Schicht, Johann (1855-1907), Industrieller

Schicht Johann, Industrieller. * Ringelshain(Rynoltice, Böhmen), 8. 3. 1855; † Aussig (Ústí nad Labem, Böhmen), 3. 6. 1907. Sohn des Fabrikanten Georg S. d. Ä. (s. d.), Bruder des Vorigen; schon als Kind in der Seifensiederei seines Vaters in Ringelshain tätig, kam S. 1868 in eine kaufmänn. Lehre nach Reichenberg (Liberec) und nahm schließlich 1872 in Wien eine Stelle im Büro des Fettwaren-Handlungshauses Bachmayr an, wo er die ersten Anregungen für Geschäfte großen Stils erhielt. Hier faßte er bereits den Plan, in der verkehrsmäßig günstig gelegenen Stadt Aussig eine Seifensiederei einzurichten. 1875 nach Ringelshain zurückgekehrt, fand er einen stark vergrößerten väterlichen Betrieb vor. 1878 übergab Georg S. seinen Söhnen Josef, Franz und Johann die Fa. Diese errichteten bald Verkaufsfilialen in Reichenberg, Teplitz (Teplice) und Aussig. Ringelshain erwies sich für den wachsenden Betrieb als Standort wenig geeignet, deshalb wurde 1882 mit dem Bau eines neuen Werks bei Obersedlitz (Střekov) begonnen; noch im selben Jahr konnte S., der das Unternehmen immer mehr dominierte, dort den Betrieb aufnehmen. Frachtkosten konnten nunmehr erspart und Ausgangsprodukte selbst hergestellt werden. Die Produktion fester Kaliseifen mit Hilfe des Eurich-Zeitlerschen Patents sowie wirksame Werbung machten die Schichtseifen und damit das Unternehmen in der ganzen Monarchie bekannt. Die 1887 errichtete Palmkernölfabrik trug wesentlich zur beschleunigten Entwicklung der Fa. bei. Es wurden auch Waschpulver, Kerzen, Wasserglas, Öle und Firnis produziert, auf dem Lebensmittelsektor Speisefette, Margarine und alkoholfreie Getränke. 1906 wurde das Unternehmen in eine AG umgewandelt, wobei 80% des Kapitals von der Familie Schicht gehalten wurden. S. hat es verstanden, aus einem Gewerbebetrieb für die lokale Versorgung das größte Ind.Unternehmen seiner Branche in der Monarchie zu machen, indem er die Chancen der in der 2. Hälfte des 19. Jh. aufstrebenden chem. Ind. mit Sachkenntnis und Energie nutzte. Er war, auch in seiner persönlichen Lebensführung, in der Naturheilbewegung engagiert und verfaßte dazu in Ztg. und Z. Artikel, aber auch über volkswirtschaftliche Fragen. Nach seinem Tod übernahmen seine Söhne Heinrich (1880–1959) und Georg (1884–1962) das Unternehmen, das sich in der Folge mit anderen der Branche zusammenschloß und 1929 Teil des Unileverkonzerns wurde.

L.: Prager Tagbl. und Reichenberger Ztg. (beide Abendausg.), N. Fr. Pr., Aussiger Tagbl. und Dt. Volksztg. (Reichenberg) vom 3., Teplitz-Schönauer Anzeiger und Teplitz-Schönauer Tagbl. vom 5. 6. 1907; Aussig-Karbitzer Volks-Ztg. vom 3. und 7. 6. 1907; Neues Wr. Journal vom 24. 5. 1914; Schicht-Kal. 1908, o. J., S. 35f., 1923, O.J., S. 16ff.; R. Kostka, in: Aussiger Bote 35, 1983, F. 1, S. 6ff.; Großind. Österr., Erg.Bd. 4, 1908, S. 258f.; F.Bernt, J. S., 1909 (mit literar. Nachlaß); Ch. Wilson, The History of Unilever 2, (1954), s. Reg.; J. Mentschl, Österr. Wirtschaftspioniere, (1959), S. 166ff.; F.J. Umlauft, Die Geschichte der dt. Stadt Aussig, 1960, S. 392f., 471f., 565ff., 690, 749; J. Mentschl-G. Otruba, Österr.Industrielle und Bankiers ( = Österr.-R. 279/281), (1965), S. 166ff.; W. Markl, Die Entwicklung von Organisation und Management der Österr. Unilever, sozial- und wirtschaftswiss. Diss. Wien, 1979, bes. S. 7, 9ff., 17; A.Brusatti, Geschichte der Unilever Österr., (1985), S. 25ff.; F. Mathis, Big Business in Österr., 1987, S. 321ff.; F. Hantschel, Biographien dt. Industrieller aus Böhmen, o.J. (s. unter Schicht Georg).
(J. Mentschl)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 10 (Lfg. 47, 1991), S. 105f.
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