Schuhmeier, Franz (1864-1913), Politiker und Journalist

Schuhmeier Franz, Politiker und Journalist. Geb. Wien, 11. 10. 1864; gest. ebenda, 11. 2. 1913 (ermordet). Sohn eines Bandmachergesellen. S. wurde mit sechs Jahren zu seinem Onkel, einem Fiaker, in Kost und Logis gegeben und mußte dort während seiner sechsjährigen Volksschulzeit schwerste Kinderarbeit verrichten. 1877 begann er eine Ziseleurslehre, doch machte ihn eine Verletzung des rechten Auges berufsuntaugl. Danach kurze Zeit als Hilfsarbeiter in einer Buchbinderei beschäftigt, begab er sich bald auf Wanderschaft nach Schlesien, wo er zwei Jahre bei seiner Großmutter verbrachte. 1882 kehrte er nach Wien zurück und trat in die Buntpapierfabrik Goppold & Schmiedel ein. Der von einem fanat. Bildungswillen beseelte Autodidakt S. wurde nach Verhängung des Ausnahmezustands (1884) Vertrauensmann einer fraktionierten und tief gespaltenen Arbeiterbewegung. Zunächst der radikalen „anarchistischen“ Richtung zugehörig, übernahm er zunehmend reformist. Positionen und wurde zu einem überzeugten Proponenten der Parteieinheit. Während des Ausnahmezustands führte S. in Ottakring (Wien XVI.) einen Rauchklub, eine der bevorzugten Organisationsformen der illegalisierten Arbeiterbewegung, wofür er 1888 für mehrere Wochen inhaftiert wurde; deshalb konnte er am Hainfelder Parteitag nicht teilnehmen (insgesamt befand er sich wegen polit. Delikte knapp ein dutzendmal im Arrest, zuletzt im Jahr 1900). Als Nachfolger dieses Rauchklubs wurde der Bildungsver. „Apollo“ in Neulerchenfeld (Wien XVI.) von S. mitbegründet, dessen Leitung er 1890–93 innehatte. 1889 gab S. seine Stellung bei Goppold & Schmiedel auf und widmete sich von nun an gänzl. Parteibelangen. Vorerst trat er in die Verwaltung der „Arbeiter-Zeitung“ ein und wurde im Oktober 1891 Hrsg., ab 1893 auch leitender Red. der „Volkstribüne“, des Organs der nö. Landesorganisation der Sozialdemokrat. Arbeiterpartei (SdAP). Unter seiner Obmannschaft wurde 1894–96 die Wr. Allg. Arbeiterkrankenkasse reorganisiert. Gem. mit Ludo Moritz Hartmann (s. d.) betrieb er in den 90er Jahren den Aufbau des Volksheims in Ottakring, dessen populärwiss. Kurse sich regen Zuspruches erfreuten. Ab 1896 Reichsparteisekretär der SdAP, legte S. diese Funktion aber 1898 zurück, wohl auch weil organisator. Kleinarbeit nicht sein Metier war. Dagegen bot sich dem brillanten Versmlgs.Redner S. („Volkstribun von Ottakring“) eine neue Plattform, als er und Reumann (s. d.) 1900 als erste sozialdemokrat. Abg. in den Wr. Gmd.Rat einzogen. Dort lieferte er sich legendäre Rededuelle mit Bgm. Lueger (s. d.), zu dem er ein ambivalentes Verhältnis hatte. S. und Reumann betrieben im Gmd.Rat zunächst Konsenspolitik, etwa als sie 1900 gegen die Parteilinie für das christlichsoziale Budget stimmten, gaben diese jedoch auf, als Lueger sein Versprechen, das Gmd.Wahlrecht zu demokratisieren, brach. Seit 1901 auch Reichsratsabg., befaßte sich S. u. a. mit Bildungs- und Wahlrechtsfragen und hatte große Verdienste um die Durchsetzung des allg. Wahlrechts. Als parlamentar. Wehrexperte seiner Partei kämpfte der deklarierte Pazifist und Atheist S. gegen Soldatenmißhandlungen und erreichte nicht nur Besserstellungen für die Armeeangehörigen, sondern 1907 auch den Rücktritt des Landesverteidigungsmin. Latscher von Lauendorf (s. d.), ebenso wie er 1912 als Gmd.Rat wesentl. zum Rücktritt des Wr. Bgm. Neumayer (s. d.) beitrug. Zweimal Mitgl. der Reichsrats-Delegation, war er ab 1910 auch Abg. des nö. Landtags. Wie etwa E. Pernerstorfer oder auch Victor Adler (beide s. d.) zählte S. zu den Exponenten einer deutschnationalen Ausrichtung der Sozialdemokratie, die als demokrat., republikan. und antihabsburg. verstanden wurde. Sein Antikapitalismus mischte sich gelegentl. mit einem vordergründigen Antisemitismus und sein oft überbordender Populismus fand auch innerhalb der eigenen Partei nicht immer Akzeptanz. Nach Aussage Adlers habe sich S. eine Art Radau-Opportunismus zusammengebraut, der außerhalb von „Wildwest“ – den westl. Arbeitervorstädten Wiens – ganz unmögl. wäre. Seine enorme Beliebtheit bei der Basis wurde jedenfalls auch durch die Übersiedlung in eine secessionist. Villa nicht geschmälert. Im Februar 1913 von einer Agitationsreise aus Stockerau zurückkehrend, wurde S. von Paul Kunschak, dem Bruder des christlichsozialen Politikers Leopold Kunschak, in der Halle des Nordwestbahnhofs ermordet. Das Todesurteil gegen den Attentäter wurde aufgrund eines Gnadengesuches, das auch S.s Witwe unterstützte – S. selbst war stets ein Gegner der Todesstrafe gewesen – in langjährige Haft umgewandelt.

W.: In elfter Stunde, 1892; Christlichsozial oder Sozialdemokratisch?, 1897; Polit. Guckkasten, (1899); Ein Blütenstrauß christlichsozialer Parteitätigkeit, 1899; Acht oder neun Stunden, (1900); Aus der Werkstatt des Klerikalismus, Rede des Reichsratsabg. F. S. …, (1901); Oben Wahrheit! Unten Irrtum!, 1901; Aus einem k. u. k. Militärspital, 1905; Der Fall Petran und H. Kirchsteigers Roman „Das Beichtsiegel“, Reden der Reichsratsabg. Rudolph Berger und F. S. … am 31. 1. 1905, (1905). Hrsg.: Der rothe Declamator nebst einem Anhang von Liedern, 1893 (Ged. und Lieder); usw.
L.: Arbeiter-Ztg., 12., 13. (mit Bild), 14. – 16., N. Fr. Pr., 12. 2. 1913; Bourdet; Renner, Nachlässe; Glühlichter 16, 1913, n. 4 (= Schuhmeier-Nummer, mit Bild); H. Burghauser – A. Schuhmeier, Leben und Wirken unseres Führers F. S., (1926), (mit Bild); Der Sozialdemokrat 15, Februar 1933 (= Schuhmeier-Gedenkn., mit Bild); R. Ascher, Der S., (1933), (Roman); F. Patzer, Die Pioniere des Sozialismus im Wr. Rathaus, 1953, passim (mit Bild nach S. 44); E. K. Herlitzka, in: Werk und Widerhall, hrsg. von N. Leser, (1964), S. 362ff. (mit Bild nach S. 336); H. Schmidt – F. Czeike, F. S., 1964 (mit Bild); G. Botz, in: Wr. Geschichtsbll. 28, 1973, S. 1ff.; A. Magaziner, Die Wegbereiter, (1975), S. 64ff. (mit Bild); I. Bauer, F. S. (1864–1913). Ein Beitr. zur Publizistik der österr. Arbeiterbewegung, phil. Diss. Wien, 1980; L. Spira, in: Attentate, die Österr. erschütterten, 1981, S. 35ff.; W. Maderthaner – S. Mattl, in: Traum und Wirklichkeit. Wien 1870–1930 (= 93. Sonderausst. des Hist. Mus. der Stadt Wien), Wien 1985, S. 200f., 206 (Kat., mit Bild); K. Ziak, Von der Schmelz auf den Gallitzinberg, 3. Aufl. 1987, S. 93ff. F. Czeike, Hist. Lex. Wien 5, (1997); Parlamentsarchiv, Wien.
(W. Maderthaner)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 11 (Lfg. 53, 1998), S. 311f.
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