Schmid, Anton (1900-1942), Elektrohändler und Soldat

— Anton Schmid, Elektrohändler und Soldat. Geb. Wien, 9. 1. 1900; gest. Wilna, UdSSR (Vilnius, Litauen), 13. 4. 1942 (hingerichtet). Sohn eines Postbeamten; zuerst im Telefonwesen tätig, absolv. er dann eine Elektrotechnikerlehre und eröffnete 1928 ein Elektrowarengeschäft in Wien XX. Leistete im Ersten Weltkrieg ab Juli 1918 Militärdienst bei der 2. Ersatzkomp. des Schützenrgt. 1, wurde im Dezember desselben Jahres dauernd beurlaubt, sofort bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs aber wieder eingezogen, machte den Polenfeldzug mit und wurde schließlich als Feldwebel zum Leiter der Versprengtendienststelle in Wilna bestellt. S., der nach der Eingliederung Österr. in das Dt. Reich schon einigen jüd. Personen von Wien zur Flucht in die Tschechoslowakei verholfen hatte, nahm vorerst ein verfolgtes jüd. Mädchen in seine Wohnung auf, später den aus der Preßburger Gegend stammenden jüd. Schriftsteller Hermann Adler mit dessen Frau. Durch Vermittlung Adlers kam er in Verbindung mit Insassen des Wilnaer Ghettos und bewahrte in der Folge ca. 350 Personen durch Ausstellung von Arbeitsbestätigungen vor dem Tod. Für manche bedeutete dies allerdings keine endgültige Rettung, sondern lediglich einen Aufschub. Auch soll S. Verbindung zur jüd. Untergrundbewegung, die den Aufstand im Warschauer Ghetto vorbereitete, gehabt haben. Schließlich wurden diese Aktivitäten seiner vorgesetzten Dienststelle bekannt, S. überraschend verhaftet und vom Gericht der Feldkommandantur (V) 814 zum Tod verurteilt und nach der Hinrichtung am Militärfriedhof Wilna-Antakalis bestattet. S. war weder polit. noch konfessionell engagiert, sein Handeln entsprang allein einer tiefempfundenen Menschlichkeit, die nach dem Ende des Kriegs auch mehrfach Anerkennung fand. So überreichte Yad-va-Shem (Israel) 1967 der Witwe in Wien die S. posthum verliehene Medaille „Chassid Umot Haolam“, die ausschließlich den „Gerechten der Völker“ vorbehalten ist, Hörspiel und Film schilderten sein Schicksal, 1988 pflanzte Adler, der seiner schon im Vorwort zu den in Wilna entstandenen und lange bei S. versteckten Ged. gedacht hatte, zu dessen Gedenken einen Baum in der Allee der Gerechten im Rahmen der Gedenkstätte Yad-va-Shem in Jerusalem, und 1990 wurde eine Wohnhausanlage in Wien XX. nach ihm benannt. Das schönste Denkmal aber setzte ihm der in den USA lebende Dichter Thom Gun in seinem „Misanthropos“. In den 17 Einzelged. wird S. als einziger namentlich genannt und erscheint als Symbol der den Weltekel überwindenden Menschlichkeit.

L.: Berliner Ztg. vom 30. 10. 1955 (mit Bild); Daily Mirror vom 5. 5. 1961; Kurier vom 25. 2. 1967 (mit Bild); Bleter far Geszichte 4, 1951, H. 1, S. 96ff. (jidd.); Th. Friedmann, in: Yivo Bleter 39, 1955, S. 154ff. (jidd.); M. Dvorjetski, in: yad washem. Bulletin, 1958, n. 3, S. 18ff.; S. Okęcki, in: Internationale He. der Widerstandsbewegung 2, 1960, n. 4, S. 69; Der Ausweg 3, 1965, n. 5, S. 1 (mit Bild); der neue Mahnruf 20, 1967, n. 6, S. 7 (mit Bild), 1972, n. 4, S. 3 (mit Bild); Der Freiheitskämpfer, 1972, n. 5, S. 7; S. Okęcki, in: Wojskowy Przegląd Historiczny 17, 1972; B. Mark, Der Aufstand im Warschauer Ghetto, 1957, S. 166f.; Die Kontroverse Hannah Arendt. Eichmann und die Juden, red. von F. A. Krummacher, (1964), S. 179; Geheime Kommandosache 1, (1965), S. 287; S. Okęcki, Zur Teilnahme der Österreicher an der poln. Widerstandsbewegung (1939–45), 1965, S. 2f.; S. Wiesenthal, Doch die Mörder leben, hrsg. von J. Wechsberg, (1967), S. 328ff.; H. Adler – H. Wiemuth, „Feldwebel Schmid“, 1968 (Fernsehdokumentarspiel); H. Arendt, Eichmann in Jerusalem, 4. Aufl. 1976, 275; I. Arad, Wilna Ha-Jehudit b’maawak we-b’kilajon, 1976; F. Vogl, Widerstand im Waffenrock ( = Materialien zur Arbeiterbewegung 7), 1977, S. 146ff. (mit Bild); Ph. Friedmann, Roads to extinction: Essays on the Holocaust, 1980, S. 449, 464; I. Cukierman, Kapitlen fun Izawon, 1982, S. 92f.; I. Gutman, The Jews of Warszaw 1939–43, 1982, S. 162f.; G. Blaicher, in: Festgabe H. Hürten zum 60. Geburtstag, hrsg. von H. Dickerhof, (1988), S. 421ff.; „. . . ss’firt kejn weg tsurik . . .“. Das Ghetto in Wilna 1941–43. Eine szen.-musikal. Collage von und mit der Gruppe „Gojinn“, 1988/89; KA, Dokumentationsarchiv des Österr. Widerstandes, beide Wien; Archiwum Emanuela Ringelbluma, Warszawa, Polen; Mitt. G. Haschek-Schmid, Wien, H. Adler, Basel, Schweiz, Yivo Inst. for Jewish Research, New York, USA, Żydowski Inst. Historyczny w Polsce (Jüd.-hist. Inst.), Warszawa, Polen.
(F. Hillbrand-Grill)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 10 (Lfg. 48, 1992), S. 243f.
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