Schneider, (Johann Wilhelm) Ferdinand (1852-1899), Offizier und Militärdiplomat

Schneider (Johann Wilhelm) Ferdinand, Offizier und Militärdiplomat. Geb. Frankfurt a. Main, Freie Stadt (Deutschland), 23. 10. 1852; gest. Wien, 20. 10. 1899. Sohn eines Pastetenbäckers; evang. AB. Trat nach zwei Jgg. an der Realschule in Berlin und Besuch einer österr. Kadettenschule 1869 in das IR 49 ein, wurde 1872 Lt., 1877 Oblt, 1880 Hptm., 1889 Mjr., 1891 Obstlt., 1894 Obst., 1899 aber seines Postens enthoben. Nach Absolv. der Divisionsschule in Wien sowie der Brig.Off.Schule in Enns (OÖ) besuchte er 1876–78 die Kriegsschule in Wien, diente dann als Gen.Stabsoff, bei verschiedenen Inf.- und Kav.Brig. sowie als Konzipient bei der Gen.Stabsabt. des Gen.Kmdo. in Agram. 1882 in das Reichskriegsmin. berufen, kam er 1884 als Militärattaché an die Gesandtschaft in Bukarest, tat ab 1890 wieder Dienst bei der Truppe und kommandierte in der Folge die l. Div. des Ulanenrgt. 2 in Dębica sowie 1891/92 auch die Brig.Off.Schule in Tarnów. 1894 fand er neuerl. Gen.Stabsverwendung und fungierte als Militärattaché bei der Botschaft in Paris sowie der Gesandtschaft in Brüssel. Nach Jahren unauffälliger Arbeit wurde S. 1899 in die Dreyfus-Affäre hineingezogen. Als die höchsten Armeekreisen angehörenden sog. Antirevisionisten ein 1896 aus S.s Wohnung entwendetes ungezeichnetes Schriftstück mit falschen Daten versahen und als Belastungszeugnis gegen Dreyfus vorlegten, informierte S., der seine ursprüngl. Meinung von der Schuld des Angeklagten aus überlegten Gründen geändert hatte, die Ztg. „Le Figaro“ von den Machenschaften und erklärte sich zum Zweikampf mit dem Kabinettschef des französ. Kriegsmin. bereit. Dazu kam es zwar nicht, doch gelangte S. s Name in die Schlagzeilen der französ. und österr.-ung. Presse. Er schien damit den Grundsatz der Nichteinmischung eines Diplomaten in die inneren Angelegenheiten eines fremden Staates verletzt zu haben und wurde wegen seines unbefugten Handelns des Postens enthoben. Er überlebte das Prozeßende nur um wenige Wochen. S., der sich in Bukarest als scharf beobachtender Militärdiplomat während der Zeit der bulgar. Unionsbewegung bewährt und den militär.-polit. Zustand der rumän. Armee treffend beurteilt hatte, fand in Ausz. Anerkennung. Er trat auch als Militärschriftsteller hervor und fand u. a. durch seine Arbeiten über die Kav. Beachtung.

W.: Felddienst der Cavallerie, in: Organ der militärwiss. Ver. 44, 1892; Cavallerie vor! Eine kriegsgeschichtl. Stud., ebenda, 46, 1893; usw.
L.: N. Fr. Pr. und Die Reichswehr vom 20. 10. 1899 (beide Abendausg.); Militär-Ztg. 54, 1899, S. 304; J. Reinach, Histoire de l’affaire Dreyfus 3, 1903, S. 47f., 5, 1905, S. 386; E.-O. Czempiel, Das dt. Dreyfus-Geheimnis, (1966), s. Reg., bes. S. 44f., 53; KA Wien.
(E. Wohlgemuth)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 10 (Lfg. 49, 1993), S. 374
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