Sechter, Simon (1788-1867), Komponist und Musikwissenschaftler

Sechter Simon, Komponist und Musiktheoretiker. Get. Friedberg, Böhmen (Frymburk, Tschechien), 11. 10. 1788; gest. Wien, 10. 9. 1867. Sohn des Bindermeisters Jakob (1753–1827) und von Eva Maria, geb. Pesenböck (1744–1798), Vater von Eduard Engelbert S. (s. u.). S. kam 1799 in die Pfarrschule in Friedberg, wo ihn der Schullehrer und Chorregent Johannes Nep. Maxandt (1750–1838) in Gesang, Violin- und Flötenspiel und später im Klavierspiel unterrichtete. 1802 war er Schulgehilfe in Pfarrkirchen (im Mühlkreis, OÖ). Nach kürzerem Aufenthalt in Friedberg besuchte er die Normalschule in Linz. 1804 wieder in Friedberg, wurde er von Mathias Greipl, dem Freund Adalbert Stifters, mit dem Starhembergischen Güterdir. Andreas Johann Kowarz bekanntgemacht, der ihn als Hauslehrer und Korrepetitor für seine Kinder nach Wien mitnahm. Hier lebte S. bis 1808 im Hause Kowarz. Er lernte bei Hartmann, einem Schüler Johann Georg Albrechtsbergers, Kontrapunkt, bei L. A. Koželuch (s. d.) Klavier und bildete sich durch Selbststud. anhand von theoret. (Friedrich Wilhelm Marpurg, Johann Philipp Kirnberger, Albrechtsberger) und prakt. Werken (v. a. Händel, Bach, Gluck, Joseph und Michael Haydn, Mozart) weiter.1809 verlor er infolge der französ. Besetzung Wiens sein Vermögen. Seinen Lebensunterhalt verdiente er durch Unterricht und wohl auch durch seine Auftritte als Klavierbegleiter v. a. des Kontrabassisten Domenico Dragonetti, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband. 1812–25 war S. Klavier- und Gesangslehrer am Blindenerziehungsinst. in Wien-Mariahilf, wo er, ein Freund Johann Wilhelm Kleins (s. d.), wohl schon seit 1810 unentgeltl. unterrichtet hatte. Ab 1813 veranstaltete er öff. Konzerte mit seinen Zöglingen. 1816 heiratete S. die Beamtenstochter Katharina Heckmann (geb. Aachen, um 1792; gest. Wien, 1861 [?]), mit der er die Kinder Eduard Engelbert S. (s. u.), Wilhelmine (1821 – vor 1849) und Karoline (1823–1888) hatte. Die Töchter waren nacheinander (Wilhelmine 1843, Karoline 1849) mit dem Handlungsspediteur Karl Egger verheiratet, ausder Ehe mit Karoline stammten 7 Kinder. Förderung erhielt er durch F. X. Gebauer (s. d.), der Werke von S. in den Concerts spirituels aufführte, und Abbé Maximilian Stadler; dieser empfahl ihn dem Hofmusikgrafen Fürst Moritz Dietrichstein (s. d.), der Auff. von Werken S.s in der Hofmusikkapelle veranlaßte. Ab 1824 war er 2., ab 1825 1. Hoforganist (bis zur Pensionierung 1863), und war auch zehn Jahre Klavierlehrer der Hofsängerknaben. Von 1851 bis an sein Lebensende war S. Prof. für Generalbaß und Kontrapunkt am Konservatorium der Ges. der Musikfreunde in Wien. Aufgrund seines hohen Ansehens in der Musikwelt erhielt S. Ehrenmitgliedschaften und Ausz., u. a. 1863 das goldene Verdienstkreuz mit der Krone. Seine letzten Lebensjahre waren überschattet vom finanziellen Zusammenbruch des Schwiegersohnes, in den S. als Bürge mit hineingezogen wurde. In der schlimmsten Notlage (sein Gehalt wurde gepfändet, Kuratel drohte) kam ihm eine von der Ges. der Musikfreunde veranstaltete Smlg. zu Hilfe, an der sich u. a. auch K. Franz Joseph I. und Erzhg. Franz Karl (beide s. d.) beteiligten. Infolge Entfremdung von der Familie (die Tochter übersiedelte nach Graz) starb S.vereinsamt. S. hatte hunderte Schüler, unter ihnen Franz Schubert, der 1828 knapp vor seinem Tod vermutl. nur mehr einmal zum Unterricht kam, und Anton Bruckner (beide s. d.), der 1856–61 bei ihm eine vollständige Ausbildung absolv., ferner Preyer, Blahetka (beide s. d.), Johann Vesque von Püttlingen, Selmar Bagge, Henri Vieuxtemps, Sigismund Thalberg, Leschetizky (s. d.), Adolf Henselt, Nottebohm (s. d.), Carl Ferdinand Pohl, Salvi (beide s. d.), Carl Michael Ziehrer, Herbeck (s. d.), Esser, Hans Richter, Gericke und Grillparzer (alle s. d.). S.s Bedeutung liegt v. a. in seinem Wirken als Musiktheoretiker und Lehrer. Konservativ ausgerichtet und an Autoritäten der Musiktheorie (Jean-Philippe Rameau, Marpurg) und der Musik der Klassiker orientiert, brachte er das darauf basierende Wissen zusammenfassend in ein geschlossenes, streng geordnetes System, an dem er auch im Unterricht unerbittl. festhielt (und das auch sein Schüler Bruckner seinem Unterricht zugrundelegte). Der Musik seiner Zeit, v. a. Richard Wagners, konnte seine Lehre nicht entsprechen, und sie erfuhr daher schon Kritik der Zeitgenossen. Im Gegensatz zu seinem Schüler Bruckner hielt sich S. auch als Komponist an seine Lehre, was sich in vielen Urteilen über seine sich in techn. Perfektion erschöpfenden Werke niederschlägt. Das Komponieren – er schrieb tägl. eine Fuge und vertonte Texte aus Ztg., Lehrbüchern Seckendorff von Gudent u. a. – scheint ihm eine unentbehrl. Beschäftigung gewesen zu sein, die er offensichtl. aus Lust an der Beherrschung des Handwerkes ausübte. Sein Sohn Eduard Engelbert S. (geb. Wien-Mariahilf, 16. 12. 1829; gest. wahrscheinl. Ungarn, 1886 oder 1887) wurde als begabter, aber innerl. haltloser Musiker charakterisiert. Er war 1864– 1865 Kapellmeister des IR 69, der von ihm komponierte „Gablenz-Marsch“ gilt der Tradition nach als Marsch dieses Rgt. Eduard E. S. war eine Zeit lang im Wr. Theater in der Josefstadt musikal. Leiter von Kindervorstellungen, für 1872–76 sind mehrere dort aufgeführte Märchenspiele mit der Musik von Eduard E. S. bekannt. Er schrieb auch Kirchenmusik, eine Ouvertüre über die Kaiserhymne usw. Eduard E. S. starb auf der Reise nach oder in Kecskemét (Ungarn), wo er eine Stelle als Korrektor einer Musikaliendruckerei antreten sollte.

W.: Die Grundsätze der musikal. Komposition, 3 Abt., 1853–54; weitere theoret. und didakt. W., Artikel, Aphorismen usw. – Kompositionen (s. Tittel, unvollständig): 35 Messen; weitere Kirchenkompositionen; Ali Hitsch-Hatsch (Oper, Text von F. Hölzl), uraufgef. 1844; „Musikalisches Tagebuch“, 27 Bde., 1849–66, Archiv der Ges.der Musikfreunde, Wien (mit Lücken); über 8.000 weitere Kompositionen, u. a. in Archiv der Ges. der Musikfreunde in Wien und Österr. Nationalbibl., Musiksmlg., beide Wien, davon über 125 veröff.
L.: N. Fr. Pr., 11. 9. 1867; ADB; MGG; Wurzbach; Wr. allg. Musik-Ztg. 5, 1845, S. 619f. (autobiograph.); S. Bagge, in: Leipziger Allg. Musikal. Ztg. 2, 1867, S. 312ff.; C. F. Pohl, in: Jahresber. des Wr. Conservatoriums der Musik 8, 1868; J. K. Markus, S. S. Biograph. Denkmal, 1888; A. Mell, Geschichte des k. k. Blinden-Erziehungs-Inst. in Wien 1804–1904, 1904, s. Reg.; F. Klose, Meine Lehrjahre bei Bruckner, 1927, s. Reg.; E. Tittel, S. S. als Kirchenkomponist, phil. Diss. Wien, 1935 (mit W., unvollständig); U. Thomson, Voraussetzungen und Artung der österr. Generalbaßlehre zwischen Albrechtsberger und S. (= Wr. Veröff. zur Musikwiss. 8), 1968; W. Zeleny, Die hist. Grundlagen des Theoriesystems von S. S. (= ebenda, 10), 1979; J. H. Chevenet, S. S.’s The principles of musical composition: A translation of and commentary on selected chapters, phil. Diss. Univ. of Wisconsin, Madison, 1989; R. W.Wason, in: The Journal of musicological research 8, 1988, S. 55ff.; W. Horn, in: Mozart-Stud. 1, 1992, S. 135ff.; G. A. Krumbholz, F. W. Marpurg’s Abh. von der Fuge (1753–54), phil. Diss. Univ. of Rochester, Eastman School of Music, 1995; A. Bruckner. Ein Hdb., hrsg.von U. Harten, (1996); Lex. zur dt. Musikkultur. Böhmen, Mähren, Sudetenschlesien, hrsg. vom Sudetendt. Musikinst., 2, 2000; Státní oblastní archiv, Třebon, Tschechien; Pfarrämter Schottenfeld und Mariahilf, beide Wien. – Eduard Engelbert S.: E. Tittel, S. S. als Kirchenkomponist, phil. Diss. Wien, 1935, S. 18, 30ff.; F. Stieger, Opernlex. 2/3, 1978; P. Karch, in: Pannon. Forschungsstelle Oberschützen. Berr. und Mitt. 2, 1991, S. 155; Pfarramt Mariahilf, Wien.
(Th. Antonicek – H. Reitterer)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 12 (Lfg. 55, 2001), S. 79f.
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