Schnirer, Moritz Tobias (1860-1941), Zionist, Arzt und Fachschriftsteller

Schnirer Moritz Tobias, Zionist, Arzt und Fachschriftsteller. Geb. Bukarest, Rumänien (Bucureşti, Rumänien), 23. 9. 1860; gest. Wien, 15. 3. 1941 (Selbstmord). Sohn eines Kaufmanns, Vater des Josef und des Friedrich S. (beide s. unten); mos. Nach dem Besuch der Mittelschule in Bukarest begann S. dort 1880 sein Med.Stud., das er im selben Jahr in Wien fortsetzte (bis 1886); 1887 Dr. med., weitere Ausbildung am Allg. Krankenhaus in Wien bis 1888, danach bis Ende 1889 Ass. Montis (s. d.) an der Allg. Poliklinik. Schon 1888 hatte er eine eigene Praxis in Wien-Döbling eröffnet. Zu Beginn seiner polit. Aktivitäten trat S. 1882 dem ersten, kurzlebigen österr. Palästinakolonisationsver., Ahawat Zion, bei und spielte nach dessen Auflösung eine führende Rolle bei der Gründung des ersten zionist. Studentenver. Westeuropas, Kadimah. Er war im Spätherbst 1882 Vors. des Gründungskomitees, das die Ver.Statuten ausarbeitete, gem. mit N. Birnbaum (s. d.) Verf. des ersten Kadimah-Aufrufes, 1883 Gründungs-Präses des Ver. 1889–93 war S. Präs. des Kolonisationsver. Admath Jeschurun, den er zum Organisationszentrum des österr. Kolonisationszionismus ausbaute. 1893 bei dessen Umwandlung in den Dachverband aller österr. Kolonisationsver., Zion, führend beteiligt, wurde er dessen erster Verbandsobmann. Gem. mit Th. Herzl (s. d.) wirkte S. an der Vorbereitung des ersten Zionistenkongresses in Basel 1897 mit. Dort wurde er – ebenso wie auf den drei folgenden Kongressen – in das „Engere Aktionskomitee“, das Leitungsgremium der zionist. Weltorganisation, gewählt. Als enger Mitarbeiter Herzls war S. u. a. an der Gründung des zionist. Zentralorgans „Die Welt“, an der Einführung des Schekel sowie an der Errichtung des „Nationalfonds“ beteiligt und begleitete Herzl auch auf der berühmten Palästinareise 1898, um K. Wilhelm II. über die dortigen Gesundheitsverhältnisse zu informieren. 1904 gründete S. den Döblinger Zweigver. des Zion, den er bis 1906 leitete. 1905 gehörte er dem Zionist. Landeskomitee, dem Leitungsgremium des österr. Zionismus, an und beteiligte sich 1905/06 aus Anlaß der Reichsratswahlreform intensiv an der Kampagne der österr. Zionisten für die Anerkennung der jüd. Nation. Zunehmende berufl. Anforderungen und ab 1906 immer stärkere programmat. Differenzen mit radikalen „Jungzionisten“ bewogen den in der Herzl-Tradition stehenden „Altzionisten“ S. zum völligen Rückzug aus dem zionist. Geschehen. Als Mediziner erlangte S. größte Bedeutung als Hrsg. vielfach aufgelegter med. Hdbb. und als Publizist in med. Fachz. 1921 wurde ihm der Titel Med.Rat verliehen. Mit S., der sich zuletzt vergebl. um ein Einreisevisum nach Palästina bemüht hatte, wurde einer der wichtigsten Mitbegründer des österr. Zionismus, der zugleich eine herausragende med. Kapazität war, durch die inhumanen Zeitumstände zum Selbstmord getrieben. Von seinen Söhnen Josef (geb. Wien, 5. 4. 1888; 1913 Dr. med., 1938 nach Los Angeles, USA, emigriert) und Friedrich Schni(e)rer (geb. Wien, 16. 10. 1889; 1912 Dr. jur., Bez.Richter in Wien, 1938 Emigration nach Melbourne, Australien) erlangte Josef als Facharzt für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkde. und als Fachpublizist Bedeutung.

W.: Vorwort zu: L. Pinsker, Autoemanzipation, 2. Aufl. 1903; Gründung der Kadimah, in: FS der Kadimah 1883–1933, 1933; zahlreiche Beitrr. in zionist. und med. Fachpubl., u. a. in Selbstemanzipation, Die Welt, Archiv für Kinderheilkde., Centralbl. für Bakteriol., Parasitenkde. und Infektionskrankheiten, Dt. med. Ws., Med.-chirurg. Rundschau, Semaine médicale, Wr. med. Presse; usw. Hrsg.: Diagnost. Lex. für prakt. Ärzte, gem. mit A. Bum, 4 Bde., 1893–95; Medicinal-Index und therapeut. Vademecum, 1898, 33. Aufl. 1930; Taschenbuch der Therapie, 1903, 40. Aufl. 1938; Enz. der prakt. Med., gem. mit H. Vierordt, 4 Bde., 1905–09; (Klin.-) Therapeut. Ws. (zeitweise Mithrsg.) 1 ff., 1894 ff.; usw. Mitarbeit an: Handwörterbuch der gesamten Med., hrsg. von A. Villaret, 2 Bde., 1888–91; usw. – Josef S.: zahlreiche Beitrr. in med. Fachpubl., u. a. in Der prakt. Arzt, Med. Welt, Ms. für Ohrenheilkde. und Laryngo-Rhinol., Wr. Klin. Ws., Z. für Laryngol., Rhinol. und Grenzgebiete.
L.: Der Aufbau vom 25. 4. 1941; A. Freud, in: Z. für die Geschichte der Juden 3, 1966, S. 225; J. H. Schoeps, in: Leo Baeck Inst. Yearbook 27, 1982, S. 155ff.; Eisenberg, 1893, Bd. 2; Enc. Jud.; Fischer; Jüd. Lex.; FS zur Feier des 100. Semesters der akadem. Verbindung Kadimah, hrsg. von L. Rosenhek, (1933), S. 15. 17ff., 29, 31, 71, 84, 87f., 102, 105, 108. 112 (mit Bild); A. Gaisbauer, Zionismus und jüd. Nationalismus in Zisleithanien (1882–1918), phil. Diss. Wien, 1981, s. Reg., bes. S. 788f.; A. Bein, Th. Herzl, 1983, s. Reg.; A. Gaisbauer, Davidstern und Doppeladler ( = Veröff. der Komm. für Neuere Geschichte Österr. 78), 1988, s. Reg.; H. Seewann, Zirkel und Zionsstern 1, 1990, S. 34, 123ff., 2, 1990, S. 100, 3, 1992, S. 19, 138ff., 151 (mit Bild); Central Zionist Archives, Jerusalem, Israel; WStLA, UA, beide Wien.–Josef und Friedrich S.: WStLA Wien.
(A. Gaisbauer)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 10 (Lfg. 50, 1994), S. 405f.
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