Schulz, Bruno (1892-1942), Schriftsteller und Graphiker

Schulz — Bruno, Schriftsteller und Graphiker. Geb. Drohobycz, Galizien (Drohobič, Ukraine), 12. 7. 1892; gest. ebenda, 19. 11. 1942 (ermordet). Sohn von Jakub S., Besitzers eines Textilgeschäfts, Bruder von Izydor S. (s. d.); mos., ab 1936 konfessionslos. Nach Besuch des Gymn. in Drohobycz stud. S. 1910/11 und 1913/14 Architektur an der Polytechn. Schule in Lemberg (L’viv); 1915 starb sein Vater, ein für S.’ Leben und Werk einschneidendes Erlebnis. Während des Ersten Weltkriegs flüchtete S. 1917 gem. mit seiner Familie nach Wien, wo er kurzfristig versuchte, sein Stud. wieder aufzunehmen. Nach seiner Rückkehr in die Heimatstadt bildete er sich, 1918 Mitgl. der Gruppe „Kalleia“ (Schöne Dinge), autodidakt. im Malen und Zeichnen aus. 1920–23 entstand sein Graphikzyklus „Xięga bałwochwalcza“ (Das Buch vom Götzendienst) in cliché verre-Technik, mit masochist. Motiven der Frauenanbetung, 1922 beteiligte er sich an Kunstausst. in Warschau und Lemberg, 1923 versuchte er, als bildender Künstler in Warschau Fuß zu fassen. 1924–41 wirkte er als Zeichen- und Handarbeitslehrer am Gymn. in Drohobycz (die Lehrbefähigungsprüfung mußte er 1926 bzw. 1928 nachholen), nahm aber weiterhin an Ausst. teil (Wilna/Vilnius, Krakau/Kraków und Lemberg, Einzelausst. in Truskawiec/Truskaveć, 1928). 1925 begannen S.’ schriftsteller. Versuche, u. a. angeregt durch die Freundschaft mit dem Schriftsteller Władysław Riff und – ab 1930 – mit der Philosophin und Dichterin Debora Vogel. In den Briefen an sie finden sich die ersten Entwürfe seines Erstlingsromans „Sklepy cynamonowe“ (Die Zimtläden), der trotz seiner ungewöhnl. Form zum großen Erfolg wurde. 1933–39 war S. Mitarbeiter an poln. literar. Z., wie „Tygodnik Ilustrowany“, „Skamander“, „Kamena“, „Wiadomości Literackie“, in denen er Literaturkritiken, aber auch viele seiner Erz. – sie bilden letztl. die Bausteine seiner beiden Romane – erstveröff., etwa sein literar. Debüt „Ptaki“ (Die Vögel, 1933), „Druga jesień“ (Der andere Herbst), „Dodo“, „Mój ojciec wstfpuje do strażaków“ (Mein Vater geht unter die Feuerwehrmänner), „Republika marzeń“ (Die Republik der Träume) usw. 1937 erschien sein zweiter Roman in Erz., „Sanatorium pod klepsydra“ (Das Sanatorium zur Todesanzeige), ab 1934 schrieb S. an dem Novellenroman „Mesjasz“ (Messias), der jedoch vermutl. nie vollendet wurde. 1936 veröff. er den Essay „Mityzacja rzeczywistości“ (Mythisierung der Wirklichkeit), in dem er sein literar. Programm entwickelte: Die Dichtung sei eine Regeneration uralter Mythen, die im Wort enthalten gewesen wären, das nach der Wiedererlangung seines ursprüngl. Sinnes strebte. Diesem Programm gemäß lassen sich seine Romane als myth. bezeichnen. S.’ einziges Werk in dt. Sprache, die Erz. „Die Heimkehr“ (1937), ist verschollen. 1933–37 war S. mit der Katholikin Józefa Szelińska verlobt, mit der er an einer Übers. von Kafkas „Der Prozeß“ (1936 erschienen) arbeitete. In den Sommer 1938 fällt ein mehrwöchiger Aufenthalt in Paris, wo S. vergebl. versuchte, künstler. Kontakte anzuknüpfen; im selben Jahr wurde er mit dem Lorbeer der Poln. Akad. für Literatur ausgez. Gleichzeitig mit seinen schriftsteller. Erfolgen ließ S.’ Aktivität als bildender Künstler nach; er trat allerdings zunehmend als Buchillustrator, tw. seiner eigenen Werke, hervor. Während der Zeit der sowjet. Besetzung von Drohobycz (September 1939 bis Juni 1941) unterrichtete S. und malte Auftragsarbeiten, konnte jedoch keine literar. Werke veröff. Unter dem darauffolgenden Naziterror mußte er Zwangsarbeiten verrichten, malte und zeichnete er für einen Gestapooff. Porträts und Wandgemälde; er litt unter Hunger, Demütigungen und Lebensbedrohung, schließl. war er, wie die anderen Drohobyczer Juden, im Getto zwangsinterniert. Am Tag vor seiner mit Hilfe von Warschauer Freunden geplanten Flucht wurde er von einem SS-Mann (nach anderer Version von einem Angehörigen der Gestapo) erschossen. Infolge der dt. Okkupation sind die meisten Manuskripte und Ölbilder von S. verschollen, einiges weniges (v. a. Graphiken und Briefe) befindet sich im Adam-Mickiewicz-Literaturmus. in Warschau. Auch die S.-Rezeption in Polen, die 1934 mit dem Erscheinen der „Sklepy cynamonowe“ einsetzte, wurde durch die dt. Okkupation und die sowjet. Herrschaft unterbrochen. Erst 1957 durften seine Werke wieder in Polen erscheinen; die ersten Kritiker, die zu S.’ Nachruhm nach 1945 verhalfen, waren Jerzy Ficowski und Artur Sandauer; es kam zu Inszenierungen zahlreicher Stücke nach S.’ Prosa, zu Neuausg. und Übers. seiner Schriften sowie zu zahlreichen Ausst. seines graph. Œuvres im In- und Ausland. So gehört der „Zeichenlehrer aus der Provinz“ (J. Ficowski) heute mit seiner mythisierenden Prosa, die Realität ins Phantast. umwandelt, zu den berühmtesten poln. Schrifstellern des 20. Jh. S. wird als ein großer Einzelgänger in der poln. Literatur betrachtet, dessen Werk allerdings einerseits Zusammenhänge mit der österr. literar. Tradition der Moderne und des Expressionismus aufweist, andererseits bahnbrechend für die poln. Avantgarde der 30er Jahre wurde.

W.: Proza (Prosa), 1964, Neuausg. 1973; Listy, fragmenty, wspomnienia o pisarzu (Briefe, Fragmente, Erinnerungen an den Schriftsteller), 1984; Opowiadania. Wybór esejów i listów (Erz., Auswahl der Essays und Briefe), 1989; Republika marzeń i in. opowiadania (Die Republik der Träume u. a. Erz.), 1992; Ges. Werke in 2 Bde., hrsg. von M. Dutsch und J. Ficowski, 1992 (Taschenbuchausg. 1994); B. S. 1892–1942. Rysunki i archiwalia ze zbiorów Muz. Literatury im. A. Mickiewicza w Warszawie (Zeichnungen und Archivalien aus den Smlgg. des A.-Mickiewicz-Literaturmus. Warschau), 1992ff.; Z listów odnalezionych (Aus den gefundenen Briefen), 1993; Republika marzen. Utwory rozproszone, fragmenty, eseje (Republik der Träume. Verstreute Werke, Fragmente und Essays), 1993; zahlreiche Einzel- und Sammelausg. seiner Werke in verschiedenen Sprachen.
L.: PSB; A. Sandauer, in: Przegląd Kulturalny, 1956, S. 31ff. (mehrmals abgedruckt); J. Ficowski, Regiony Wielkiej Herezji, (1967) (mehrere Aufl.); K. Dulaimi, Der Mythosbegriff im Werk von B. S., 1975; E. Goślcki-Baur, Die Prosa von B. S. (= Slavica Helvetica 8), 1975; W. Wyskiel, Inna twarz Hioba. Problematyka alienacji w dziele B. S., 1980; L. Steinhoff, Rückkehr zur Kindheit als groteskes Denkspiel (= Slavist. Texte und Stud. 5), 1984; Literatura polska. Przewodnik enc. 2, 1985; J. Ficowski, Okolice sklepów cynamonowych, (1986); J. Jarzębski, in: B. S., Die Mannequins und andere Erz., hrsg. von J. Jarzębski, 1987, S. 291ff.; ders., in: B. S. Opowiadania. Wybór esejów i listów, 1989, S. 3ff. (mit Auswahlbibliographie); H. Lewi, B. S. ou les strategies messianiques, 1989; R. E. Brown, Myths and Relatives. Seven Essays on B. S. (= Slavist. Beitrr. 276), 1991; B. S. 1892–1942. Das graph. Werk, red. von M. W. Chmurzynski u. a., Berlin, München, Wien 1992 (Kat.); B. S. In Memoriam. 1892–1942, red. von M. Kitowska-Łysiak, 1994; Czytanie S. Materiały międzynarodowej sesji naukowej, hrsg. von J. Jarzębski, 1994; I. Światłowska, Poln. Literatur in der Bundesrepublik Dtld. bis 1970 (= Acta Univ. Wratislaviensis 1800), 1996, s. Reg.
(M. Kłańska)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 11 (Lfg. 54, 1999), S. 342ff.
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