Schwind, Ernst Frh. von (1865-1932), Rechtshistoriker

Schwind Ernst Frh. von, Rechtshistoriker. Geb. Wien, 23. 3. 1865; gest. ebenda, 14. 7. 1932. Sohn von August(in), Bruder von Wilhelm August Moritz, Neffe von Franz Karl Augustin und Moritz v. S. (alle s. d.). Nach Absolv. des Akad. Gymn. stud. S. Rechts- und Staatswiss. an der Univ. Wien, wobei ihn Heinrich von Siegel für die dt. Rechtsgeschichte begeisterte und ihn zum Besuch des Kurses am Inst. für Österr. Geschichtsforschung 1887–89 anregte. 1888 Dr. jur., in der Folge im Dienst der Finanzprokuratur. Über Anregung von K. Th. Inama v. Sternegg (s. d.) habil. sich S. 1891 mit der Arbeit „Zur Entstehungsgeschichte der freien Erbleihen in den Rheingegenden und in den Gebieten der nördlichen deutschen Colonisation des Mittelalters“ für dt. Recht an der Univ. Wien, 1894 erfolgte seine Berufung als ao. Prof. für dt. Recht und österr. Reichsgeschichte an die Univ.Innsbruck, 1897 für die selben Fächer als ao. Prof. und im folgenden Jahr als o. Prof.nach Graz. In der Nachfolge Siegels wirkte S. ab 1899 als o. Prof. an der Univ. Wien, 1902/03, 1912/13, 1922/23 als Dekan, 1919/20 auch als Rektor. S. gründete und leitete das jurid. Seminar und setzte sich sehr für student. Ausbildung und Wohlfahrtswesen ein, worüber er 1925 „Die Wiener Universität und die österreichische Hochschulpolitik“ publ.; 1932 krankheitshalber emer. Im Gegensatz zu S.s Hauptwerk „Wesen und Inhalt des Privatrechts“ (1899) berücksichtigt sein Dt. Privatrecht (2 Bde., 1919–21) als Lehrbuch auch österr. Recht. Unter den Editionen von Rechtsquellen sind die bedeutendsten die „Ausgewählten Urkunden zur Verfassungsgeschichte der deutsch-österreichischen Erblande im Mittelalter“, gem. mit A. Dopsch (1895, Nachdruck 1968), wogegen seine Arbeiten zur Lex Baiwariorum umstritten sind. Wenig Erfolg zeitigte seine Auseinandersetzung mit der sog. reinen Rechtslehre Hans Kelsens zugunsten geschichtl. Rechtsbetrachtung. S. erwarb sich auch bedeutende Verdienste um das Wörterbuch der dt. Rechtssprache, indem er bes. um die Einbringung der österr. Quellen bemüht war. 1921 erfolgte seine Wahl zum korr. Mitgl. der Akad. der Wiss. in Wien. Sein Sohn Fritz (v.) S. (geb. Innsbruck, Tirol, 1. 6. 1913) beschritt gleichfalls die akadem. rechtswiss. Laufbahn an der Univ. Wien (Rektor 1967/68).

W.: Die Reallastfrage, in: Jbb. für die Dogmatik des heutigen röm. und dt. Privatrechtes 33, 1894; Kritik an P. Puntscharts Schuldvertrag und Treuegelöbnis des sächs. Rechts im Mittelalter, 1896; Die rechtl. Formen des Realcredits nach dem bürgerl. Gesetzbuche für das dt. Reich, 1902; Die Reform der jurist. Studienordnung, 1913; Österr. und der Friede, 1917; Schuld und Haftung im geltenden Recht, 1918; Krit. Studien zur Lex Baiuvariorum I–III, in: Neues Archiv der Ges. für Ältere Dt. Geschichtskde. ... 31, 1906, 33, 1908, 37, 1912; Lex Baiwariorum, in: Monumenta Germaniae Historica, Legum Sect. I, 5, 2, 1926, Nachdruck 1973; Grundlagen und Grundfragen des Rechts, 1928; zahlreiche Beitrr. in Ztg. und Fachz.; usw.
L.: RP, 24. 6. 1913, 19. 3. 1915; N. Fr. Pr., 16., 17. 7. 1932; Czeike; Jb. der Wr. Ges.; Kürschner, Gel.Kal., 1925–31; Lhotsky, Inst., s. Reg.; Wer ist’s?, 1908, 1911; Gothaisches Genealog. Taschenbuch der Freiherrl. Häuser 17, 1867; R. Frh. v. Procházka, Meine 32 Ahnen und ihre Sippenkreise, 1928, S. 496; Forschungen und Fortschritte 8, 1932, S. 327; H. Voltelini, in: Almanach Wien 83, 1933, S. 219ff.; ders., in: ZRG, Germanist. Abt. 53, 1933, S. XIff.; A. Dopsch, in: MIÖG 47, 1933, S. 377ff.; H. Lentze, in: Stud. zur Geschichte der Univ. Wien 2, 1965, S. 92ff.; N. Grass, in: FS Ernst C. Hellbling, 1971, S. 228ff.; G. Oberkofler, Stud. zur Geschichte der österr. Rechtswiss. (= Rechtshistor. R. 33), 1984, S. 401ff.; Juristen in Österr. 1200–1980, hrsg. von W. Brauneder, 1987, S. 263ff., 354f.; F. Schwind, Vorfahren und Erinnerungen aus der Familie S. seit einem Vierteljahrtausend, 2001, passim; UA Wien.
(N. Grass – F. Schwind)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 12 (Lfg. 55, 2001), S. 58f.
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