Schöffel (Schöffl, Schäffel), Johann (1754-1830), Fabrikant und Wachsmodellierer

Schöffel (Schöffl, Schäffel) Johann, Fabrikant und Wachsmodellierer. Geb. Reichenau, Böhmen (Rychnov u Jablonce nad Nisou, Tschechien), 18. 7. 1754; gest. ebenda, 24. 4. 1830. S.s Lebenslauf ist abenteuerl. und wurde im wesentl. durch eine zeitgenöss. Familiendenkschrift überliefert. Sohn von (Johann) Georg S., einem Hausierer und Soldaten, der u. a. in österr. und preuß. Kriegsdiensten gestanden hatte und sich danach als Invalider in seinem Heimatort Reichenau so kärgl. durchbrachte, daß S. gem. mit seiner Mutter bettelnd herumziehen mußte. Kunsthandwerkl. begabt, lernte er in Böhm. Kamnitz (Česká Kamenice) von einem Wachszieher das Wachsbossieren, worin er sich als äußerst geschickt erwies. Er ging für etwa fünf Jahre nach Dresden, wo er zahlreiche Wachsporträts, tw. auch von Persönlichkeiten des Hofs, verfertigte und ein aus Böhmen stammendes Kammermädchen heiratete. Nach mehrjährigem unsteten Wanderleben, vorwiegend in Deutschland, kehrte er Anfang der 80er Jahre nach Reichenau zurück, wo er gem. mit zwei Freunden und angebl. mit Hilfe eines Darlehens der Gfn. von Waldstein um 1784 eine Fabrik zur Erzeugung von bemalten Scharnierdosen aus Papiermaché (er dürfte dieses Verfahren in Nürnberg kennengelernt haben) begründete, die 1786 bereits über 40 Mitarbeiter beschäftigt haben soll. Anfängl. Mißerfolge, verursacht durch mangelnde finanzielle Basis und unternehmer. Fehleinschätzungen, aber auch durch persönl. Mißgeschick, bewirkten, daß sich S.s Teilhaber aus dem Geschäft zurückzogen und er bald vor dem wirtschaftl. Ruin stand. Daher sah er sich gezwungen, wiederum als Wachsporträtierer auf Wanderschaft zu gehen, die ihn diesmal vorwiegend nach Bad Warmbrunn (Cieplice Sląskie Zdrój) – hier konnte er sich finanziell sanieren und mit der Rückzahlung seiner Schulden beginnen –, aber auch nach Wien und Venedig führte. Nach seiner Rückkehr in die Heimat nahm er die Dosenfabrikation mit einem neuen, auch handwerkl. versierteren Partner und mit dauerhafterem Erfolg wieder auf. Damit etablierte S. in Reichenau einen Fabrikationszweig, der, u. a. von seinen Erben sowie seinem Bruder Ignaz S. weitergeführt, das wirtschaftl. Leben der Gegend bis in die zweite Hälfte des 19. Jh. nachhaltig bestimmte. Aus den tw. sehr kunstvollen Dosenbemalungen entwickelte sich später die für diese Gegend typ. Ölbildmalerei.

L.: Sudetendt. Ztg., 15. 3. 1968; Exner, Gewerbe und Erfindungen 1, S. 489; Slokar, s. Reg.; J. L. Wander v. Grünwald, in: Drey Abhh. über die physikal. Beschaffenheit einiger Distrikte und Gegenden von Böhmen, 1786, S. 111f. (Schäfel Joseph); (K. J. Kreutzberg), Ber. der Beurtheilungs-Comm. über die Ausst. der Ind.-Erzeugnisse Böhmens vom Jahr 1831, 1833, S. 21, 145f., Anhang S. 15f. (für Ignaz S.); A. Jäger, Dorfchronik. Geschichte der Ortschaften Maffersdorf, Proschwitz und Neuwald …, 1865, S. 417ff. (leicht geändert in: Mitth. des Ver. für Geschichte der Dt. in Böhmen 4, 1866, S. 56ff.); A. Benda, Geschichte der Stadt Gablonz, 1877, s. Reg.; A. Lilie, Der polit. Bez. Gablonz …, 2. Aufl., 1895, S. 524f.; H. Huyer, in: Mitt. des Ver. für Heimatkde. des Jeschken-Isergaues 19, 1925, S. 61f.; G. Otruba – R. Kropf, in: Bohemia 12, 1971, S. 174; F. Hantschel, Biographien dt. Industrieller aus Böhmen, o. J. (s. Josef S.); Státní oblastní archiv (Staatl. Gebietsarchiv), Litoměřice, Tschechien.
(E. Lebensaft – J. Mikoletzky)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 11 (Lfg. 51, 1995), S. 10f.
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