Schneider, Karl Camillo (1867-1943), Zoologe

Schneider Karl Camillo, Zoologe. Geb. Pomßen, Sachsen (Deutschland), 28. 8. 1867; gest. Eichenhof b. Oels, Schlesien (Oleśnica, Polen), März 1943 (?). Sohn eines Teichpächters in Wermsdorf und späteren Rittergutspächters; evang. AB, später konfessionslos. Stud. nach Absolv. des Realgymn. in Döbeln ab 1886 Naturwiss., v. a. Zool., aber auch Paläontol., Mineral., Chemie usw. an der Univ. Leipzig, ab 1889 an der Univ. München, u. a. bei Richard Hertwig sowie Wilhelm Wundt, und wurde dort 1890 zum Dr. phil. prom. (1898 von der Univ. Wien nostrifiziert). 1890/91 arbeitete er als Ass. am II. zoolog. Inst. der Univ. Wien, weilte anschließend bis 1897 mit finanzieller Förderung zu Forschungszwecken an den zoolog. Stationen Neapel und Rovigno (Rovinj), wirkte dazwischen 1895/96 als Ass. am Inst. für Zool. und vergleichende Anatomie an der Univ. Gießen. Ab 1897 def. Ass. bei B. Hatschek (s. d.) an der Univ. Wien, habil. er sich dort für Zool., wurde 1905 unbesoldeter ao., 1911 ao. Prof., im Juli 1932 suspendiert und im September desselben Jahres i. R. versetzt. S. arbeitete die am Meer ges. Materialien später aus und widmete sich in seiner Frühzeit v. a. histolog.-anatom. Forschungen. Allmähl. nahm sein daneben bestehender Hang zum Theoretisieren sowie zur Phil. immer mehr zu. Bald bezog er auch den Menschen in seine Betrachtungen ein und beschäftigte sich intensiv mit Tierpsychol. In Dialogform versuchte er die gemäß ihrer Vorbildung verschiedenen Standpunkte der Betrachter gegenüberzustellen und vertrat schließl. dabei selbst den vitalist., der die innere Gesetzmäßigkeit der Organismen auf eine Lebenskraft – vis vitalis - zurückführt. In seiner euvitalist. Biol. entwickelte er aber entgegen der stat. Auffassung der meisten Vitalisten eine dynam., sich ständig wandelnde („Entwicklung“). Als er auch über Parapsychol. bzw. Psychol. des Okkultismus zu lesen begann, kam es zu Auseinandersetzungen mit dem Dekanat über den Umfang seines Lehrauftrags, die S. 1931 beim Begräbnis des Botanikers Richard Wettstein zu einem Revolverattentat auf den damaligen Rektor und vorherigen Dekan Othenio Abel veranlaßten, das nur durch das Dazwischentreten des Wr. Bürgermeisters Karl Seitz scheiterte. S. entging zwar einer Verurteilung und einem Disziplinarverfahren, da in der gerichtl. Voruntersuchung 1932 auf eine Geistesstörung zum Zeitpunkt der Tat erkannt wurde, seine akadem. Laufbahn aber war zu Ende. Nach mehrmonatiger Anstaltsbehandlung verließ er Wien, beschäftigte sich mit Mineral, und lebte zuletzt auf der Geflügelfarm seines Bruders bei Oels. Mit seinem Lehrbuch der vergleichenden Histol. der Tiere sicherte sich S., der sich auch als Dramatiker und Novellist versuchte, einen Platz unter den bedeutendsten Zoologen der ersten Hälfte des 20. Jh.

W.: Anatomie, Histol. und Systematik der Siphonophoren, 5 Tle., 1894– 1900; Hydropolypen von Rovigno, 1897; Lehrbuch der vergleichenden Histol. der Tiere, 1902; Vitalismus, 1903; Einführung in die Deszendenztheorie, 1906, 2. Aufl. 1911; Ursprung und Wesen des Menschen, 1908; Histolog. Praktikum der Tiere . . ., 1908; Vorlesungen über Tierpsychol., 1909; Tierpsycholog. Praktikum in Dialogform, 1912; Natürliche Menschheitsgeschichte. . . von der Urzeit bis in die Zukunft, 1915; Die Welt, wie sie jetzt ist und wie sie sein wird, 1917; Die Möglichkeit einer neuen dt. Kultur ( = Bücherei der Zukunft 1), 1921; Die Stellung der heutigen Wiss. zu den parapsych. Phänomenen ( = Wr. Parapsych. Bibl. 22 = Die Okkulte Welt 124/5), (1924); Die Periodizität des Lebens und der Kultur, 1926; Euvitalist. Biol. Zur Grundlegung der Kultur, 1926; Die Wr. Revolution, 1931 (Drama); Novellen; usw.
L.: Eisler; Kürschner, Gel.Kal. 1925–35; Ziegenfuß; Botanik und Zool. in Österr . . . . 1850–1900, 1901, S. 507; W. Haas, Die Geschichte der zoolog. Inst. der Univ. Wien, phil. Diss. Wien. 1958, s. Reg., bes. S. 322f., 411f.; UA Wien.
(W. Kühnelt)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 10 (Lfg. 49, 1993), S. 382f.
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