Schur, Moritz (1860-1933), Großindustrieller

Schur Moritz, Großindustrieller. Geb. Nachod, Böhmen (Náchod, Tschechien), 1. 1. 1860; gest. Wien, 12. 4. 1933. Sohn eines Lederhändlers, Schwiegersohn von Isaac, Schwager von Isidor, Onkel von Konrad und Stephan Mautner (alle s. d.); mos. Nach dem frühen Tod des Vaters zog S. mit seiner Mutter nach Prag, wo er die Handelsakad. absolv., und war danach kurze Zeit bei einer Zuckerfa. in Prag, dann in der Getreidebranche tätig. 1882 heiratete er Jenny Mautner und trat in die Textilfa. Isaac Mautner & Söhne in Nachod ein. Obwohl er dort bald eine führende Position einnahm, wollte er sich wegen Querelen selbständig machen und kaufte 1884 die von Philipp Winternitz 1859 in Märzdorf (Martínkovice) eingerichtete, jedoch heruntergekommene Leinenweberei, die S. vorerst von Nachod aus leitete, bis er 1892 die Zentrale nach Wien verlegte. Mit Hilfe tüchtiger Mitarbeiter konnte er bald Ware besserer Qualität, wie die begehrten Wassertuche, herstellen und mit Bosn. Leinen u. a. auch das Wr. Großkaufhaus Herzmansky beliefern, sodaß bereits ab Ende der 80er Jahre wesentl. Erweiterungen der Fabrik, später die Aufstellung von Jacquard-Webstühlen mögl. wurden. Die in der Fa. hergestellten Produkte waren nicht nur qualitativ hochwertig, sondern auch äußerst vielfältig, neben gemusterten Modestoffen wurden u. a. auch Filtertücher für die Zuckerind. und sogar „Pneumatikstoffe“ für die noch junge Autoind. hergestellt. Der Erste Weltkrieg erzwang Umstellungen in der Produktion, wie die Erzeugung von Zeltstoffen für die Armee, zuletzt sogar von Papierware, und brachte Rückschläge. Nach Aufbauarbeiten konnte die Weberei erst 1921 wieder ganz in Betrieb genommen werden; 1923 mußte auf Kunstseideerzeugung umgestellt werden. Da der bereits in den 90er Jahren unternommene Versuch, in Märzdorf auch Seide zu verarbeiten, an geeigneten Fachkräften gescheitert war, hatte S. 1899 in Mähr.-Trübau (Moravská Třebová), wo schon eine Seidenind. bestand, eine Seidenfabrik errichtet. Die Fabrik wurde mit modernsten techn. Errungenschaften, wie etwa mit elektr. Einzelantrieb für die Webstühle, ausgestattet. Um die verbreitete Abwerbung von Arbeitern zu unterbinden, ergriff S. die Initiative zur Gründung des Trübauer Industriellenverbands, versuchte aber auch durch Wohlfahrtseinrichtungen die Arbeiter an seine Unternehmen zu binden. 1906 trat Johann, S.s ältester Sohn, in die Fabrik ein, und es entwickelte sich eine gedeihl. Zusammenarbeit; bes. die in der Fa. erzeugten Crêpes de Chine und Popeline fanden großen Anklang. Auch in diesem Unternehmen erzwang der Erste Weltkrieg Produktionsumstellungen, infolge des Zerfalls der Monarchie ging der Wr. Markt verloren, konnte jedoch erfolgreich durch den in Prag ersetzt werden. Noch vor Kriegsausbruch, 1913, hatte S. die Baumwollfärberei Steinbrecher in Mähr.-Trübau erworben, einen großen, aber nicht mehr zeitgemäß ausgestatteten Betrieb, der sukzessive auf Seidenfärberei umgestellt wurde. Nach personellen Problemen in der Leitung trat S.s Neffe und Schwiegersohn, Dr. Kurt Goldschmid, 1920 in den Betrieb ein. Im gleichen Jahr kaufte S. die beiden Samtfabriken Reichert, strukturierte sie um und gründete die „Sammt- und Seiden-Weberei AG, vormals Rudolf Reichert & Söhne“, wo er sich mit 60% Anteilen auch die Position eines Präs. des Verwaltungsrats sicherte. 1919 waren auch S.s Söhne Josef und Anton in das Unternehmen aufgenommen worden. S., ein weitblickender und äußerst angesehener Unternehmer, war auch Vizepräs. der Organisation der Tschechoslowak. Seidenindustriellen. Sein Nachlaß wurde 1936 seinen Kindern Josef und Anton S. sowie Emmy, verehel. Goldschmid, zugesprochen, jedoch wegen eines angemeldeten Konkurses nie übergeben. 1939 arisierte der damalige Dir. der Weberei in Märzdorf, Josef Schmidt, diesen Betrieb, der 1945 der „Nationalverwaltung“ unterstellt und 1947 den Východočeske bavlnářske zavody in Náchod eingegliedert wurde. Der 1949 von Haifa aus unternommene Versuch Josef S.s, die Rückstellung der beiden Fabriken zu bewirken, blieb erfolglos. 1964 wurde die Weberei in Märzdorf aufgelöst.

L.: N. Fr. Pr., 13. 4. 1933; Großind. Österr. I, Bd. IV, S. 259; M. S.s Werk, (1933) (mit Bildern), Bibl. des Techn. Mus., Wien; Die Juden und Judengmd. Böhmens in Vergangenheit und Gegenwart, hrsg. von H. Gold, 1, 1934, S. 412; L. Štěpánová, in: Sborník archívních prací 47, 1997, n. 1, S. 219f., 250; Podnikový archiv VEBA (Firmenarchiv), Broumov, Tschechien; Archiv des Techn.Mus., WStLA, Materialiensmlg. ÖBL, alle Wien; Mitt. Marie Makariusová, Praha, Tschechien.
(J. Mentschl)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 11 (Lfg. 54, 1999), S. 377f.
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