Schindler, Vinzenz Karl (1878-1932), Archivar und Historiker

Schindler Vinzenz Karl, Archivar und Historiker. * Fulnek (Mähren), 27. 5. 1878; † Wien, 17. 12. 1932. Sohn eines Tuchmachers; absolv. das Gymn. in Wien und stud. ab 1899 an der dortigen Univ. Geschichte und klass. Philol. u. a. bei O. Redlich, E. Mühlbacher und H. v. Arnim (alle s. d.), war aber, da verwaist, nebenbei als Hauslehrer tätig; 1901–03 nahm er am Ausbildungskurs des Inst. für österr. Geschichtsforschung teil, 1903 Staatsprüfung und Dr. phil. Nach Stud. in verschiedenen Archiven, zuletzt ab 1902 im Zentralarchiv des Dt. Ordens in Wien mit der Registrierung von Urkunden befaßt, wurde er dort 1903 provisor., 1904 w. Archivkonzipist, 1911 Archivar, 1917 Archivrat. Er fand beim Hoch- und Deutschmeister, Erzh. Eugen, Verständnis für die Notwendigkeit einer Ordnung der Archivbestände, die er in der Folge nach modernen Gesichtspunkten besorgte. Er adaptierte nach dem Muster des Haus-, Hof- und Staatsarchivs Räume im Dt. Haus, nahm dort 1904 die Neuaufstellung vor und widmete sich im folgenden Jahrzehnt vor allem der Feinsortierung. Bedingt durch die Zeitereignisse, mußte er sich dann aber aktuell prakt. Aufgaben des Ordens zuwenden. So leitete er im Ersten Weltkrieg den Einsatz in der ordenseigenen Kranken- und Verwundetenfürsorge und vertrat den Orden 1925 bei der 2. Wr. Konferenz der ost- und mitteleurop. Rot-Kreuz Ges. In der Zeit der Umwandlung des Dt. Ritterordens in eine rein geistliche Institution (1929) wurde er zudem (seit 1923) mit der Führung der gesamten Wr. Ordenskanzlei sowie den Kontakten zu den Nachfolgestaaten der Donaumonarchie betraut. Als Berater in den höchsten Ordensgremien trug er wesentlich zum Zustandekommen der Verträge mit der Tschechoslowakei (1925), dem SHS-Staat und Italien (1927) bei, welche den Bestand des Ordens und die Erhaltung der Güter in diesen Ländern sicherten. Dann widmete er sich hauptsächlich der Verwaltung der Ballei Österr. sowie daneben der des Vermögens Erzh. Eugens. Die wiss. Publ.Tätigkeit mußte er wegen dieser vielfältigen Aufgaben einschränken. Sein weitgehend vor dem Ersten Weltkrieg erarbeitetes Regestenwerk konnte er trotzdem noch veröff. Als anerkannter Archivfachmann wurde er 1913 in den österr. Archivrat berufen. Für seine Verdienste um die Kranken- und Verwundetenfürsorge wurde S. mehrmals ausgezeichnet. S., der anfangs nur die Erhaltung der Quellen zur Geschichte des Dt. Ordens sicherte, griff schließlich aufgrund seiner Vertrauensstellung in die Geschichte dieser Institution ein und half, deren Existenz und Tradition zu bewahren.

W.: Regesten aus dem Zentralarchive des Dt. Ritterordens zu Wien ( = Quellen zur Geschichte der Stadt Wien, Abt. 1, 9), 1921; Der Dt. Orden und sein Archiv in Österr., in: Korrespondenzbl. des Gesamtver. der dt. Geschichts- und Altertumsver. 76, 1928; mehrere Beitrr. für Tagesztg., u. a. für N. Fr. Pr.; usw. Red.: Das Veilchenfest in Wien, 1906. – Tagebuch, Denkschrift über den Orden usw., Zentralarchiv des Dt. Ordens, Wien.
L.: RP vom 17. 12. 1932; L. Bittner, in: MIÖG 48, 1934, S. 511f.; W. Latzke, in: Archival. Z. 42/43, 1934, S. 401f., Nachdruck 1975; Lhotsky, Inst., S. 244, 284; Santifaller, n. 217; A. Wieland, in: Die Regeln des Dt. Ordens in Geschichte und Gegenwart, hrsg. von E. Volgger, 1985, S. 231ff., bes. 238.
(B. Demel)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 10 (Lfg. 47, 1991), S. 156
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