Schlosser, Julius Alwin von (1866-1938), Kunsthistoriker

Schlosser Julius Alwin von, Kunsthistoriker. Geb. Wien, 23. 9. 1866; gest. ebenda, 1. 12. 1938. Evang. AB; Sohn des Militärintendanten Wilhelm v. S. und einer italienisch-stämmigen Mutter – darauf beruht wohl seine ausgeprägte Neigung zu allem Italienischem. Stud. 1884–1887 an der Univ. Wien zunächst Phil. und klass. Philol., dann Kunstgeschichte bei Franz Wickhoff und Archäol. bei Benndorf (s. d.), war 1887–89 unter Theodor v.Sickel Mitgl. des Inst. für Österr. Geschichtsforschung (Staatsprüfung 1889), 1888 Dr. phil., 1889 Kustos-Adjunkt an der Münz-, Medaillen- und Antikensmlg. des Kunsthist. Hofmus., 1893 Kustos, 1897 Leiter der dortigen Smlg. von Waffen und kunstindustriellen Gegenständen, 1902–22 deren Dir.; 1892 Habil. für neuere Kunstgeschichte, 1901 Tit. ao. Prof. der Kunstgeschichte an der Univ. Wien, 1905 ao. Prof. der Kunstgeschichte mit Titel und Charakter eines o. Prof. 1913 HR, 1922 o. Prof. als Nachfolger M. Dvořáks (s. d.) und Vorstand des 2. Kunsthist. Inst. der Univ. Wien, 1936 emer. Von S. wurden die am Kunsthist. Mus. wiss. noch nicht bearb. Smlgg. von kunstindustriellen Gegenständen – v. a. Bronzen und Musikinstrumente (S. war selbst ein passionierter Cello-Spieler) – erstmals systematisiert sowie durch Kat. zugänglich gemacht und boten ihm das Feld seiner gebietsmäßig weitest gespannten Forschungstätigkeit. Dabei kam er von einzelnen, zumeist bis dahin unbeachtet gebliebenen Kunstgegenständen und deren Geschichte, deren Bedeutung für die neuere Forschung auf diese Weise erschlossen wurde, zu entwicklungsgeschichtlichen Folgerungen. Sein zweiter Wirkungsbereich lag auf universitärem Gebiet: S. gehörte mit Wickhoff, Alois Riegl (s. d.) und Dvořák zur Gründergeneration der Wr. Schule der Kunstgeschichte. Sein hervorragendstes und bleibendes Verdienst, erwachsen aus der in Wien traditionell engen Beziehung zur Geschichtswiss., war die Erschließung von Quellenkde. und -kritik als kunstwiss. Instrumentarium; zu diesem Thema entstand 1924 sein Hauptwerk „Die Kunstliteratur“. Auf kunsttheoret. Gebiet gelangte S., nachhaltig beeindruckt von Person und Werk des neapolitan. Philosophen Benedetto Croce, dem er auch freundschaftlich verbunden war, zu einer Polarisierung der Kunstgeschichte in „Stil-“ und „Sprachgeschichte“ und damit zu einer Unterscheidung von originärer Kunst und deren unkünstler., weil „rhetorischen“ Derivationen, wobei gerade S.s sprachgeschichtlicher Ansatz seinen Schüler Ernst Gombrich zu einem für die Moderne relevanten pluralist. Kunstbegriff führte. S. wurde 1909 korr., 1914 w. Mitgl. der Akad. der Wiss. in Wien.

W.: Album ausgewählter Gegenstände der Kunstindustriellen Smlg. des Allerhöchsten Kaiserhauses, 1901; Die Kunst- und Wunderkammern der Spätrenaissance, 1908, 2. Aufl. 1978; Geschichte der Porträtbildnerei in Wachs, in: Jb. der kunsthist. Smlgg. des Allerhöchsten Kaiserhauses 29, 1911; Materialien zur Quellenkde. der Kunstgeschichte, in: Sbb. Wien, phil.-hist. Kl. 177, 1914, 179 f., 1915–16, 184, 1917, 189, 1918, 192, 1919, 195 f., 1920; Die Smlg. alter Musikinstrumente ( = Publ. aus den Smlgg. für Plastik und Kunstgewerbe 3), 1920; Die Kunstliteratur, 1924, Nachdruck (1985); Präludien. Vorträge und Aufsätze, (1927); Künstlerprobleme der Frührenaissance ( = Sbb. Wien, phil.-hist. Kl. 214–215), 1933–34; Die Wr. Schule der Kunstgeschichte, in: MIÖG, Erg.Bd. 13, H. 2, 1934; Die Kunst des Mittelalters ( = Die sechs Bücher der Kunst 3), o. J.; usw. Hrsg.: Lorenzo Ghibertis Denkwürdigkeiten (I commentarii), 1912; Publ. aus den Smlgg. für Plastik und Kunstgewerbe 1ff., 1919ff.; usw.
L.: Neue Zürcher Ztg. vom 24. 9. 1966; Almanach Wien 89, 1940, S. 251ff.(mit Bild); H. Sedlmayr, in: MIÖG 52, 1938, S. 513ff.; O. Kurz, in: Critica d’arte 2, 1955, S. 402ff.; K. T. Johns, in: Krit. Berr. 16, 1988, S. 47ff. (mit Werks- und Literaturverzeichnis); Lhotsky, Inst., s. Reg.; J. v. Schlosser, in: Die Kunstwiss. der Gegenwart in Selbstdarstellungen, hrsg. von J. Jahn, 1924, S. 95ff. (mit Bild); FS für J. v. S. zum 60. Geburtstage, hrsg. von A. Weixlgärtner und L. Planiscig, 1927 (mit Werksverzeichnis und Bild); M. Podro, in: Wien und die Entwicklung der kunsthist. Methode ( = Akten des XXV. Internationalen Kongresses für Kunstgeschichte 1), 1984, S. 37ff.; E. Lachnit, in: Altmeister moderner Kunstgeschichte, hrsg. von H. Dilly, 1990, S. 151ff.; A. Rosenauer, in: Dictionary of Art, o. J.; UA Wien.
(M. Haja)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 10 (Lfg. 48, 1992), S. 218f.
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