Schlesinger, Sigmund; Ps. Memor (1832-1918), Schriftsteller und Journalist

Schlesinger Sigmund, Ps. Memor, Journalist und Schriftsteller. Geb. Waagneustadtl/Vágújhely, Oberungarn (Nové Město nad Váhom, Tschechoslowakei), 15. 6. 1832; gest. Wien, 7. 3. 1918. Schwiegersohn des Theaterdir. F. Pokorny (s. d.), Schwiegervater des Mediziners Otto Zuckerkandl, Bruder des Journalisten Max S. (s. unten); evang.; besuchte 1843–49 das Wr. Schottengymn. und versuchte sich bereits in dieser Zeit als Literat, so gem. mit seinem Mitschüler und Freund F. Nissel (s. d.) als Verfasser des vorrevolutionären Tendenztrauerspiels „Die Inquisitoren“ (ungedruckt). Ab 1855/56 als Journalist tätig, wurde er Red.Mitgl. der „Wiener Morgenpost“, 1863 des „Fremden-Blatts“ und 1867 Feuilletonist und Theaterkritiker des von seinem Schwager Moritz Szeps gegründeten „Neuen Wiener Tagblatts“, bei dem er sich durch seinen wortgewandten und pointierten Stil auch als lokalpolit. Ber.Erstatter einen ausgezeichneten Namen machen konnte und zu dessen Aufschwung er beitrug. Auch als Essayist der „Neuen Freien Presse“ trat er mit anschaulichen Beitrr. zur Wr. Lokal- und Theatergeschichte hervor. Ab 1885 lebte er, an keine redaktionelle Tätigkeit gebunden, als freischaffender Schriftsteller, in seinen letzten Jahren auch für das „Neue Wiener Journal“ tätig. 1859 einer der Mitbegründer des Journalisten- und Schriftstellerver. Concordia, verfaßte er für dessen 50jähriges Jubiläum den heiteren Einakter „Großpapa Bolz“ (1909). Dieses Genre ist S.s literar. Domäne, die er durch Jahrzehnte u. a. in den Dienst des Hofburgtheaters und seiner Ersten Kräfte stellte (Gelegenheitseinakter für Feiern und Gedenktage; z. B. hielt sich das Schillerstück „Die Gustel von Blasewitz“ 1859–86 im Repertoire). Die Anzahl seiner von kultiviertem Humor und Esprit bestimmten bühnensicheren Einakter und Lustspiele ist nahezu unübersehbar. Der bes. am Wr. Hofburgtheater erfolgreiche Routinier des heiteren Salonstücks in der Nachfolge Bauernfelds (s. d.) gilt auch als einer der ersten dt.sprachigen Vertreter der in Frankreich beheimateten Gattung der Proverbes dramatiques. Als Feuilletonist erweist er sich nicht nur als Humorist, sondern auch als krit. Beobachter des zeitgenöss. Wr. Ges.- und Kulturlebens. S.s Bruder Max S. (geb. Wien, 5. 5. 1846; gest. ebenda, 15. 2. 1907) war gleichfalls Journalist, insbes. als Ber.Erstatter lokaler und gesellschaftlicher Ereignisse tätig. Seine bes. Spezialität bildete die Ballberichterstattung.

W.: Das Beispiel, gem. mit F. Nissel, 1852 uraufgef. (Musik von F. v. Suppé); Der Hausspion, 1862; Ein Opfer der Wiss., 1863; Leitartikel und Feuilleton, 1864; Frau Sonne, 1864; Liebespolizei, 1865; Aus dem Leben gegriffen, 1867; Liselotte, 1869; Ein liberaler Candidat, 1872; Die Schwestern von Rudolstadt ( = Neues Wr. Theater 44), 1875; Vogelfrei, (1879); Zahlen beweisen, 1882; Glühlämpchen, 1886; Das Ende vor dem Anfang ( = Neues Wr. Theater 133), 1890; Pufferl, gem. mit I. Schnitzer, 1905 uraufgef. (Operette, Musik von E. Eysler); Schillers Heimgang, 1905; Original-Lustspiele, o. J.; usw.
L.: N. Fr. Pr. vom 14. 6. 1912 und 8. 3. 1918; Neues Wr.Tagbl. und Neues Wr. Journal vom 8. 3. 1918; Brümmer; Eisenberg, 1893, Bd. 1; Giebisch-Gugitz; Kosch; Kosch, Theaterlex.; Nagl-Zeidler-Castle 3–4, s. Reg.; Wininger; Wurzbach; Don Spavento, Wr. Schriftsteller & Journalisten, 1874, S. 189; F. Bornmüller, Biograph. Schriftsteller-Lex. der Gegenwart, 1882; A. Hinrichsen, Das literar. Deutschland, 2. Aufl., 1891; F. Nissel, Mein Leben, hrsg. von C. Nissel, 1894; J. Stern – S. Ehrlich, Journalisten- und Schriftsteller-Ver. „Concordia“ 1859–1909, 1909, bes. S. 50f.; J. Ratislav, F. Nissel, phil. Diss. Wien, 1914, passim; I. Donner, Das Feuilleton des „Neuen Wiener Tagblattes“ zwischen den beiden Weltkriegen, phil. Diss. Wien, 1951, S. 14, 36f.; B. Jasper, Das Feuilleton in der Wr. Tagespresse der Gegenwart . . ., phil. Diss. Wien, 1956, bes. S. 41f., 54ff., 148, 150; M. v. Alth, Burgtheater 1776– 1976, (1976), Reg.Bd. S. 30; F. Stieger, Opernlex. 3/3, 1981; P. Eppel, „Concordia soll ihr Name sein . . . “, 1984, s. Reg. – Max S.: Neues Wr. Tagbl. und N. Fr. Pr. (Abendausg.) vom 15. 2. 1907.
(S. Leskowa)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 10 (Lfg. 48, 1992), S. 198f.
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