Schoeller, Philipp Joseph von (1864-1906), Großindustrieller

Schoeller Philipp Joseph von, Großindustrieller. Geb. Čtěnitz, Böhmen (Vinoř, Tschechien), 13. 8. 1864; gest. Inzersdorf, NÖ (Wien), 29. 11. 1906. Enkel von Philipp Wilhelm d. Ä., Sohn des Vorigen, Neffe von Gustav (alle s. d.), Vater von Philipp Alois (s. u.), Bruder von Richard (s. d.), Cousin von Gustav (Philipp) und Friedrich (Leopold) v. S. (beide s. u. Gustav v. S.); evang. AB. S. stud. nach Besuch der Realschule in Brünn (Brno) und nach Absolv. des Einjährig-Freiwilligenjahres (1883/84) 1884–87 an der mechan. Abt. des Polytechnikums in Dresden. 1892 folgte er seinem Vater in der Leitung der Schoellerschen Zuckerfabrik in Groß-Čakowitz bei Prag, die er nach ihrer tw. Vernichtung durch einen Brand, 1894, erweitert wiederaufbaute und modernisierte. S., der führend am Zustandekommen des Zuckerkartells beteiligt war, war u. a. auch öff. Gesellschafter bei der Fa. „Schoeller & Co.“ sowie Präs. des Verwaltungsrats der Brüxer Zuckerfabrik bzw. Verwaltungsratsmitgl. mehrerer anderer Unternehmen und Ver., wie des Assekuranzver. der Zuckerfabikanten, der Brünner Kammgarnspinnerei usw. Er war Träger des Off.Kreuzes des Franz Joseph-Ordens. Sein Sohn, Philipp Alois v. S. (geb. Czakowitz, Böhmen/Praha, Tschechien), 4. 1. 1892; gest. Salzburg, Sbg., 8. 5. 1977), evang. HB, übernahm 1933 von seinem Onkel Richard v. S. die Leitung des gesamten Familienkonzerns. Bereits vor 1938 als Interessenvertreter der Ind. tätig, u. a. als Vizepräs. des Industriellenverbandes, hatte Philipp Alois v. S., der schon im „Ständestaat“ illegales Parteimitgl. der NSDAP gewesen war, auch zwischen 1938 und 1945 zahlreiche hohe Funktionen inne, wie etwa jene des Präs. der Handelskammer in Wien. Für seine Verdienste wurde er von Hitler mit dem Titel Wehrwirtschaftsführer ausgez. 1948 wurde S. wegen seiner NS-Aktivitäten zu einer zweijährigen Haftstrafe verurteilt, dieses Urteil später jedoch wieder aufgehoben. Philipp Alois v. S. profilierte sich auch als Kunstmäzen, war 1937–45 Präs. der Wr. Konzerthausges. und betätigte sich unter dem Ps. Philipp Freihofer auch als Schriftsteller.

L.: N. Fr. Pr. und Bohemia, 29. (beides Abendausg.), Bohemia, 30. 11. 1906; Die Ind., 1. 12. 1906; Großind. Österr. I, Bd. 5, S. 160f.; A. V. Schoeller, Geschichte der Familie S., 1894, S. 68, 383; H. Frh. v. Dumreicher, 100 Jahre Haus S., 2. Aufl. 1934, S. 33, 35 (Bild); H. Benedikt, A. v. Schoeller …, 1958, S. 92f.; ders., Die wirtschaftl. Entwicklung in der Franz-Joseph-Zeit (= Wr. hist. Stud. 4), (1958), S. 16; KA Wien; Archiv der Techn. Univ., Dresden, Deutschland. – Philipp Alois v. S.: Die Presse, 9., Die Ind., 17. 6. 1977; profil, 17. 8. 1992, S. 30ff. (mit Bild); H. Frh. v. Dumreicher, 100 Jahre Haus S., 2. Aufl. 1934, S. 33, 51 (mit Bild); Wer leitet? Die Männer der Wirtschaft und einschlägigen Verwaltung 1941/42, (1942); Der Prozeß Schoeller, hrsg. von H. Gürtler, 1948; H. Weiss – K. Federspiel, Wer?, (1988); Mitt. Thomas Krautzer, Graz, Stmk.
(E. Lebensaft – Ch. Mentschl)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 11 (Lfg. 51, 1995), S. 25f.
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