Schulek, Frigyes (Friedrich) (1841-1919), Architekt

Schulek Frigyes (Friedrich), Architekt. Geb. Pest (Budapest, Ungarn), 19. 11. 1841; gest. Balatonlelle (Ungarn), 5. 9. 1919. Sohn des Augustinus (Ágoston) S., eines Kaufmannes und Sekretärs des Schutzver. für die heim. Ind. „Védegylet“, der 1848 Staatssekretär im ersten ung. Finanzmin. war, nach der Niederwerfung des Aufstandes als Agent der Ersten k. k. priv. Donau-Dampfschiffahrts- Ges. fungierte und nach 1857 als Sprachlehrer an der Handelsschule in Debreczin (Debrecen) wirkte; Bruder von Vilmos S. (s. d.); evang. AB. S. stud. 1860 am Budaer Polytechnikum, übersiedelte dann nach Wien, wo er 1861–67 an der Wr. Akad. der bildenden Künste bei Friedrich v. Schmidt und van der Nüll (beide s. d.) stud. und an den von Schmidt organisierten Stud.Reisen teilnahm. S., der später auch Vorsitzender der Wr. Bauhütte war, arbeitete 1866 an der Restaurierung des Regensburger Doms mit, 1867 besuchte er die Pariser Weltausst. Nach Wien zurückgekehrt, wirkte er im Baubüro Schmidts, u. a. beim Planen der Brigittakirche und der Kirche „Maria vom Siege“, mit, 1868 kehrte er nach Ungarn zurück. Nach einer Stud.Reise nach Italien (1869/70) arbeitete er für kurze Zeit im Büro seines Freundes und ehemaligen Mitstudenten Imre Steindl. 1871 wurde S. als Lehrer an die Ung. Kgl. Landeszeichenlehranstalt berufen, welchen Posten er durch 31 Jahre bekleidete. Hier schloß er auch Freundschaft zu dem Bildhauer Izsó (s. d.) und dem Maler Bertalan Székely. Nach dem Tod Steindls wurde S. 1902 Leiter der Abt. für mittelalterl. Baukunst an der Techn. Hochschule in Budapest. Seine Unterrichtstätigkeit charakterisierten Tiefe und Toleranz: ein Beweis dafür ist die Tatsache, daß u. a. Károly Kós und andere Mitgl. der „Fiatalok“-Gruppe zu seinen Studenten zählten. 1914 trat S. i. R. Der Schwerpunkt seiner Tätigkeit außerhalb der Hochschule betraf die Denkmalrestaurierung. Ab 1872 war er Architekt der ersten unabhängigen ung. Organisation der Denkmalpflege, der Provisor. Komm. der Denkmale (ab 1882 Landeskomm. der Denkmale). Seine Restaurierungen waren, den Prinzipien des Purismus entsprechend, oft von stilgerechter Rekonstruktion, aber auch willkürlicher Ergänzung gekennzeichnet. Eines der Hauptwerke war die Restaurierung der Liebfrauenkirche (Matthiaskirche) in der Budaer Burg in Budapest. Zuerst wollte er diese zu einem zweitürmigen Bau erweitern, aber letztendl. bewahrte er doch die ursprüngl. eintürmige Form; die Vorhalle, der Turmhelm und die Farbenpracht der inneren Ausstattung waren völlige Neuschöpfungen. S.s unabhängige architekton. Planungen waren nicht zahlreich und fast durchwegs für Kirchen oder Prachtbauten. Der Stil dieser Werke war ausschließl. neuroman., das heißt, S. knüpfte an die Spätperiode der Wr. Meister an. Er plante mit Vorliebe Zentralbauten oder Zentralräume, seine Werke zeugen von hohen Ansprüchen, abwechslungsreicher Ornamentik und gelegentl. auch handwerkl. Methoden. Sein Hauptwerk ist die Fischerbastei in Budapest, die einen würdigen Rahmen und eine stilist. Ergänzung der Matthiaskirche bildet und ein charakterist. Element der ung. Hauptstadt darstellt. Desgleichen beschäftigte er sich mit den Fragen des calvinist. Kirchenbaus – so betrachtete er die Kombination des zentralen und des längl. Raums als die entsprechendste Raumform. S. erhielt mehrfach Ehrungen und Ausz.: 1883 Franz-Joseph-Orden, 1884 Kgl. Rat, 1895 korr., 1917 Ehrenmitgl. der Ung. Akad. der Wiss., 1907 HR, 1914 Ehrendoktorat der Budapester Techn. Hochschule, nach 1916 „Pro litteris et artibus“.

W.: Projekt für die Ausstattung der Margaretenbrücke, 1873 (Budapest, gem. mit M. Izsó); Evang. Kirche, 1880–83 (Szeged); Fischerbastei, 1895–1903 (Budapest); Projekt für die Votivkirche, 1909 (Szeged, Ausführung 1923–30 nach einem von E. Foerk veränderten Projekt); Zsolnay-Denkmal, 1908 (Pécs, gem. mit J. Horvay); Aussichtsturm auf dem Jánoshegy, 1908–10, Projekt für den Árpád-Dom, 1912 (beide Budapest); usw. Restaurierungen: Matthiaskirche, 1873–96 (Budapest); Rathaus, 1892–94 (Levoxa); Türme der Franziskaner-, 1895/96, und der Klarissenkirche (Bratislava); Kirchen in Sabinov und Prešov; usw.
L.: Das geistige Ungarn; M. Életr. Lex.; Művészeti Lex. II; Révai; Szinnyei; Thieme–Becker; Új M. Lex.; Illustriertes Österr.-ung. Ehren-Buch. Almanach der Mitgl. des k.-österr. Franz Joseph-Ordens (1909); G. Lengyel, in: Nyugat 4, (1911), S. 892ff.; L. Éber, in: Vasárnapi Ujság 58, (1911), S. 940ff.; G. Forster, S. F. t. tag emlékezete, 1925; J. Kismarty-Lechner, Építőművészetünk a 19. század második felében, 1945, S. 57ff.; Magyar művészet 1890–1919, 1, hrsg. von L. Németh (= a magyarországi művészet története 6), 1981, s. Reg., bes. S. 191f.; J. Sisa, in: Mitt. der Ges. für Vergleichende Kunstforschung in Wien 37, 1985, n. 3, S. 1ff.; J. van Heerde, Staat und Kunst, 1993, S. 124; Archiv der Akad. der bildenden Künste, Wien; Mitt. Georg Wacha, Linz, OÖ.
(J. Sisa)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 11 (Lfg. 53, 1998), S. 314f.
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