Schoeller, (Wilhelm) Alexander von (1805-1886), Großindustrieller, Großunternehmer und Bankier

Schoeller (Wilhelm) Alexander von, Großindustrieller, Großunternehmer und Bankier. Geb. Düren, Frankreich (Deutschland), 12. 6. 1805; gest. Wien, 11. 11. 1886. Sohn von Johann Paul S. (geb. Schleiden, Herzogtum Jülich/Deutschland, 21. 7. 1772; gest. Wien, 23. 11. 1845), Besitzers einer Tuchfabrik in Düren, Bruder von (Heinrich) Eduard und (Johann) Paul v. S., Cousin von Philipp Wilhelm v. S. d. Ä. (s. d.), Onkel von Gustav Adolph, Philipp Wilhelm d. J. und Paul Eduard v. S. (alle s. d.); evang. HB. Nach Ausbildung im väterl. Betrieb war S. ab 1825 in der Brünner Tuchfabrik der „Gebrüder Schoeller“ vorwiegend im Verkauf tätig. 1831 Verkaufsleiter der Wr. Niederlage, entschloß er sich 1833 – unter Beteiligung seiner Onkel sowie von Philipp Wilhelm v. S. – zur Gründung seiner eigenen Großhandlung „Alexander Schoeller“ in Wien (später „Schoeller & Co.“). Anfangs belieferte S. die Brünner Fabrik und andere Abnehmer mit Rohmaterialien, v. a. Wolle und Farbstoffe – später, in den 60er Jahren, wurde insbes. der Holzhandel bedeutend –, zunehmend trat aber auch bald das Bankgeschäft (ursprüngl. in erster Linie für die Finanzgeschäfte der Familienunternehmen bestimmt) in den Vordergrund. S.s überragende Bedeutung für das Wirtschaftsleben der Österr.-ung. Monarchie liegt allerdings in erster Linie in den ab 1843 von ihm initiierten industriellen Gründungen und Beteiligungen – sie reichten von der metallverarbeitenden über die Schwer- bis zur Lebensmittelind. –, die durch die mit seinem Großhandels- und Bankhaus erzielten Gewinne ermöglicht wurden und in die häufig auch die anderen Familienangehörigen eingebunden waren. Rasch nacheinander wurden die Messingfabrik Triestinghof (gem. mit Gustav A. Neufeldt v. Tristinghof) und – unter Beteiligung und mit dem techn. Know-how der Fa. Krupp in Essen (Kruppsche Löffelmaschine) – die „Berndorfer Metallwarenfabrik Alexander Schoeller“ gegründet. Vorerst auf Besteckerzeugung aus „Neusilber“ spezialisiert, konnte in Berndorf unter der techn. Leitung H. Krupps (s. d.) und der kaufmänn. S.s nach anfängl. Schwierigkeiten ab den 50er Jahren v. a. durch das auf der Grundlage galvan. Versilberung neu entwickelte Alpacca ein rascher Aufschwung erzielt und das Warenangebot wesentl. erweitert werden; Exporte gingen bis nach Übersee. Für die Rohstoffversorgung erwarb S. u. a. 1853 die Nickelhütte zu Losoncz (Loschonecz). Berndorf entwickelte sich (wie später auch Ternitz) zum wichtigen Ind.Standort, wobei die Fa. techn. (erste Fabriksanlage in Österr. mit elektr. Beleuchtung, 1881) und soziale (Schaffung einer Arbeiterkrankenkasse, 1847, einer Arbeiterunfallversicherung, 1867, Einstellung eines Fabriksarztes, schul. Maßnahmen, Begünstigungen beim Bau von Arbeitereigenheimen usw.) Standards setzte. 1862 erwarb S. von Reichenbach (s. d.) dessen Eisen- und Stahlwerk in Ternitz, das er in den folgenden Jahren großzügig auf- und ausbaute. 1868 wandelte er das Unternehmen gem. mit anderen Teilhabern zur „Ternitzer-Walzwerk- und Bessemer-Stahlfabrikations-AG.“ um. Um auch in Ternitz rohstoffunabhängig zu sein, wurde 1866 die Kronprinz-Rudolph-Hütte bei Wien gekauft, die jedoch bereits 1875 stillgelegt wurde; in diesem Jahr wurden die Hirschwanger und Edlacher Eisenwerke bei Reichenau an der Rax hinzugekauft. In der Energieversorgung für die Ind. ist wohl auch einer der Hauptgründe für S.s Beteiligung an Kohlebergbauunternehmungen zu sehen. So hatte er sich bereits 1859 an der Oberbayr. Kohlen-Gewerkschaft Miesbach beteiligt (1872 auch an deren Abnehmer, den „Perlmooser Zementwerken“), 1867 war er gem. mit Ernst v. Herring und Gustav Adolph v. Schoeller einer der Mitbegründer der „Steinkohlen-Gewerkschaft Miröschau“, 1871 erwarb er Anteile an der „Jaworznoer Steinkohlen-Gewerkschaft“ in Westgalizien usw. Schon früh hatte S. auch die Möglichkeiten erkannt, die der Einstieg in die Lebensmittelbranche, und hier insbes. in die Zuckerind., bot: Die Erwerbung der böhm. herrschaftl. Güter Czakowitz, Čtěnitz (Vinoř) und Mischkowitz (heute Prag) zwischen 1849 und 1851 und deren Ausstattung mit modernstem landwirtschaftl. Gerät waren von dem Gedanken geleitet, Rübenbau und Rübenverarbeitung in einer Hand zu konzentrieren. Die Errichtung von Zuckerfabriken in Groß-Čakowitz (Prag), 1850 und 1856, Časlau (Čáslav), 1854/55, und Wrdy (Vrdy), 1858, sowie die später erfolgten Beteiligungen in Ungarn (Csepreg, 1867, Petőháza, 1880, usw.) und – gem. mit seinen Brünner Verwandten und Angehörigen der Familie Skene – die Gründung der ab 1871 sogenannten Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken AG sicherten dem Haus S. die führende Position in der österr. Zuckerind. Durch Erwerbung und Ausbau (u. a. durch Errichtung einer Rollgerstenfabrik) der Mühle in Ebenfurth bei Wr. Neustadt 1852 schuf S. auch den zu dieser Zeit größten Mühlenbetrieb der Monarchie, der allerdings, wie auch die anderen österr. Mühlen, bes. wegen der ung. und ausländ. Konkurrenz krisenanfällig war, und engagierte sich u. a. im Interesse der Mühlen auch bei verschiedenen Bahnbauprojekten. 1859 pachtete S. gem. mit Carl Leidenfrost v. Bars die Esterházysche Herrschaft Leva (Levice) in Oberungarn, die 1868 durch Kauf in das Eigentum von „Schoeller & Co.“ überging und von Gustav v. S. (aus der „Brünner Linie“), später von dessen Sohn geleitet und zu einem Musterbetrieb ausgestaltet wurde. U. a. wurden darauf ein Halbblutgestüt und eine Spiritusbrennerei eingerichtet. Auch mit der Beteiligung am Hütteldorfer Brauhaus (1862) investierte S. in einen zumindest bis zum Krisenjahr 1873 wirtschaftl. prosperierenden Ind.Zweig. S. war auch in zahlreiche weitere Projekte involviert, wie die „Allgemeine Österreichische Bau-Gesellschaft“ (1869), welche 1874 die „Linzer Schiffswerft“ erwarb, war an der 1880 gegründeten „Aktiengesellschaft der Brünner Kammgarnspinnereien“ beteiligt, erwarb 1878 die „Schrauben- und Mutternfabrik“ in Neunkirchen und noch 1884 die „Hirschwanger Holzschleiferei und Zellulosefabrik Schoeller & Co.“. Freie Mittel wurden jeweils in Aktien anderer Ind.-, Bank- und Versicherungsunternehmen angelegt. S.s dominierende und einflußreiche Rolle im Wirtschaftsleben der Monarchie dokumentierte sich aber auch in seiner gesellschaftl. Stellung (k. Rat, 1863 als Träger des Ordens der Eisernen Krone III. Kl. nob., Vorsteher der evang. Gmd. HB in Wien), seiner Zugehörigkeit zu zahlreichen Verwaltungsräten und seinem Engagement in einer Reihe von Körperschaften, wie der Nö. Handels- und Gewerbekammer, dem Gewerbegericht, dem Nö. Gewerbever., dem Industriellen Klub usw. Er wurde nicht nur bei der Gründung der „Niederösterreichischen Escomptegesellschaft“ in deren Verwaltungsrat berufen, sondern wirkte auch selbst bei der Gründung der „Österreichischen Creditanstalt für Handel und Gewerbe“ (1855) maßgebl. mit. 1862 war er Teilnehmer einer Delegation österr. Industrieller, die in offizieller handelspolit. Mission Zollver.Fragen in Deutschland verhandelte. Ab 1868 gehörte S. dem Herrenhaus des Österr. Reichsrats als lebenslängl. Mitgl. an.

L.: Großind. Österr. I, Bd. 5, S. 104f.; Wurzbach; A. V. Schoeller, Geschichte der Familie S., 1894, bes. S. 93ff., 332; E. Deutsch, G. Ritter von Schoeller, (1905), S. 14ff.; E. Scheffer, Das Bankwesen in Österr. (= Dt.Österr. Bücherei 4), 1924, S. 292f.; H. Frh. v. Dumreicher, 100 Jahre Haus S., 2. Aufl. 1934, S. 9ff. (mit Bild); W. Berdrow, A. Krupp und sein Geschlecht, 1943, S. 310ff.; H. Benedikt, A. v. S. …, 1958 (mit Bild); ders., in: N. Österr. Biogr. 13, (1959), S. 25ff. (mit Bild); J. Mentschl, Österr. Wirtschaftspioniere, (1959), bes. S. 45ff., 176f. (mit Bild); ders. – G. Otruba, Österr. Industrielle und Bankiers (= Österr.-R. 279–281), (1965), S. 96ff. (mit Bild); G. Martin, Das Silberne Vlies (= Schriftenr. der Handelskammer NÖ 10), 1971 (mit Bild); Die wirtschaftl. Entwicklung, hrsg. von A. Brusatti (= Die Habsburgermonarchie 1848–1918, 1), 1973, s. Reg.; Die Städte NÖ, red. von F. Goldmann, 1 (= Österr. Städtebuch 4/1), 1988, S. 125f., 3 (= ebenda, 4/3), 1982, S. 140; Schoeller-Bleckmann. Ber. zum 100jährigen Bestand der Edelstahlwerke, o. J., S. 17ff.; Mitt. Philipp Schoeller, Wien.
(E. Lebensaft)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 11 (Lfg. 51, 1995), S. 18f.
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