Schröder, Wilhelmine; verehel. Devrient, von Döring, von Bock, Künstlername Schröder-Devrient (1804-1860), Sängerin

Schröder Wilhelmine, Künstlername Schröder-Devrient, Sängerin. Geb. Hamburg, Freie Reichsstadt (Deutschland), 6. 12. 1804; gest. Coburg, Sachsen-Coburg-Gotha (Deutschland), 26. 1. 1860. Tochter des Sängers Friedrich und der Sophie S. (s. d.), Schwester von Elisabeth (Betty) und Auguste S., Halbschwester von Wilhelm Smets (alle s. u. Sophie S.), Gattin (1823) des Schauspielers Carl Devrient, zweite Ehe 1847 mit David Oskar v. Döring, dritte Ehe 1850 mit Heinrich v. Bock. Sie begann ihre Bühnenlaufbahn im Alter von vier Jahren und kam als Kinderdarstellerin über Hamburg und Prag nach Wien, wo sie zusammen mit ihren Schwestern Elisabeth (Betty) und Auguste ab 1815 dem von Horschelt (s. d.) geleiteten Kinderballett im Theater a. d. Wien angehörte. Unter Anleitung ihrer Mutter bildete sie sich zur Schauspielerin heran und debüt. 1819 als Aricia in Racines „Phädra“ am Wr. Burgtheater. Sie trat dort u. a. auch als Melitta in Grillparzers „Sappho“, als Ophelia in Shakespeares „Hamlet“, als Luise in Schillers „Kabale und Liebe“ auf. Auch noch während ihrer frühen Sängerjahre war sie gelegentl. in Sprechrollen zu erleben. Nach Gesangsunterricht bei Therese Grünbaum (s. Müller Therese), Giulio Radicchi und Giuseppe Mozatti trat sie am Wr. Kärntnertortheater am 20. 1. 1821 erstmals als Sängerin (Pamina in Mozarts „Die Zauberflöte“) auf. Durch poesievollen Gesang und ergreifendes Spiel erwarb sie sich auch in anderen Rollen, als Emmeline in J. Weigls „Die Schweizer-Familie“, als Maria in A.-E.-M. Grétrys „Raoul Barbe-bleue“, besonders aber als Agathe in C. M. v. Webers „Der Freischütz“ die Zuneigung des Wr. Publikums. 1822 sang sie die Agathe unter Webers Leitung und erntete begeisterte Anerkennung durch den Komponisten. Den Gipfel ihrer Wr. Laufbahn bedeutete die Auff. des „Fidelio“ am Kärntnertortheater (1822), in der sie zur höchsten Zufriedenheit Beethovens die Leonore sang. Diese wurde fortan eine ihrer berühmtesten Rollen. 1823 verließ sie Wien und nahm ein Engagement an die Dresdener Hofoper an, der sie bis zum Jahr 1847 verbunden blieb. In Dresden nahm sie noch weiteren Unterricht bei dem Gesangsmeister Johann Aloys Miksch. Hier sang sie auch 1824 in der Erstauff. von Webers „Euryanthe“ unter der Leitung des Komponisten die Titelrolle. S. folgte Einladungen nach Berlin (1828, 1831), Hamburg (1833), München (1824, 1836), gab Gastspiele in zahlreichen dt. Städten, auch besuchte sie zwischen 1828 und 1836 noch mehrmals Wien. In Paris (1830–32) und London (1832–37) erfuhr sie hohe Ehrungen durch Publikum und Kritik. 1847 wirkte sie in Kopenhagen, ihren Bühnenabschied in Dresden (1847) beging sie mit Glucks „Iphigenie in Aulis“; ihr letzter Auftritt erfolgte im selben Jahr in Riga. S. wirkte dann noch bis zu ihrem Lebensende als Konzertsängerin, wobei sie sich namentl. den Liedern Schuberts (s. d.) und Schumanns widmete. 1830 besuchte sie Goethe in Weimar und trug ihm Schuberts Vertonung des „Erlkönigs“ vor. S., eine der bedeutendsten Sängerinnen der Operngeschichte, stand in ihrer Zeit gleichbedeutend mit Künstlerinnen wie Maria Malibran und Giuditta Pasta da. An ihr wurde die vollkommene Einheit von Gesang und szen. Gestaltung bewundert. In Frankreich und England hat sie wesentl. zur Anerkennung der dt. Opernkunst, namentl. von Beethovens „Fidelio“, beigetragen. Ihr Repertoire reichte von den Opern Glucks über Mozarts Donna Anna in „Don Giovanni“ zu den damals neuen Werken wie G. Spontinis „La Vestale“, Rossinis „Otello“, L. Spohrs „Jessonda“, V. Bellinis „Sonnambula“, „Norma“, „I Capuleti ed i Montecchi“ (der Romeo in dieser Oper war eine ihrer erfolgreichsten Rollen), ebenso zu den Opern Donizettis (s. d.) und G. Meyerbeers (Valentine in „Les Huguenots“). Richard Wagner, der sie 1829 in Dresden als „Fidelio“-Leonore erlebte, erkannte in ihr das Ideal einer singenden Bühnendarstellerin. Unter seiner Leitung wirkte sie in Dresden bei drei Urauff. seiner Opern mit: 1842 sang sie den Adriano in „Rienzi“, in „Der Fliegende Holländer“ (1843) die Senta, in „Der Tannhäuser“ (1845) die Venus. Das erstmals 1862 und danach in zahlreichen weiteren Aufl. erschienene Eroticum „Memoiren einer Sängerin“ wird ihr fälschl. zugeschrieben.

L.: ADB; Eisenberg, Bühnenlex.; Enc. dello spettacolo; Fétis; Graeffer–Czikann; Grove, 1980; Grove, Oper; Kosch, 3. Aufl.; Kutsch–Riemens, 3. Aufl. 1997; MGG; Wurzbach; C. v. Glümer, Erinnerungen an W. S.-D., 1862, 2. Aufl. 1905; A. v. Wolzogen, W. S.-D., 1863; K. L. Costenoble. Aus dem Burgtheater. 1818–37. Tagebuchbll. … 1–2, 1889, s. Reg.; C. Hagemann, W. S.-D., 1904; A. Kohut, Die Gesangsköniginnen in den letzten drei Jhh. 1, 1908, S. 165ff.; Briefe von S. Schröder (1813–68), hrsg. von H. Stümcke (= Schriften der Ges. für Theatergeschichte 16), 1910, s. Reg.; J. Bab, Die Devrients, 1932, S. 65ff.; H. Kühner, Große Sängerinnen der Klassik und Romantik, 1954; F. Felmayer, in: Stud. aus Wien. NF (= Wr. Schriften 27), (1969), S. 154ff.
(C. Höslinger)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 11 (Lfg. 53, 1998), S. 234f.
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