Seifert (Sayfert), Jakub (1846-1919), Schauspieler, Regisseur und Theaterdirektor

Seifert (Sayfert) Jakub, Schauspieler, Regisseur und Theaterdirektor. Geb. Prag, Böhmen (Praha, Tschechien), 9. 1. 1846; gest. ebd., 20. 10. 1919. Sohn eines Technikers am Prager Ständetheater, ab 1869 verehel. mit Terezie Ledererová-Seifertová (s. u.). Ein gelernter Holzschnitzer, begann er 1862 in einem Dilettantentheater in den Prager Vorstädten Koschiř (Košíře) und Smichow (Smíchov). 1863 engag. ihn der Theaterdir. Josef Wahlburg-Wessetzky in Pilsen (Plzeň) für seine tschech. Ges. Ab 1864 war S. am Prager Interimstheater beschäftigt und trat in den ersten Jahren zumeist in kleinen Schauspielrollen auf. Seine kleine, aber schöne Baritonstimme kam auch in Operetten zur Geltung; bes. Erfolghatte er an Prager Sommertheatern mit seinen kom. Figuren in Possen und Ausstattungsstücken. Aus seinem späteren Repertoire spielte er in diesen Jahren u. a. Horatio (Shakespeare, „Hamlet“, 1865), Schwanda (Josef Kajetán Tyl, „Strakonický dudák“ /Schwanda der Dudelsackpfeifer, 1868), Orsino (Shakespeare, „Was ihr wollt“, 1872), Edgar (ders., „König Lear“, 1874). Nach 1875 übernahm er allmähl. große Rollen im klass. Repertoire (Schiller, Goethe). Als zweites Fach, in dem er sein Talent ganz bes. zur Geltung bringen konnte, zeigte sich bereits in diesen Jahren das moderne Konversationsstück (Victorien Sardou, Edmond Rostand). Nach der Eröffnung des Nationaltheaters 1883 nahm S. an diesem eine hervorragende Stellung ein. Seine Schauspielkunst beruhte v. a. in seiner Sprachkultur und in seiner Vortragsweise, die auf übertriebenen und pathet. Ausdruck verzichten konnte. Am Nationaltheater verkörperte er auch Gestalten der neuen tschech. Dramatik, u. a. Ludvík Bonaparte (Bozděch, s. d., „Světa pán v županu“ / Der Herr der Welt im Schlafrock, 1876 und 1883), Karel IV. (Jaroslav Vrchlický, „Noc na Karlštejně“ / Eine Nacht in Karlstein, 1884), Catullus (ders., „Pomsta Catullova“ / Die Rache des Catull, 1887) und Pelops (ders. – Z. Fibich, s. d., „Námluvy Pelopovy“ / Pelops Brautwerbung, 1890). Insgesamt spielte S., eine der größten Persönlichkeiten der tschech. Bühne seiner Zeit, am Interims- und Nationaltheater in etwa 50 großen Rollen, 1884 wurde er zum Regisseur und 1894 zum Oberregisseur des Nationaltheaters ernannt; die konventionellen zeitgenöss. Regiemethoden hat er allerdings nicht überschritten. Insgesamt brachte er mehr als 60 Stücke zur Auff., darunter die ersten tschech. Sophokles-Inszenierungen „Antigona“ (1889) und „Oidipus král“ / Kg. Ödipus (1889). 1903–07 war S. Dir. des Lidové divadlo Uranie (Volkstheater Urania) in Prag-Holeschowitz (Holešovice), konnte diese Vorstadtbühne allerdings nicht auf das Niveau des Nationaltheaters heben. 1907–18 wieder am Nationaltheater, trat er danach im Stummfilm „Stavitel chrámu“ (Der Erbauer der Kathedrale) als K. Karl IV. auf. Seine Gattin Terezie Ledererová-Seifertová (geb. Prag, 15. 1. 1844; gest. ebd., 29. 1. 1914) trat mit sieben Jahren in Wien in Kinderrollen auf, stud. dann in Prag Gesang und war ab 1860 Mitgl. verschiedener dt. Theater in Böhmen und Mähren. 1864–88 im Ensemble des Prager Interims- und Nationaltheaters im Soubretten- und Schauspielfach, war sie 1866 die Esmeralda in der Premiere von Smetanas „Prodaná nevěsta“ (Die verkaufte Braut) am Interimstheater. Den Schwerpunkt ihrer künstler. Karriere bildeten die Operettenrollen im Repertoire der Prager Sommertheater 1870–80.

L.: DČD; Národní divadlo (mit Rollen- und Regieenverzeichnis); B. Benoni, Moje vzpomínky a dojmy 1–2, 1917–19, s. Reg.; O. Fischer, Činohra Národního divadla do roku 1900, 1933, s. Reg.; V. Tille, Činohra Národního divadla od roku 1900 do převratu, 1935, s. Reg.; J. Bartoš, Prozatímní divadlo a jeho činohra, 1937, s. Reg.; ders., Prozatímní divadlo a jeho opera, 1938, s. Reg.; L. Hájek, Paměti A. Bergra, 1942, S. 21, 25, 70, 130, 298; J. Kvapil, O čem vím 1, 1946; A. Javorin, Pražské arény ..., 1958, S. 281f.; F. Černý, Kapitoly z dějin českého divadla, 2000, s. Reg. – Terezie Ledererová-Seifertová: ČHS; Národní divadlo (mit Rollenverzeichnis).
(J. Ludvová)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 12 (Lfg. 56, 2002), S. 136f.
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