Schneller, Karl; Ps. Hans Rudorff (1878-1942), Generalmajor und Schriftsteller

Schneller Karl, Ps. Hans Rudorff, General und Schriftsteller. Geb. Wien, 19. 4. 1878; gest. ebenda, 24. 4. 1942 (an den Folgen eines Motorradunfalls). Sohn eines FML. Besuchte 1888/89 die Realschule in Wien-Wieden, 1889–92 die Militärunterrealschule in St. Pölten, 1892–95 die Militäroberrealschule in Mähr. Weißkirchen (Hranice) sowie ab 1895 die Techn. Militärakad. in Wien. Wurde 1898 als Lt. zum Korpsart.Rgt. 8 ausgemustert, 1902 Oblt., 1905 Hptm. 2., 1908 1. KL, 1913 Mjr., 1915 Obstlt., 1917 Obst., nach seinem Übertritt in den Dienst der Republik Österr. bzw. der Volkswehr 1923 Sektionschef im Staatsamt für Heerwesen, 1924 Tit. GM, 1925 Gen., 1926 aus polit. Gründen i. R. versetzt. 1901–03 absolv. er die Kriegsschule in Wien, wur de 1903 dem Gen.Stab, 1908 dem Reichskriegsmin. zugeteilt und fand dort ab 1909 als Konzeptsoff. bei diplomat. Verhandl. Verwendung. Ab 1912 wieder im Truppendienst, avancierte er 1913 zum Gen.Stabschef der 47. Inf.Truppendiv., wurde aber schon im Folgejahr dem Operationsbüro des Gen. Stabs zugeteilt. Ab Kriegsbeginn 1914 gehörte er der Operationsabt. des Armeeoberkmdo. als Leiter der sog. I(talien) -Gruppe an. Als solcher fungierte er bis Mai 1915 als Verbin dungsoff. beim Min. des Äußeren sowie als Chef des Pressedienstes beim Armee oberkmdo., wo er fundierte kriegswiss. Stud. anstellte, aber auch verschiedene Verschleierungen in der Heeresberichterstattung vornahm. Er befaßte sich knapp nach dem Kriegseintritt Italiens mit den Grundplanungen eines raschen Offensivstoßes aus Südtirol, entwarf 1916 und auch 1917 Operationspläne gegen Italien, befürwortete einen sofortigen Totalangriff und verhandelte, allerdings ohne befriedigendes Ergebnis, mit dem dt. Gen.Stabschef über ein gem. Vorgehen. Im April 1917 Kmdt. des Abschnittes Travenanzes, fungierte er ab August des Jahres als Chef des Gen.Stabs des 14. Korps. Im folgenden Jahr beschleunigte er durch initiatives Eingreifen den Abschluß des Waffenstillstands in der Villa Giusti und gehörte 1919 als Militärexperte der österr. Delegation bei den Friedensverhh. in St.-Germain-en-Laye an, wo er sich gegen die Aufstellung eines Berufsheeres aussprach. Im Dienste der Republik leistete er Gen.Stabsarbeit, die gemäß den Friedensbedingungen eigentl. verboten war. Als Freund Theodor Körners, des späteren österr. Bundespräs., der Sozialdemokrat. Partei nahestehend, kam er 1934 für einige Monate in das Anhaltelager Wöllersdorf. S., der bis zu einem Verbot seitens K. Karls (s. d.) während seines Militärdienstes im südl. Tirol dort das Deutschtum zu fördern gesucht hatte, befürwortete gleich einem großen Teil der Sozialdemokraten den Anschluß Restösterr. an das Dt. Reich und begrüßte daher die 1938 erfolgte Eingliederung. Von Jugend an der Literatur zugeneigt, veröff. er früh Ged. in Z. und Tagesztg. aber auch schon während seiner Dienstzeit kleine Lyriksmlgg. Sein umfangreiches Werk, an dem er bis wenige Tage vor seinem Tod arbeitete, fand jedoch erst in den späten 70er sowie den 80er Jahren größere Beachtung, als nicht nur Sammelbde. seiner Ged. sondern auch seine Dramen hrsg. wurden, von denen er „Thermidor“ und „Oktober“ hist. Themen, „Ahasver“ der Polarität von Glaube und Unglaube gewidmet hatte. In seinen Ged. zeigt er soziales Verständnis, Ehrfurcht vor der Schöpfung und Friedenswillen. Seine Kriegserlebnisse sowie die Mission in St. Germain hielt er in Tagebüchern fest und verrät darin Scharfsinn sowie starkes inneres Engagement. S., der sich im Ersten Weltkrieg als eines der begabtesten und aktivsten Mitgl. des Gen.Stabs erwiesen hatte, propagierte nach Kriegsende in seinem Schriftsteller. Schaffen wohl tw. pazifist. Ideen, war aber auch am Aufbau der Streitkräfte des republikan. Österr. wesentl. beteiligt.

W.: 1916, mancò un soffio. Diario inedito della Strafexpedition dal Pasubio all’Altopiano dei 7 Communi, hrsg. von G. Pieropan, 1984; Kriegsberr, in Streffleur; Beitrr. über das Ende Österr.-Ungams in Tagesztg.; Tagebücher, Manuskript, KA Wien; usw. Ged.: Ged., 1920; Gesichte und Gestalten, 1925; Im ewigen Strom, 1936, Neuaufl. (1987); Gefangenschaft. Ein Buch Sonette, hrsg. von K. R. Stadler, 1978 (mit Biographie und Bild); Augenblicke, nicht verweht, (1980); Der Menschheit Fluch. Ged. wider den Ungeist des Krieges, (1981); Gesänge um den Tod, das Leben und die Liebe, (1983); Beglückende Schau, (1985); Ged. in Tagesztg. und Z., u. a. in Die Muskete, und Sammelbde.; usw. Dramen; Ahasver, (1982); Thermidor, (1984); Oktober, (1986).
L.: Neues Wr. Journal vom 20. 4. und 1. 5. 1924; Arbeiter-Ztg. vom 28. 2. 1926; L. Jedlicka, in: Österr. Akad. der Wiss. Anzeiger, phil.-hist. Kl. 113, 1976, bes. S. 152ff.; Giebisch–Gugitz: Jb. der Wr. Ges., 1929; Kosch; Kürschner, 1939; Österr.-Ungarns letzter Krieg 1914–18, 3–4, 6–7, 1932–38; K. Mayer, Die Organisation des Kriegspressequartiers beim k. u. k. AOK . . . 1914–18, phil. Diss. Wien, 1963, S. 33f.; B. Kreisky, in: Werk und Widerhall, hrsg. von N. Leser, (1964), S. 227; O. Regele, Gericht über Habsburgs Wehrmacht (1968), s. Reg. (mit Bild); L. Jedlicka, in: Beitrr. zur neueren Geschichte Österr., 1974, S. 455ff.; E. Glaise v. Horstenau, Ein Gen. im Zwielicht. Die Erinnerungen . . . ., hrsg. von P. Broucek, 1 ( = Veröff. der Komm. für Neuere Geschichte Österr. 67), 1980, s. Reg.; G. Artl, Die österr.-ung. Südtiroloffensive 1916 ( = Militärgeschichtl. Diss. österr. Univ. 2), 1983, bes. S. 27ff.; A. Magaziner, Die Bahnbrecher, (1985), S. 89ff. (mit Bild); R. Jirka, Hdb. der Grabstätten von Persönlichkeiten auf dem Grinzinger Friedhof zu Wien, 1986, S. 200f.; P. Broucek, in: St. Germain 1919 ( = Wiss. Komm. zur Erforschung der Geschichte der Republik Österr. Veröff. 11), 1989, S. 201ff., bes. 124ff.; H. Kristan, Der Gen.Stabsdienst im Bundesheer der Ersten Republik ( = Militärgeschichtl. Diss. österr. Univ. 10), 1990, S. 62, 114, 174; I. Ackerl –f.Weissensteiner, Österr. Personenlex., 1992; A. Elmer, M. Ritter v. Hoen (1867–1940), phil. Diss. Wien, 1992, s. Reg.; G. Enderle-Burcel, Sektionschefs, 1991, Manuskript, Österr. Ges. für hist. Quellenstud., Wien; M. Rauchensteiner, Der Tod des Doppeladlers, 1993, s. Reg.; KA Wien.
(E. Wohlgemuth)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 10 (Lfg. 50, 1994), S. 398f.
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