Scheu, Josef Franz Georg (1841-1904), Komponist, Chorleiter und Musikkritiker

Scheu Josef Franz Georg, Komponist, Chorleiter und Musikkritiker. * Wien, 15. 9. 1841; † Wien, 12. 10. 1904. Bruder des Vorigen und des Politikers und Schriftstellers Andreas S., Vater des Politikers und Juristen Gustav S. (beide s. d.); während der Volksschulzeit Sänger im Kirchenchor seiner Pfarre und in der Kindersingschule der Musikakad., war er aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse schon mit 15 Jahren im Orchester des Theaters a. d. Wien beschäftigt; daneben stud. er am Konservatorium der Ges. der Musikfreunde Klavier bei Fischhof, Pirkhert (beide s. d.) und Franz Ramesch, Komposition bei Simon Sechter sowie Waldhorn bei Richard Lewy und lernte dort den Dirigenten H. Richter (s. d.) kennen, mit dem er zeitlebens freundschaftlich verbunden war. Ab 1865 war S. 1. Hornist am Hofburgtheater und als Musiklehrer u. a. in der Familie des Justizministers Stremayr und in der Familie Kautsky tätig. 1881 im Burgtheater aufgrund seiner polit.-gewerkschaftlichen Aktivitäten zwangsweise pensioniert, verdiente S. seinen Lebensunterhalt mit Gesangstunden und als Korrepetitor. S. kam 1867 mit seinen Brüdern zur Arbeiterbewegung; 1868 gründete er eine Liedertafel im Arbeiterbildungsver. Gumpendorf, im selben Jahr vertonte er das „Lied der Arbeit“, das zur Hymne der österr. Arbeiterbewegung wurde. In den folgenden Jahren komponierte S. zahlreiche Lieder und Chorwerke (häufig Texte seines Bruders Andreas sowie u. a. Ged. von Heine, Dehmel, Hoffmann von Fallersleben, Freiligrath, Rückert), wobei die Übereinstimmung von textlicher und musikal. Deklamation für ihn sehr wesentlich war. 1872 gründete er den Wr. Musikbund (ab 1873 Wr. Musikver.), die erste österr. Gewerkschaft der Musiker, durch die eine soziale und lohnrechtliche Besserstellung erreicht wurde. Von 1875 bis zur behördlichen Einstellung 1878 war S. Red. der „Österreichischen Musikerzeitung“, 1878 gründete er den Arbeiter-Sängerbund Wien, den ersten österr. Arbeitergesangver., in dem er auch als Chormeister wirkte. 1880–82 arbeitete S. an einer Oper (mit sozialist. Vorstellungen nach einem märchenhaften, allegor. Libretto von Albert Dulk) im spätromant. Stil, die jedoch u. a. aufgrund wirtschaftlicher und polit. Schwierigkeiten nicht fertiggestellt werden konnte; 1882 war S. zeitweise in Untersuchungshaft. 1890 Mitbegründer und Chormeister der Freien Typographia, des ersten Arbeiterchors, bei dem auch Frauen zugelassen waren; 1894 auch Chormeister des Arbeiter-Sängerbundes Landstraße, 1891 Mitbegründer des Verbandes der Arbeiter-Gesangver. Niederösterreichs, 1901 des Reichsverbandes der Arbeiter-Gesangver. 1902 gründete S. die „Arbeitersänger-Zeitung“, deren Red. er bis zu seinem Tod innehatte. Ab 1895 wirkte er ferner als Musikkritiker der „Arbeiter-Zeitung“, wobei er bemüht war, das Kunstverständnis der Arbeiter zu fördern und ihnen die klass. und zeitgenöss. Musik näherzubringen. S. sah in der von ihm begründeten Arbeitersängerbewegung einen wesentlichen Bestandteil der Arbeiterbewegung überhaupt.

W.: Lied der Arbeit, 1868 (Text von J. Zapf); Arbeiter-Liederbuch für vierstimmigen Männerchor, 2 He., 1900; Lieder für eine Singstimme und Klavier; Lieder für Chöre in verschiedenen Besetzungen mit und ohne Orchesterbegleitung; usw. – Publ.: Die Arbeiter-Gesangver. und ihre Bedeutung für die sozialdemokrat. Partei, 1909; Artikel und Kritiken, u. a. in Arbeitersänger-Ztg. und Arbeiter-Ztg. Red.: Österr. Musikerztg., 1875– 78.
L.: N. Fr. Pr. vom 12. 10., Arbeiter-Ztg. vom 14. 10. 1904, 8. 4. 1906, 12. 10. 1924, 4. 8. 1928, 12. 10. 1929, 3. 2. 1948; Das kleine Bl. vom 5. 8. 1928; K. Schager, in: Der österr. Arbeitersänger 52, 1954, S. 17f.; J. Pinter, ebenda, 52, 1954, S. 65ff.; R. Pecha, ebenda, 53, 1955, S. 1ff., 9ff.; Archiv. Mitt.Bl. des Ver. für Geschichte der Arbeiterbewegung 14, 1974, S. 97; Bourdet; Frank-Altmann; Groner; Kosel 1; H. Steiner, Die Gebrüder Scheu ( = Veröff. der Arbeitsgemeinschaft für Geschichte der Arbeiterbewegung in Österr. 5), (1968), s. Reg.; A. Magaziner, Die Vorkämpfer, 1979, S. 34; R. Kannonier, Zwischen Beethoven und Eisler ( = Materialien zur Arbeiterbewegung 19), 1981, s. Reg.; R. Löw, Arbeiterbewegung und Zeitgeschichte im Bild 1867–1938, 1986, S. 462; H. Brenner, Stimmt an das Lied . . ., (1986), s. Reg. (mit Bild); J. W. Seidl, Musik und Austromarxismus. Zur Musikrezeption der österr. Arbeiterbewegung . . . ( = Wr. musikwiss. Beitrr. 17), 1989, S. 93ff.; Mitt. H. Steiner. Wien.
(I. Fuchs)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 10 (Lfg. 47, 1991), S. 97f.
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