Schwarzenberg, Friedrich Fürst zu (Sekundogenitur) (1799-1870), Offizier und Schriftsteller

—enberg Friedrich Fürst zu Schwarzenberg (Sekundogenitur), Offizier und Schriftsteller. Geb. Wien, 30. 9. 1799; gest. ebenda, 6. 3. 1870. Sohn von Karl I. Philipp und Maria Anna, Bruder von Karl II. und Edmund (alle s. d.). Der Familientradition folgend, trat S. 1816 in den österr. Militärdienst, wurde 1818 Lt., 1820 Oblt. Im selben Jahr folgte er seinem Vater als Chef der Sekundogenitur nach, mußte jedoch, nicht zuletzt wegen der exorbitanten Schulden der Familie, weiter dienen und vertraute in der Folge die Verwaltung des Besitzes zunehmend (ab 1834 endgültig) seinem Bruder Karl an. S. kämpfte 1821 gegen die Revolution in Neapel, war in Ungarn und Galizien stationiert, nahm, 1830 Malteserritter, 1830/31 als Freiwilliger an der Eroberung Algiers durch französ. Truppen teil, schied 1832 aus gesundheitl. Gründen aus dem aktiven Militärdienst aus („verabschiedeter Lanzknecht“), ließ sich aber immer wieder reaktivieren. 1838 war er als Freiwilliger an der Seite der legitimist. Carlisten in Spanien, 1846, wieder in österr. Dienst, an der Niederschlagung des Aufstands in Galizien beteiligt und wurde aufgrund dessen zum Obst. befördert, 1847 auf kath. Seite im Sonderbundskrieg in der Schweiz, 1848 im Einsatz für die Verteidigung Tirols und 1849 gegen die Revolution in Ungarn; 1851 wurde S. noch zum GM befördert. Seine militär. Erfahrungen prägen auch S.s schriftsteller. Werk, nicht nur die Motive, sondern gelegentl. selbst die Sprache. 1835, 1836 und 1837 unternahm S. große Reisen in Europa und im östl. Mittelmeer. Ab etwa 1849 lebte er, durch die Ereignisse von 1848 zutiefst erschüttert, zurückgezogen und zunehmend vereinsamt, zuletzt kränkelnd, auf seinem 1839 erworbenen Gut in der Nähe von Preßburg, hauptsächl. schriftsteller. tätig. Eine Wahl in den böhm. Landtag lehnte er 1861 wegen der neuen Verfassung und wegen seiner schlechten Tschech.Kenntnisse ab. 1866 verf. er eine (ungedruckte) Denkschrift über Volkskrieg und Landsturm. Als Schriftsteller ist S. das erstaunl. Phänomen eines Autors, der sich konsequent der – im weitesten Sinn feuilletonist. – Stilmittel des radikal demokrat. „Jungen Deutschland“ bedient, dessen polit. Positionen jedoch entschieden verwirft. Seine literar. Vorbilder sind wohl Heine und Hermann Fürst Pückler-Muskau; persönl. Kontakte zu Literaten hatte er – abgesehen von der Bekanntschaft mit Balzac in Paris (1830) – nur wenig. Dem Literaturbetrieb stand er weitgehend fern, seine als Privatdrucke erschienenen Bücher wurden kaum besprochen (eine der wenigen Rezensionen stammt von Eichendorff, 1847). Als S.s Hauptwerk gilt das „Wanderbuch eines verabschiedeten Lanzknechtes“. Sowohl das „Wanderbuch“ als auch die „Fidibus-Schnitzel“ verbinden Erz., (recht konventionelle) Ged., – gelegentl. tagebuchartig datierte – Aphorismen, Glossen und kurze essayist. Betrachtungen, wobei im „Wanderbuch“ die Erz. stärker dominieren. In diesen gewährt ein Ich, das der Leser mit dem Autor identifizieren, für autobiograph. halten soll, auch den abenteuerlichsten Geschichten Authentizität und hat zudem die Funktion, die Illusion mündl. Erzählens zu erwecken. Die wenig formstrengen, manchmal witzigen, zumal bei der Figurendarstellung dem Klischee nicht immer entgehenden Erz. S.s (insgesamt etwa 40), oft mit krieger. oder ethnograph. Motiven und den traditionellen Themen von Pflicht, Liebe und Tod, unterscheiden sich nicht wesentl. von der zeitgenöss. Almanach-Literatur. Interessanter sind die, oft mit erzähler. Elementen verbundenen, essayist. Analysen, in denen S. sich als aristokrat.-konservativ geprägter, oft sehr zugespitzt formulierender Zeitkritiker erweist, als einer freilich, der weiß, daß er und seinesgleichen –Landsknechte, Edelleute, Kavaliere – „letzte Mohikaner“ ohne Zukunft sind. In seinen Gedanken zur Entwicklung seit dem 18. Jh. legt S. gründl. hist. und ideengeschichtl. Kenntnisse an den Tag. Sein Haß (und wohl auch seine Verachtung) gilt dem modernen Bürgertum in allen seinen Erscheinungsformen, zumal jenen der Bürokratie und der „Geldbarone“; seine Zuneigung der alten ständ. Ordnung, die er durch die zentralisierende und nivellierende Revolution von oben seit dem Josephinismus zerstört sieht. S. ist auch ein früher Kritiker der Technik. Der Vertreter des böhm. Großgrundbesitzes trat nachdrückl. für die Bewahrung der nationalen Vielfalt in Österr. ein. S.s Schriften sind bis heute nicht annähernd vollständig wieder aufgelegt worden, aufgrund der durchwegs schlechten Auswahlausg. kann sein Rang schwer überprüft werden. Eineliterar. Rezeption seines Werks gibt eskaum. Möglicherweise verdient S. als einer der letzten Repräsentanten der europ. Adelskultur mehr Beachtung denn als Schriftsteller.

W.: Rückblicke auf Algier und dessen Eroberung durch die kgl. französ. Truppen ..., 1831, Neuausg. 1837; Fragmente aus dem Tagebuche während einer Reise in die Levante, 2 Tle., (1856); Aus dem Wanderbuche eines verabschiedeten Lanzknechtes, 4 Bde., 1844/45, Suppl.Bd. 1848; Ante-diluvian. Fidibus-Schnitzel, 6 Faszikel, 1850; Jagdausflüge, 1859; Postdiluvian. Fidibus-Schnitzel, 2 Faszikel, o. J.; Beitrr. in Z., u. a. in Europa, Wr. Z. für Kunst, Litteratur, Theater und Mode; usw.
L.: Die Presse, 29. 9. 2000; ADB; Kosch, 3. Aufl.; Nagl–Zeidler–Castle 3–4, s. Reg.; Wurzbach; Streffleur 4, 1863, Bd. 4, S. 239ff.; H. Bettelheim-Gabillon, in: Österr. Rundschau 22, 1910, S. 123ff., 188ff.; J. Mühlndorfer, F. Fürst v. S., phil. Diss. Wien, 1911; H. M. Gersdorf, Drei österr. Orientreisende des 19. Jh. und ihr schriftsteller. Werk, phil. Diss. Wien, 1940; Fürst K. zu Schwarzenberg, Geschichte des reichsständ. Hauses S. (= Bibl. familiengeschichtl. Arbeiten 30), 1963, s. Reg. (mit Bild); K. Fürst Schwarzenberg, FM Fürst S., (1964), s. Reg.; H. Belke, Autobiographie und Zeitkritik. F. Fürst zu S. als Schriftsteller (= Literatur in der Ges. 3), (1971) (mit W. und L.); H. Stekl, Österreichs Aristokratie im Vormärz, 1973, s. Reg.; E. Thurnher, in: Die österr. Literatur. Ihr Profil im 19. Jh., hrsg. von H. Zeman, 1982, S. 423ff.; Literatur Lex., hrsg. von W. Killy, 10, 1991; KA Wien; Mitt. Edith Wohlgemuth, Wien.
(S. P. Scheichl)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 12 (Lfg. 55, 2001), S. 18f.
<=  S. 1 =>
<=  S. 1 =>