Schröter, Johann Heinrich Friedrich; Künstlername Müller (1738-1815), Schauspieler, Theaterdirektor und Schriftsteller

Schröter Johann Heinrich Friedrich, Künstlername Müller, Schauspieler, Theaterdirektor und Schriftsteller. Geb. Aderstedt, Halberstadt (Deutschland), 20. 2. 1738; gest. Wien, 8. 8. 1815. Sohn des Pfarrers von Aderstedt (1708–38), Christoph Peter S., der wenige Stunden nach der Geburt seines Sohnes starb, Vater von Friedrich Josef Müller und (Anna) Josefa Hortensia Müller (beide s. u.); evang. AB. Zunächst von Verwandten aufgezogen, kam S., zum Geistl. bestimmt, ins Waisenhaus nach Halle (Saale), wo sich bereits sein Interesse am Theater zeigte. Von dieser Anstalt verwiesen, setzte er seine schul. Ausbildung in Magdeburg fort und machte dort 1755 die Bekanntschaft des Theaterdir. Franz Schuch, der ihn als Privatlehrer für seine Kinder nach Potsdam mitnahm. Noch im selben Jahr debüt. S. bei der Schuchschen Ges. als Gefreiter in Molières „Tartuffe“, spielte ab 1756 in Hamburg in der Ges. Johann Friedrich Schönemanns 2. Liebhaber und ging nach Auflösung dieser Truppe 1757 als 1. Liebhaber an das Privattheater von Albert Gf. Hoditz in Roßwald (Slezské Rudoltice), bei dem er aber auch als Lehrer, Sekretär, Bibliothekar und Aufseher über drei Theater fungierte. 1761 verließ er Roßwald und spielte in Linz unter dem Prinzipal Josef Sebastiani, der ihm schon nach kurzer Zeit die Leitung seiner Ges. anvertraute. S. erwies sich sowohl als Schauspieler (junge Helden, muntere Liebhaber) als auch als Ensemble-Erzieher als höchst erfolgreich und wurde 1763 von Giacomo Gf. Durazzo, dem Intendanten der k. Hoftheater, nach Wien geholt, wo er am Kärntnertortheater als Sever in Corneilles „Polieucte“ debüt. In den folgenden Jahren spielte er v. a. 1. kom. Rollen, Stutzer, Pedanten und Bediente, trat als Übers. französ. Stücke hervor, bearb. und verf. selbst einige, an der zeitgenöss. französ. Aufklärungskomödie orientierte Theaterstücke. Im sog. Hanswurststreit, der Auseinandersetzung zwischen Stegreifkomödie und literar. Schauspiel, trat er vehement für das „regelmäßige“ Nationalschauspiel und gegen das Extemporieren ein. So stammt von ihm z. B. die Bühnenfassung einer Farce gegen Joseph Felix Kurz-Bernardon „Vier Narren in einer Person“, 1770. Am meisten Anklang fand sein zweiaktiges Lustspiel „Präsentirt das Gewehr!“, 1775, das sich viele Jahre auf dem Spielplan halten konnte. Ein enger Vertrauter K. Josephs II. in allen Theaterfragen, gehörte S. dem „Ausschuß“ an, einem fünfgliedrigen Regiekollegium, das die Stückauswahl vornahm und auch für Inszenierung, Besetzungs- und Kostümentscheidungen verantwortl. war. 1776 bereiste er im Auftrag des K. Deutschland, um Schauspieler und neue Stücke für das eben neu gegründete „Nationaltheater nächst der k. k. Burg“ ausfindig zu machen. Auf seine Empfehlung hin wurden u. a. die Schauspieler Franz Karl Brockmann und Friedrich Ludwig Schröder ans Burgtheater engagiert. Im Dezember 1777 erhielt S. vom K. den Auftrag, im Rahmen von dessen Plan zur Einführung eines dt. Nationalsingspiels das erste dt. Singspiel einzustud. (18. Jänner 1778 erste öff. Auff. von „Die Bergknappen“, Musik von Ignaz Umlauf, Libretto von Josef Weidmann), und hatte 1778–79 die „Direction über die Oper“ inne. S. errichtete außerdem mit Genehmigung des K. eine „Theater-Pflanzschule“, in der Kinder und angehende Schauspielschüler auch in Gesang und Tanz unterrichtet werden konnten. 1779 zog er mit seinem „Kindertheater“ ins Kärntnertortheater und spielte bis 1781 mit Erfolg Schauspiele, Singspiele und Ballette. Danach legte er die Leitung der Schule zurück, widmete sich die nächsten Jahre dem Schreiben und spielte weiterhin kleine Rollen im Ensemble des Burgtheaters. 1789 übernahm er kurzfristig in Vertretung Brockmanns den Vorsitz im Regiekollegium, wurde 1791 zum 1. Regisseur ernannt und trat 1801 i. R. Danach leitete er noch bis 1805 die fürstl. Liechtenstein’sche Schauspielerges. Zu S.s Hauptrollen zählten u. a.: Just (G. E. Lessing, Minna v. Barnhelm), Norton (ders., Miss Sara Sampson); Muley Hassan (F. v. Schiller, Die Verschwörung des Fiesco zu Genua); General (A. Kotzebue, Menschenhaß und Reue); Menenius Agrippa (W. Shakespeare, Coriolan); Figaro (P. A. Beaumarchais, Der Barbier von Sevilla) und Orgon (Molière, Tartuffe). Von seinen auf die Theater Wiens bezügl. Schriften ist bes. der „Abschied …“, 1802, von hohem theatergeschichtl. Wert. Fünf seiner acht überlebenden Kinder waren ebenfalls am Hofburgtheater engagiert, u. a. Friedrich Josef Müller (geb. Wien, 19. 12. 1768; gest. ebenda, 9. 9. 1834), der, 1785 für 2. Liebhaber verpflichtet, 1804 i. R. trat, sich als Taschenspieler einen Namen machte und als k. k. Kammerdiener starb, und (Anna) Josefa Hortensia Müller (geb. Wien, 31. 3. 1766; gest. ebenda, 20. 12. 1807), die, 1782–99 Mitgl. des Burgtheaters, 1791 Gattin des Malers Füger (s. d.) wurde.

W. (s. u. Goedeke): Stirbt der Fuchs, so gilt der Balg, 1770 (Lustspiel); Genaue Nachrichten von beyden k.-k. Schaubühnen in Wien und anderen öff. Ergötzlichkeiten, 1772f.; Theatral-Neuigkeiten …, 1773; Almanach des Theaters in Wien, 1774; Geschichte und Tagbuch der Wr. Schaubühne, 1776; Die Neugierige, 1783 (Lustspiel); Wind für Wind, 1786 (Lustspiel); Nina, oder Wahnwitz aus Liebe, 1788 (Lustspiel); J. H. F. M.s Abschied von der k. k. Hof- und National-Schaubühne, 1802, gekürzte Ausg.: J. H. F. M. Theatererinnerungen eines alten Burgschauspielers, hrsg. von R. Daunicht, 1958; usw.
L. (s. u. Müller): Wr. Ztg., 12. 8. 1815, 5. 10. 1929; Alth, Burgtheater, Reg.Bd., S. 25, 281; Eisenberg, Bühnenlex.; Goedeke, s. Reg.; Graeffer–Czikann; Kat. der Portrait-Smlg.; Kosch, Theaterlex.; Portheim-Kat.; Wurzbach; (J. F. Schink), Gallerie von Teutschen Schauspielern und Schauspielerinnen …, hrsg. von R. M. Werner (= Schriften der Ges. für Theatergeschichte 13), 1910, s. Reg. (auch für Müller Josefa); I. F. Castelli, Memoiren meines Lebens, hrsg. von J. Bindtner, 1 (= Denkwürdigkeiten aus Altösterr. 9), (1914), s. Reg.; R. Payer v. Thurn, Joseph II. als Theaterdir., 1920, s. Reg.; E. K. Blümml – G. Gugitz, Alt-Wr. Thespiskarren, (1925), s. Reg.; H. Kindermann, Theatergeschichte der Goethezeit, (1948), s. Reg.; O. Rommel, Die Alt-Wr. Volkskomödie, (1952), s. Reg.; R. Brix, Die Lebenserinnerungen österr. Schauspieler …, phil. Diss. Wien, 1958, passim, bes. S. 129ff.; H. Kindermann, Theatergeschichte Europas 3–5, (1959–62), s. Reg.; A. Nigg, J. H. F. Müller, phil. Diss. Wien, 1964; F. Fuhrich, Theatergeschichte OÖ im 18. Jh. (= Theatergeschichte Österr. 1/2), 1968, S. 16, 25, 184, 363; G. Zechmeister, Das Wr. Theater nächst der Burg und nächst dem Kärntnerthor von 1747 bis 1776 (= ebenda, 3/2), 1971, s. Reg. (mit Bild); Mozart. Briefe und Aufzeichnungen. Gesamtausg., hrsg. von der Internationalen Stiftung Mozarteum in Salzburg, s. Bd. 7 (Reg.Bd.), 1975; G. Sebestyén, Burgtheater-Galerie, (1976), S. 28 (Bild), 154; Das Burgtheater und sein Publikum 1, hrsg. von M. Dietrich (= Sbb. Wien, phil.-hist. Kl. 305), 1976, s. Reg.; F. Hadamowsky, Die Josefin. Theaterreform und das Spieljahr 1776/77 des Burgtheaters (= Jb. der Wr. Ges. für Theaterforschung 22), (1978), passim; E. Grossegger, Das Burgtheater und sein Publikum 2 (= Sbb. Wien, phil.- hist. Kl. 530), 1988, s. Reg.; F. Hadamowsky, Wien. Theatergeschichte (= Geschichte der Stadt Wien 3), 1988, S. 291ff., 463ff.; Literatur Lex., hrsg. von W. Killy, 8, o. J.; Evang. Pfarramt AB Aderstedt, Deutschland.
(E. Fleissner-Moebius)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 11 (Lfg. 53, 1998), S. 242f.
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