Schnirch, (Franz) Friedrich (1791-1868), Techniker

Schnirch (Franz) Friedrich, Techniker. Geb. Patek, Böhmen (Pátek, Tschechien), 7. 6. 1791; gest. Wien, 25. 11. 1868. Vater des Vorigen. Entstammte ärml. Verhältnissen. Nach dem Besuch des Gymn. in Hörn, der phil. Lehranstalt in Krems sowie des k. k. Konvikts zu Wien kurze Zeit als Sekretär im gräfl. Daunschen Dienst, stud. er 1819–21 am Polytechn. Inst. in Wien höhere Mathematik, prakt. Geometrie, Land- und Wasserbaukunst, architekton. Zeichnen sowie Maschinenlehre. Anschließend als gräfl. Magnischer Privating. tätig, trat er 1827 als Straßenkoär. in den Staatsdienst, wurde 1839 prov. Amtsing., 1842 prov. Obering., 1842 zeitl. Unterinsp., 1848 der. Insp.Adjunkt, 1850 Oberinsp. und trat 1863 i. R. Vorerst bei der Baudion. für Böhmen verwendet, war er ab 1842 bei der Generaldion. für die Österr. Staatseisenbahnen tätig, fungierte dort ab 1850 als Stellv. des Vorstandes Ghega (s. d.) und tat ab 1852 in gleicher Eigenschaft bei der neugeschaffenen Zentraldion., ab Mai 1859 beim Dep. 11/Sektion 2 des Min. für Handel, Gewerbe und öff. Arbeiten Dienst, leitete ab September desselben Jahres das Dep. 13 B/Sektion 2 und war ab 1860 in der Ministerialkomm. für ältere Staatseisenbahnangelegenheiten beschäftigt. S. trassierte die Linie Olmütz–Prag (Olomouc– Praha) sowie die der nördl. Staatsbahn und war dann bis 1847 mit der Trassierung der gegen Westen auszuführenden Staatsbahnen, 1847 mit der Einrichtung der ersten Telegraphenanlagen, 1856 mit Vorarbeiten für die Bahnlinien in Siebenbürgen befaßt. Als Schüler Kudriaffskys (s. d.), des Begründers der Wr. Schule des Brückenbaus, widmete sich S. jedoch vornehml. diesem Zweig der Technik. Noch im Privatdienst stehend, schuf er 1824 die erste Kettenbrücke auf dem europ. Kontinent bei Straßnitz (Strážnice) in Mähren über die March und erstellte 1827 den Entwurf für eine Kettenbrücke über die Moldau in Prag, die trotz heftiger Widerstände 1838–41 unter seiner Leitung errichtet wurde. 1847/48 erbaute er eine weitere Kettenbrücke über die Moldau, die als Ind.Denkmal als einzige seiner Brücken erhalten blieb. In der Folge stud. er das Problem dieser Brückenart weiter und erhielt 1858 ein Privileg für ein von ihm entwickeltes System, das er 1859/60 mit der ersten Kettenbrücke für den Eisenbahn- bzw. Lokomotivbetrieb für die Wr. Verbindungsbahn (Franzensbrücke, 1884 durch eine Bogenbrücke ersetzt) und 1863/64 bei der im Zusammenhang mit der Anlage der Wr. Ringstraße entstandenen ersten Aspernbrücke über den Donaukanal realisieren konnte (1913 durch Bogenbrücke ersetzt). Das dabei angewendete Konstruktionsprinzip hatte er schon seinem 1826 entwickelten System feuersicherer hängender Eisendächer zugrunde gelegt. S. trat auch für die Interessen des aufstrebenden Technikerstandes ein, regte 1848 die Bildung einer Vereinigung der Ing. an, die noch im selben Jahr als „Oesterreichischer Ingenieur-Verein“ (seit 1864 „Oesterreichischer Ingenieur- und Architekten-Verein“) konstituiert wurde, der die Vertretung dieses Standes in wiss. und prakt. Belangen wahrnehmen und zur Beratung über öff. Bauvorhaben beigezogen werden wollte. S. wurde zum Stellv. Adalbert v. Schmidts (s. d.), des ersten Präs., gewählt und wirkte gem. mit diesem intensiv für die Entwicklung des Ver. wie auch für dessen Z., die sie beide zu angesehenen, noch heute bestehenden Einrichtungen ausgestalteten. S., vielfach geehrt, u. a. ab 1863 k. Rat, zählt zu den bedeutendsten österr. Technikern der ersten Hälfte des 19. Jh., trug wesentl. zum Fortschritt des Brückenbaus bei und regte auch die schon 1862 einsetzenden Festigkeitsversuche mit Natursteinmauerwerk im Hinblick auf dessen Verwendung für den Brückenbau an.

W.: zahlreiche Brücken und Eisendächer, u. a. Kettenbrücke über die Moldau bei Podolsko (Podolí), 1847/48, 1975 als Ind.Denkmal nach Stálec (Staletz) übertragen. – Publ.: Beytrag für den Kettenbrückenbau . . ., gem. mit J. Schnirch, 1832; Die K. Franzens-Kettenbrücke zu Prag, hrsg. von F. Hennig, 1842; usw.
L.: R. H. Kastner, in: Bll. für Technikgeschichte 27, (1965), S. 56 (mit Bild); G. Wacha, in: Oö. Heimatbll. 47, 1993, S. 117, 120; Exner, Gewerbe und Erfindungen 2, S. 137; Wurzbach; J. Fanta, Die erste Kettenbrücke für den Lokomotivbetrieb von F. S., 1861, S. 5ff.; ders., F. S. . . ., 1861; F. Heinzerling, Die Brücken in Eisen ( = Schule der Baukunst 2/4), 1870, S. 197, 200f., 205f.; Enc. des gesamten Eisenbahnwesens . . ., red. von V. Röll, 6, 1894; C. Stoeckl – F. v. Krauss, Der Oesterr. Ing.- und Architekten-Ver. 1848–98, 1898, bes. S. 3, 38; Beschreibender Kat. des k. k. hist. Mus. der österr. Eisenbahnen, 1902, S. 149ff.; Männer der Technik, hrsg. von C. Matschoss, 1925; M. Wehdorn, Die Bautechnik der Wr. Ringstraße ( = Die Wr. Ringstraße 11), 1979, s. Reg.; J. Jetschgo, Südböhmen, 2. Aufl. 1991, S. 135; AVA Wien.
(G. Wacha)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 10 (Lfg. 50, 1994), S. 404f.
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