannstadt, ebenda, NF 41, 1923; Vom Rhein und Sachsen, in: Archiv des Ver. für siebenbürg. Landeskde., NF 42, 1924; Die Mundart S. G. Brandschs. Ein Beitr. zur Geschichte der Mediascher Mundart, 1928; Stand, Methoden und bisherige Ergebnisse siebenbürg.-dt. Herkunftsforschung, in: Dt. He. für Volks- und Kulturbodenforschung, 1930/31; Die Herkunftsfrage der Siebenbürg. Sachsen, in: Ostland (Hermannstadt) 6, 1931; Die Sprache des Teilschreibers G. Dollert, in: Archiv des Ver. für siebenbürg. Landeskde., NF 47, 1933; Stammeskde. der Sachsen von Hermannstadt, zur Einführung in den Sprachgebrauch der Siebenbürg. Sachsen, in: Siebenbürg. Vjs. 63, 1940; (Briefwechsel mit A. Schullerus), hrsg. von K. K. Klein, in: Transsylvanica (═Buchr. der Südostdt. Hist. Komm. 12), 1963; (Briefwechsel), hrsg. von K. K. Klein, in: Südostdt. Germanistenbriefe 2, in: Südostdt. Archiv 6, 1963; sächs. Schwänke; etc. Mithrsg.: Teuthonista, 1924ff.
L.: H. Klein, in. Dt. Dialektgeographie 20, 1927, S. 147ff., 151ff.; K. K. Klein, in: Siebenbürg. Ztg., 1951, Oktoberh., S. 5; ders., in: Südostforschungen 12, 1953, S. 270ff. (mit Werksverzeichnis); B. Capesius, in: Forschungen zur Volks- und Landeskde, 1, 1958, S. 61ff.: K. K. Klein, in: Siebenbürg.-Sächs. Hauskal. 1960, (1959), S. 83ff.; Nagl-Zeidler-Castle 4, S. 1464; Trausch, s. Reg.; J. Trausch, Die dt. Dichtung Siebenbürgens . . . ( = Schriften des Inst. für Grenz- und Auslandsdeutschtum an der Univ. Marburg 3), 1925, S. 60; ders., Literaturgeschichte des Deutschtums im Ausland, 1939, S. 241, 413; ders., in: Transsylvanica ( = Buchr. der Südostdt. Hist. Komm. 12), 1963, s. Reg., bes. S. 36ff. (mit Werksverzeichnis).
(G. Richter)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 10 (Lfg. 46, 1990), S. 67f.
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