Seipel, Ignaz (1876-1932), Politiker und Theologe

Seipel Ignaz, Politiker und Theologe. Geb. Wien, 18. 7. 1876; gest. Pernitz (NÖ), 2. 8. 1932. Aus kleinbürgerl. Verhältnissen stammend, Sohn eines Fiakers und späteren Hausmeisters in einem Wr. Vorstadttheater. S. absolv. 1887–95 das Gymn. in Wien-Meidling, trat hierauf in Wien ins Priesterseminar ein und stud. ab 1895 Theol. an der Univ. Wien, wo er vom Vordenker der christlichsozialen Bewegung, dem Moraltheologen Franz M. Schindler (s. d.), nachhaltig beeinflußt wurde. Nach der Priesterweihe (1899) als Kaplan tätig, 1903 Dr.theol., habil. sich S. 1907 für Moraltheol. und lehrte danach als Priv.Doz. an der Wr. Univ., ehe er 1909 als o. Prof. für Moraltheol. nach Salzburg berufen wurde. Hier begegnete er dem Kriegsgegner Lammasch (s. d.) und freundete sich mit Bahr (s. d.) an. Sein Hauptwerk „Nation und Staat“ (1916), in dem er die Unanwendbarkeit des klass. Nationsbegriffes auf die Situation Mitteleuropas bes. unterstrich und das als Bindeglied zwischen seinem Wirken als akadem. Lehrer und dem als Politiker gilt, dürfte von dem in der Friedensbewegung engagierten Kreis um Lammasch, dem neben S. auch J. Redlich und Meinl (beide s. d.) angehörten, beeinflußt worden sein. 1918 Geh. Rat, trat S. im Oktober desselben Jahres als Sozialmin. in das Kabinett Lammasch ein und vermittelte schließl. zwischen Regierung, Prov. Nationalversmlg. und dem K., dessen Verzicht auf die Ausübung der Regierungsgeschäfte er textierte. Als Kirchenmann beeinflußte S. den Wr. Erzbischof Kardinal F. Piffl (s. d.), als Parteipolitiker die CSP, sodaß es beim Übergang zur Republik zu keiner Zersplitterung des christlichsozialen Lagers kam. S., der 1917 die Nachfolge Schindlers an der Wr. Univ. angetreten hatte, wurde zu einer prägenden Kraft in der Konstituierenden Nationalversmlg. und wirkte auch als Vizepräs. der Sozialisierungskomm.; 1919 Prälat. Mit dem Friedensvertrag von Saint-Germain und der bevorstehenden Annahme der Verfassung von 1920 schwand für die Christlichsozialen wie für die SDAP die Notwendigkeit der Großen Koalition, auf deren Bruch auch S. – wohl im Hinblick auf den mit der SDAP geführten Kulturkampf – im Einvernehmen mit Kardinal Piffl hinarbeitete. S. wurde 1921 Obmann der CSP (bis 1930) und im Mai 1922 Bundeskanzler der Republik, die angesichts der Hyperinflation wirtschaftl. unmittelbar vor dem Zusammenbruch stand. Es gelang ihm im selben Jahr, vom Völkerbund mittels der „Genfer Protokolle“ ausländ. Anleihen zu erhalten und auch gegen Widerstände der SDAP die Zustimmung des Nationalrats dafür zu erzielen. Diese erste Regierungsperiode S.s stabilisierte den Staat und ließ ihn auch, trotz ansteigender Arbeitslosigkeit, am langsamen internationalen Wirtschaftsaufschwung teilnehmen. Im November 1924 trat S., auf den Anfang Juni dieses Jahres ein Pistolenattentat verübt worden war, zurück, und entfaltete nun eine umfangreiche Vortragstätigkeit in Europa und in den USA. Im Oktober 1926 erneut Bundeskanzler, mobilisierte er für die Wahlen im April 1927 den antimarxist. „Bürgerblock“, der danach mit dem Landbund die Regierung bildete. Nach den Ereignissen um den Brand des Wr. Justizpalastes im Juli 1927 lehnte es S. im Nationalrat ausdrückl. ab, den Tätern „Milde“ zu gewähren, weshalb eine Kirchenaustrittskampagne der Linken gegen S. unter dem Schlagwort „Prälat ohne Milde“ einsetzte. Zunehmend gewannen antidemokrat. Vorstellungen an Attraktivität. S. suchte durch die Propagierung des Ideals einer „wahren Demokratie“ und die Einbindung der faschist. Heimwehrgruppen, die er in seiner „Tübinger Kritik der Demokratie“ (1929) sogar als „Volksbewegung“ zur Befreiung von der Parteienherrschaft bezeichnete, seine Position zu stärken und gleichzeitig Druck auf die austromarxist. Opposition auszuüben. Seit der Genfer Sanierung hielt S. die österr. Außenpolitik von allen internationalen Problemzonen fern, um später bei einer Rekonstruktion „Mitteleuropas“ mitwirken zu können. Seine 1928 in den „Südtirolreden“ im Nationalrat vorgetragenen, letztl. erfolglosen Attacken gegen das faschist. Italien im Hinblick auf Assimilierungsmaßnahmen gegen die Südtiroler waren daher v. a. von innenpolit. Kalkül bestimmt. 1928 Vizepräs. des Völkerbundes, trat S. – innen- wie außenpolit. gescheitert – im April 1929 als Bundeskanzler zurück und gehörte nur noch kurzfristig, schwer krank, 1930 als Außenmin. dem Kabinett Vaugoin an. Wenngleich sein innerparteil. Durchsetzungsvermögen im Schwinden war – so weigerte sich die Parteileitung im Herbst 1931, ihn als Bundespräs. aufzustellen – blieb er die dominierende Kraft der Christlichsozialen. Angesichts der Weltwirtschaftskrise und des zunehmenden polit. Radikalismus sollte S. den Staat durch eine Regierung auf breitester Basis retten. Sein Koalitionsangebot an die Sozialdemokraten im Juni 1931 scheiterte letztl. an deren parteiinternen Streitigkeiten. S.s letzte polit. Hoffnungen rankten sich um die päpstl. Enzyklika „Quadragesimo Anno“, deren polit. Aussage letztl. in die Idee vom „Christlichen Ständestaat“ einfloß.

W.: Die wirtschaftseth. Lehren der Kirchenväter (= Theol. Stud. der Leo- Ges. 18), 1907 (Habil.schrift); Die Katholiken im gegenwärtigen Weltkrieg, 1914; Neue Ziele und Aufgaben der kath. Moraltheol., 1926; Wesen und Aufgabe der Politik, 1930; Der Kampf um die österr. Verfassung, 1930; Der christl. Staatsmann, 1931; Der Friede. Ein sittl. und gesellschaftl. Problem (= Bücherei des Kath. Gedankens 10), 1937; etc.
L.: (s. bes. bei Rennhofer; Klemperer, I. S.) Bautz; Czeike (mit Bild); DBE; NÖB 9, S. 113ff. (mit Bild); E. K. Winter, I. S. als dialekt. Problem (= ders., Gesammelte Werke 7), 1966; Biograph. Wörterbuch zur dt. Geschichte 3, 2. Aufl. 1975, Nachdruck 1995; K. v. Klemperer, I. S., 1976 (mit L.); F. Rennhofer, I. S., 1978 (mit L.); K. v. Klemperer, in: Die österr. Bundeskanzler, ed. F. Weissensteiner – E. Weinzierl, 1983, S. 92ff. (mit Bild); christl. demokratie 3, 1985, H. 3 (Seipel-H.); K. Weiß, Das Südtirolproblem in der Ersten Republik, 1989, s. Reg.; W. Goldinger – D. A. Binder, Geschichte der Republik Österr. 1918–38, 1992, s. Reg.; G. Holotik, in: Mitt. der Ges. für Sbg. Landeskde. 135, 1995, S. 235f.; Archiv der Erzdiözese Wien, UA, beide Wien.
(D. A. Binder)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 12 (Lfg. 56, 2002), S. 142f.
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