Schiestl, Leopold (1815-1880), Rechtsanwalt und Vereinsfunktionär

Schiestl Leopold, Rechtsanwalt und Vereinsfunktionär. * Innsbruck, 19. 2. 1815; † Wien, 4. 11. 1880. Stud. ab 1832 Jus an der Univ. Wien, 1838 Dr. jur. Ab 1837 in einer Anwaltskanzlei in Wien tätig, wurde er 1848 Hof- und Gerichtsadvokat und zählte bald zu den am meisten beschäftigten Anwälten der Stadt. Maßgeblich an der Gründung der Niederösterr. Rechtsanwaltskammer beteiligt, gehörte er von deren Einrichtung 1850 an durch 20 Jahre dem Ausschuß an, fungierte ab 1857 als Prüfungskoär. bei der judiziellen Staatsprüfung und legte erst in seinem Todesjahr die Advokatur nieder. Daneben widmete er sich intensiv dem alpinen Ver.Wesen, trat 1870 an die Spitze des im Jahr davor gegründeten Österr. Touristen-Clubs und bestimmte nach zwei kurz amtierenden Obmännern erst die Entwicklung des Ver. in dessen erstem Jahrzehnt. Durch Tatkraft und versöhnlichen Charakter gelang es ihm, diesem zu einem bemerkenswerten Aufschwung zu verhelfen. Die Mitgl.Zahl steigerte er von 280 auf ca. 3000, daneben galt sein Bemühen dem Bau von Schutzhäusern; so ließ er u. a. das 1872 erworbene Gasthaus Baumgartner ausgestalten, erbaute 1876/77 das Damböckhaus – beide am Schneeberg (NÖ) – sowie das Karl Ludwig-Haus auf der Raxalpe (NÖ) und richtete 1875 als erste alpine Unterkunft in der Prielgruppe (OÖ) die Unterstandshöhle unter der sog. Brotfallscharte ein. Seiner Initiative sind auch 1872 beginnende umfassende Wegmarkierungen zu danken, so die ab 1878 vorgenommene systemat. Markierung der Umgebung Wiens, die allg. Anerkennung fand. Die dabei eingeführten farbigen Wegbezeichnungen waren wahrscheinlich die erste derartige Maßnahme im Alpengebiet. Mit der 1875 erfolgten Anlage des Gamsecksteiges ermöglichte er einen Übergang von der Rax- zur Schneealpe, ferner trug er wesentlich zur Erschließung des Wr. Waldes bei – beispielsweise 1877 durch die Anlage des sog. Nasenweges am Leopoldsberg b. Wien –, sorgte 1878 jedoch auch für Wegbau und Schutzhäuser im Triglavgebiet (Krain). Mit bes. Eifer widmete er sich kulturellwiss. Aktivitäten des Ver., führte Vorträge bei den Wochenversmlg. ein und errichtete Wetterstationen beim Baumgartnerhaus am Schneeberg sowie die bis zur Errichtung des Sonnblick-Observatoriums höchstgelegene Station am Hochobir (Kärnten), die täglich ihre Messungsergebnisse nach Wien meldeten. Ferner nahm er in das ursprünglich nur administrativen Belangen vorbehaltene. Ver.Organ alpintourist. sowie literar. Abhh. auf, begann mit der Ausg. von Landkarten und Führern seitens des Ver., veröff. selbst zahlreiche kleinere Arbeiten und legte 1874 der niederösterr. Statthalterei den Entwurf einer Bergführerordnung vor. Persönlich war er aus Gesundheitsgründen kein aktiver Alpinist. Seine organisator. Verdienste um die Alpinistik fanden jedoch volle Anerkennung. Er war ab 1879 Ehrenmitgl. des ÖTK und die 1884 am Hochschwab (Stmk.) errichtete Unterkunft heißt ihm zu Ehren Schiestlhaus. S. erwarb sich große Verdienste um die Entwicklung des ÖTK, der ab 1877 Klubsektionen in NÖ, OÖ, Kärnten und der Stmk. aufbaute, sowie um die Erschließung verschiedener Alpengebiete und führte den Begriff Touristik in die Literatur ein.

W.: Ueber das Oetzthal, in: Jb. des Oesterr. Touristen-Club 5, 1874; Reisefragmente aus der Schweiz, ebenda, 6, 1875; Das Gletschereigenthum, ebenda, 8, 1877; Berr. über ÖTK und andere Ver. in Jb. des Oesterr. Touristen-Club; kleinere jurid. Abhh. in Fachz.; usw.
L.: Alpine Chronik des Oesterr. Touristen-Club 1, 1880, S. 211f.; Mitt. DÖAV, 1880, S. 204f.; Jurist. Bll. 9, 1880, S. 553; H. Wallmann, in: Jb. des Oesterr. Touristen-Club 12, 1881, S. V ff. (mit Bild); ÖTZ 1, 1881, S. 89, 14, 1894, Festn., bes. S. 10 (mit Bild); R. Hösch, ebenda, 60, 1949, Festn., S. 4 (mit Bild); F.Kübl, in: 100 Jahre österr. Rechtsanwaltskammern 1850–1950, (1950), S. 34, 45ff.; 100Jahre ÖTK 1869–1969, 1969, S. 7, 11ff. (mit Bild); F. Kübl, Geschichte der österr. Advokatur ( = Schriftenr. des österr. Rechtsanwaltskammertages 3), 3. Aufl., hrsg. von D. Ströher, 1981, S. 162.
(R.Hösch)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 10 (Lfg. 47, 1991), S. 120f.
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