Schwender, Karl Ludwig (1808-1866), Vergnügungsetablissementbesitzer

Schwender Karl Ludwig, Vergnügungsetablissementsbesitzer. Geb. Neunkirchen, Württemberg (Bad Mergentheim, Dtld.), 28. 3. 1808; gest. Rudolfsheim, NÖ (Wien), 2. 12. 1866. Sohn eines Schullehrers und Schultheißen zu Neunkirchen, Vater von Carl S. (s. u.); evang. AB. Er erlernte in Stuttgart den Beruf eines Kellners, verließ Stuttgart 1830 und kam nach längerer Tätigkeit in München im August 1832 nach Wien, wo er später Zuträger und zwei Jahre darauf „Zahlmarqueur“ (Zahlkellner) in Cortis Kaffeehaus im „Paradeisgartl“(Wien 1) wurde. Im Herbst 1835 erwarb S.ein Kaffeehaus in einem Nebengebäude des Arnsteinschen Palais in Braunhirschen (Wien 15). In der Folge weitete S. den Betrieb immer mehr aus. Er pachtete und adaptierte den daneben liegenden ehemaligen Arnsteinschen Kuhstall, später auch den Westtrakt des Palais, erwarb Konzessionen zur Bier- und Weinausschank und zur Verabreichung von Speisen, ließ bekannte Volkssänger und Varietékünstler auftreten und begann mit der Veranstaltung von Bällen, bei denen u. a. auch Johann Strauß Sohn und Philipp Fahrbach d. Ä. (s. d.) spielten. 1850 kam ein Stellwagenunternehmen hinzu, das ursprüngl. nur als Zubringer für das Etablissement gedacht war, aber bald eine wichtige Funktion im öff. Verkehr erfüllte. Daneben befaßte er sich auch erfolgreich mit Grundstücksspekulationen. 1852/53 kaufte S. die benachbarten Gründe an der Mariahilfer Straße und errichtete darauf einen riesigen Tanzsaal (später „Amorsaal“ genannt) mit Restaurant- und Kaffeehausbetrieb, Theaterraum, Kegelbahn usw. (Eröffnung 1853) und daran anschließend ein Hotel (1856). Um 1863 konnte er auch die bisher nur gepachteten ursprüngl. Objekte kaufen. Es entstand ein zweiter großer Ballsaal („Florasaal“). Das inzwischen größte Vergnügungsetablissement Wiens, nunmehr „Schwenders Colosseum“ genannt, wurde Schweninger schließl. nochmals erweitert, doch erlebte S. die letzte Ausbaustufe nicht mehr. Bereits im Sommer 1861 hatte er in Hietzing die „Neue Welt“ eröffnet, die sowohl als landwirtschaftl. Ausst.Gelände als auch als Unterhaltungsstätte diente. Nach 1865 pachtete S. auch das „Dritte Kaffeehaus“ im Wr. Prater. Sein Sohn Carl S. (geb. Rudolfsheim [?], 11. 11. 1839; gest. ebenda[?], 24. 1. 1877) führte die Unternehmungen weiter. Er realisierte auch S.s Projekt eines Varietétheaters in der „Neuen Welt“ (Eröffnung 1867) und verpachtete im selben Jahr das in den Lokalitäten in Braunhirschen bestehende Theater, das als „Colosseumtheater“ – das Repertoire bildeten Bühnenwerke der Klassik, v. a. aber auch Stücke von Raimund und Nestroy (beide s. d.), Possen und Operetten – bis 1897 bestand. Im selben Jahr wurde das herabgekommene Casino selbst geschlossen und der Gebäudekomplex 1898 abgerissen.

L. (tw. auch für Carl S.): Morgen-Post, 4., Fremden-Bl., 5. 12. 1866; Wr. Ztg., 30. 8. 1949; Czeike; C. Schwender, Wegweiser und Fremdenführer in S.s Colosseum ..., 1868; Guide und Souvenir-Album der Wr. Weltausst., 1873, S. 242ff. (mit Bild); Hietzing. Ein Heimatbuch 1, 1925, S. 337f., 377; G. Gugitz, Bibliographie zur Geschichte und Stadtkde. von Wien 4, (1958), S. 376; E. Spiesberger, in: Bundesrealgymn. Henriettenplatz Wien 15., 1972, S. 5ff., 27ff.; Ch. Klusacek – K. Stimmer, Hietzing, (1977), s. Reg.; dies., Rudolfsheim – Fünfhaus, (1978), s. Reg.; Operette in Wien (= Biblos-Schriften 107), 1979, S. 55ff.; F. Hadamowsky, Wien. Theatergeschichte (= Geschichte der Stadt Wien 3), 1988, s. Reg.; MA 61, Wien.
(K. Fischer – H. Reitterer)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 12 (Lfg. 55, 2001), S. 47f.
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