Seidl, Siegfried (1911-1947), Beamter und Lagerkommandant

Seidl Siegfried, Beamter und Lagerkommandant. Geb. Tulln (NÖ), 24. 8. 1911; gest. Wien, 4. 2. 1947 (hingerichtet). Sohn eines seit 1915 kriegsvermißten Friseurmeisters. Nach Absolv. der Mittelschule in Klosterneuburg und Horn stud. S. ab 1930 drei Semester Jus, 1935–38 Geschichte und Dt. an der Univ. Wien, 1941 Dr. phil. (1947 aberkannt); dazwischen brachte er sich mit Gelegenheitsarbeiten durch. 1930 Beitritt zur NSDAP, 1931 zur SA und 1932 zur 11. SS-Standarte (1933 Oberscharführer). Nach dem „Anschluß“ war S. zunächst Fürsorgereferent, dann Sturmbannadj. mit dem Dienstgrad eines Hauptscharführers, 1938–39 Werkschutzwachführer bzw. stellv. Werkschutzleiter bei den Flugmotorenwerken Austro-Fiat in Wien-Floridsdorf, danach – nach eigenen Angaben – ab Dezember 1939 Inspekteur der Sicherheitspolizei in Wien. Von dort wurde er zu der von Adolf Eichmann geleiteten Zentralstelle für Jüd. Auswanderung ins Reichssicherheitshauptamt in Berlin versetzt, im Januar 1940 zum Leitabschnitt Posen des Sicherheitsdienstes, wo er bis Ende 1940 die Gesuchsprüfstelle beim Amt für die Umsiedlung der poln. Bevölkerung leitete, 1941 bei der Gesuchsprüfstelle Marburg. Dazwischen besuchte er „Koloniallehrgänge“ in Berlin und Rom. Vom Eichmann-Referat wurde S. im Herbst 1941 mit der Einrichtung eines jüd. Ghettos in Theresienstadt (Terezín) beauftragt und war – bis zu seiner Versetzung nach Bergen-Belsen 1943 – Lagerkmdt., wobei ihm im Gerichtsverfahren 1946 bes. Grausamkeit im Umgang mit den Insassen des Ghettos vorgeworfen wurde. In Bergen-Belsen oblag ihm die sicherheitspolizeil. Aufsicht über die dort internierten Juden aus sog. Feindstaaten und neutralen Ländern. Im März 1944 gelangte S. mit der Wehrmacht nach Budapest, wo er zum Einsatzkmdo. 5 abgestellt wurde. Als Leiter des Außenpostens in Debrecen gehörte er zu dem von Eichmann geleiteten Sondereinsatzkmdo. S.s Tätigkeit umfaßte die Zusammenziehung der für die Deportation vorgesehenen Juden in Ghettos und Lagern sowie die Beschlagnahmung jüd. Vermögens. Im Juli 1944, als die Evakuierung der Juden aus Ungarn nahezu abgeschlossen war, wurde S. zum stellv. Leiter des Sondereinsatzkmdo. Außenstelle Wien bestellt, dessen Aufgabe die Beaufsichtigung jener etwa 14–15.000 ung. Juden war, die über das Lager Straßhof unter sklavenartigen Bedingungen verschiedenen Arbeitgebern in Wien und NÖ zugeteilt wurden. Beim Herannahen der Front setzte sich S. Anfang April 1945 nach NÖ ab, kehrte aber im Sommer auf der Suche nach seiner Familie nach Wien zurück, wo er verhaftet, 1946 vom Volksgericht Wien zum Tode verurteilt und gehenkt wurde.

L.: G. Anderl, in: Österr. Z. für Geschichtswiss. 3, 1992, S. 63ff.; dies., in: Theresienstadt in der „Endlösung der Judenfrage“, ed. M. Kárný, 1992, S. 213ff.; H. Safrian, Die Eichmann-Männer, 1993, passim; Enz. des Nationalsozialismus, ed. W. Benz u. a., 2. Aufl. 1998, S. 758, 881; UA, Wien.
(G. Anderl)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 12 (Lfg. 56, 2002), S. 126f.
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