Sembratowicz, Sylvester (1836-1898), Kardinal

Sembratowicz Sylvester, Kardinal. Geb. Desznica, Galizien (Polen), 3. 9. 1836; gest. Lemberg/Lwów, Galizien (L’viv, Ukraine), 4. 8. 1898; griech.-kath. Sohn eines griech.-kath. Priesters, Neffe von Joseph S. (s. d.). S. besuchte das Gymn. in Przemyśl, Wien und Rom, wo er am päpstl. Collegio greco e ruteno maturierte; dann stud. er Theol. an der päpstl. Univ. Urbaniana; 1860 Priesterweihe, 1861 Dr. theol. Zunächst (1862–63) Vikar der griech.-kath. Pfarre in Florynka, 1863–64 Kaplan der Basilianerinnen und Katechet ihrer Schule in Słowita (Slovita), war S. 1864–69 Supplent, dann bis 1879 o. Prof. der allg. und speziellen Dogmatik an der Theol. Fak. der Univ. Lemberg, 1872/73 und 1878/79 Dekan. 1864–69 war er Präfekt im griech.-kath. Seminar im Lemberg und Katechet an der Schule der Dominikanerinnen. 1870 begründete er die ukrain. theol. Z. „Ruskij Sion“, die er bis 1879 auch red. In diesem Jahr zum Tit.bischof von Juliopolis ernannt, fungierte er nach der Resignation seines Onkels Joseph S. (1882) als apostol. Administrator der Erzdiözese Lemberg und wurde 1885 zum griech.-kath. Erzbischof-Metropoliten von Lemberg ernannt. Als solcher ab 1885 Mitgl. des Herrenhauses des österr. Reichsrates, 1895 Kardinal. 1882 war S. Abg. zum Sejm in Lemberg, 1883–97 dessen Vizemarschall. Er reformierte mit Hilfe der Jesuiten den Orden der Basilianer, bestätigte die neu errichtete Diözese Stanislau/Stanisławów (Ivano-Frankivs’k), deren erster Bischof (1885) Peleš (s. d.) wurde; 1891 hielt S. eine Provinzialsynode ab. Durch Gründung entsprechender kirchl. Vereinigungen war er um den Neubau bzw. die Instandsetzung von Kirchen bemüht, errichtete eine Stiftung zur Unterstützung von Witwen und Waisen nach griech.-kath. Priestern und gründete Erziehungsinst. für die männl. und weibl. Jugend sowie ein Internat für Studierende. S. war ein Befürworter des gemäßigten Flügels der nationalen ruthen. Bewegung und versuchte in Zusammenarbeit mit dem galiz. Statthalter Badeni (s. d.) einen Ausgleich zwischen Ruthenen und Polen herzustellen. Ein Gegner der russophilen Partei innerhalb des ruthen. (griech.-kath.)Klerus, verteidigte er beharrl. die Union mit Rom gegenüber der Propaganda der orthodoxen Kirche in Galizien. Über die Bekämpfung der religiösen russophilen Richtung hinausgehend, versuchte er ein neues, ukrain., weder polonophiles noch russophiles Bewußtsein zu schaffen.

L.: Gazeta Lwowska, 4.-7., 9., Słowo Polskie, 5.-9., WZ, 8. 8. 1898; Przegląd Katolicki 1898, Nr. 34; Hahn, 1885, 1891; PSB; J. Pelesz, Geschichte der Union der ruthen. Kirche mit Rom ... 2, 1880, S. 944; A. M. Ammann S. J., Abriss der ostslaw. Kirchengeschichte, 1950, s. Reg.; Documenta Pontificum Romanorum historiam Ucrainae illustrantia, ed. A. G. Welykyj OSBM, 2, 1954, S. 453ff.; H. Rumpler, in: Österr. Osthe. 6, 1964, S. 313ff.; E. Saurer, Die polit. Aspekte der österr. Bischofsernennungen 1867–1903 (= Forschungen zur Kirchengeschichte Österr. 6), 1968, s. Reg.; E. Turczynski, in: Die Habsburgermonarchie 1848–1918, 4, ed. A. Wandruszka – P. Urbanitsch, 1985, s. Reg.
(S. Brzozowski)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 12 (Lfg. 56, 2002), S. 164f.
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