Schulze, Franz Eilhard (1840-1921), Zoologe und Mediziner

Schulze Franz Eilhard, Zoologe und Mediziner. Geb. Eldena, Preußen (Greifswald, Dtld.), 22. 3. 1840; gest. Berlin (Dtld.), 29. 10. 1921. Sohn des aus Naumburg stammenden Chemikers, späteren Ordinarius an der Univ. Rostock, Franz Ferdinand S.; evang. AB. Nach Besuch der Gymn. in Greifswald und Rostock stud. S. 1859–61 sowie 1862–63 Med. an der Univ. Rostock, 1861–62 an der Univ. Bonn und wurde dort 1863 zum Dr. med. prom. 1864 übernahm er in Rostock für zwei Jahre die Supplentur der Prosektur, habil. sich für Anatomie und wurde schon im Folgejahr ao. Prof. der Med. und Chirurgie mit der Verpflichtung, auch Vergleichende Anatomie zu lesen. 1871 o. Prof. der Zool. und Vergleichenden Anatomie und Dr. phil. h. c. 1872 erhielt er in gleicher Eigenschaft die Berufung an die Univ. in Graz, wo er 1872–74 auch als Prof. und Dir. der zoolog. Smlg. am Joanneum tätig war. 1884 kam er als o. Prof. der Zool., der auch Vergleichende Anatomie vorzutragen hatte, an die Univ. Berlin, wurde gleichzeitig Dir. des Zoolog. Inst., fungierte 1888/89 als Dekan und trat 1917 i. R. S. hatte die Errichtung eines Zoolog.-zootom. Inst. in Graz zur Bedingung gemacht, das 1873 in prov. Weise realisiert wurde. Auch initiierte er in Erg. der Zoolog. Inst. in Graz und Wien die Gründung der Zoolog. Übungs- und Beobachtungsstation in Triest, deren wiss. Leitung er nach der 1875 erfolgten Eröffnung gem. mit Claus (s. d.) innehatte. Bei seinem Wechsel nach Berlin erwirkte er ein selbständiges, aus dem damaligen Zoolog. Mus. ausgegliedertes Zoolog. Inst. und bahnte 1888 die Berufung Boltzmanns (s. d.) nach Berlin an. Wiss. trat er als früher und hervorragender Vertreter der mikroskop., vergleichend-anatom., funktionsorientierten Zool. hervor. Großes Ansehen erwarb er durch seinen Hdb.Beitr. über die Lungen, der für seine Ernennung in Graz maßgebl. wurde. Von Beginn an mit Anatomie und Entwicklungsgeschichte befaßt, widmete er sich auch der Physiol. der niederen Tiere, so ab seiner Grazer Zeit der maritimen Fauna, bes. den Hexactinelliden, einer Form der Seeschwämme (Spongien). Damit setzte er die von E. O. Schmidt (s. d.) begründete Tradition fort. In seinen späteren Jahren neuerl. intensiv mit den Atmungsorganen befaßt, widmete er sich schließl. der systemat. Erfassung aller rezenten Tierformen sowie der Erneuerung der zoolog. Systematik, erlebte jedoch deren Publ. nicht mehr. Zu seinen Schülern zählte er eine Reihe später bekannt gewordener Zoologen, so die Grazer Ordinarien A. v. Heider und A. Mojsisovics v. Mojsvár, Lendlmayer v. Lendenfeld (alle s. d.), Franz Wagner v. Kremsthal und Karl Zelinka. K. Heider (s. d.) folgte ihm am Berliner Lehrstuhl. S. fand Anerkennung im In- und Ausland und wurde u. a. 1889 Geh. Reg.Rat, 1875 Mitgl., 1901 Ehrenmitgl. der Zoolog.-botan. Ges. in Wien, der Società Adriatica di Scienze Naturali in Triest, 1884 des Naturwiss. Ver. für Stmk., Mitgl. mehrerer Akad., u. a. 1882 korr. Mitgl., 1902 Ehrenmitgl. der math.-nat. Kl. der Wr., 1884 Mitgl. der Preuß., 1895 der Russ., 1897 der Bayer. Akad. S. prägte trotz seiner relativ kurzen Tätigkeit in der Stmk. nachhaltig die zoolog. Forschung in Österr., stellte mit dem Grazer Zoolog. Inst. sein Fach auf eine solide räuml. wie materielle Grundlage und schuf mit der 1898 verselbständigten Triestiner Anstalt eine bis zum Ende der Donaumonarchie wertvolle wiss. Arbeit leistende Institution.

W.: Beobachtungen über Verdunstung im Sommer, 1859 (preisgekrönt); Musculus transversus nuchae …, 1865 (Habil.Schrift); Die Lungen, in: Hdb. der Lehre von den Geweben des Menschen und der Thiere, hrsg. von S. Stricker, 1, 1871; Report on the Hexactinellida … 1873–76, 2 Bde. (= Report on the Scientific Results of the Voyage of H. M. S. Challenger … Zoology 21/1–2), 1887; Hexactinelliden des Ind. Oceans, 3 Tle., ebenda, 1894–1900; Hexactinelliden des Rothen Meeres, in: Denkschriften Wien, math.-nat. Kl. 69, 1901; Hexactinellida, 2 Bde. (= Wiss. Ergebnisse der Dt. Tiefsee-Expedition … 1898–99, 1–2, hrsg. von C. Chun), 1904; Beitrr. zur Anatomie der Säugethierlungen, in: Sbb. der kgl. Preuss. Akad. der Wiss., 1906, auch selbständig; Die Xenophyphoren …, in: Wiss. Ergebnisse der Dt. Tiefsee-Expedition … 1898–99, 11, 1907; usw. – Hrsg.: Nomenclator animalium generum et subgenerum, 5 Bde., gem. mit anderen, 1926–54. – Red.: Das Tierreich 1–17, 1897–1902 (18–44, 1903–16 Hrsg., 46–71, 1923–47 Mithrsg.).
L.: Biograph. Jb. 3, 1927, S. 232ff., Sp. 316 (Totenliste); Pagel; Wurzbach; Das geistige Berlin 3, hrsg. von R. Wrede, 1898; Botanik und Zool. in Österr. …, 1901, s. Reg., bes. S. 499f.; A. Wilhelmi, Die mecklenburg.Ärzte …, Neuausg. 1901; Dt. Zeitgenossen-Lex., hrsg. von F. Neubert, 1905; Zoolog. Anzeiger 53, 1921, S. 304; Sozialist. Monatshe. 57, 1921, S. 1071; K. Heider, in: Münchner Med. Klinik 17, 1921, S. 1569; ders., in: Sbb. der Preuss. Akad. der Wiss., 1922, S. LXXXVIIff.; K. Grobben, in: Almanach Wien 72, 1923, S. 164ff.; R. Hesse, in: Pommersche Lebensbilder, hrsg. von M. Wehrmann u. a., 2, 1936 (mit Bild); J. Asen, Gesamtverzeichnis des Lehrkörpers der Univ. Berlin 1 (1810–1945), 1955; H. Kulinek, Berliner und Wahlberliner, 1960; Die Humboldt-Univ. gestern – heute – morgen, 1960, S. 74; D. A. Binder, Das Joanneum in Graz … (= Publ. aus dem Archiv der Univ. Graz 12), 1983, S. 159; W. Hartkopf, Die Berliner Akad. der Wiss. Ihre Mitgl. …, 1992, S. 328f.; AVA Wien; UA Graz, Stmk.; UA Berlin und Rostock, beide Dtld.
(W. Höflechner)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 11 (Lfg. 54, 1999), S. 354f.
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