Semmelweis, Ignaz Philipp (1818-1865), Gynäkologe und Geburtshelfer

Semmelweis Ignaz Philipp, Geburtshelfer und Gynäkologe, Geb. Buda (Budapest, Ungarn), 1. 7. 1818; gest. Wien, 13. 8. 1865; röm.-kath. Sohn eines Kaufmanns. Nach Absolv. des kgl.-kath. Univ.gymn. am St.-Niklas-Turm (Piaristen) und einem Gymn.- jahr in Stuhlweißenburg (Székesfehérvár) absolv. S. 1835–37 die phil. Jgg. an der Univ. Pest. 1837 stud. er Jus an der Univ. Wien, 1838 wechselte er zur Med. 1838 stud. er Med. an der Univ. Wien, 1839–40 in Pest, ab 1841 wieder in Wien. 1844 wurde S. nach Veröff. seiner botan. Arbeit „Tractatus de Vita Plantarum“ zum Dr. med. prom. und arbeitete in Wien an der von Joseph Skoda geleiteten Brustambulanz im AKH und an der dortigen Ausschlagabt. unter F. v. Hebra (s. d.). In Karl Frh. v. Rokitanskys (s. d.) Inst. für patholog. Anatomie überprüfte er am Krankenbett erstellte Tastbefunde durch Obduktionen an Frauenleichen. 1846 war S. zunächst prov. Ass., dann Ass. an der 1. geburtshilfl. Univ.klinik im Wr. AKH, ebenso 1847–49 unter Johann Klein. 1847 gelang ihm der Nachweis, daß das Kindbettfieber eine sept. Wundinfektion ist, deren Ausbruch durch strengste hygien. Maßnahmen, v. a. Reinigung der Hände mit Chlorkalklösung, vermieden werden kann. Zu dieser Erkenntnis gelangte S. durch einen Vergleich der Sterbefälle an Kindbettfieber in der 1. und 2. Gebärabt. des Wr. AKH. In der 2. Abt., an der seit 1839 Hebammen ausgebildet wurden, gab es weit weniger Todesfälle als in der 1. Abt., wo Studenten im Anschluß an Leichensektionen prakt. Unterricht in Geburtshilfe erhielten. Zu dieser Zeit verstarb auch der mit S. befreundete Gerichtsmediziner Kolletschka (s. d.) an Pyämie, nachdem ihn einer seiner Schüler beim Sezieren an der Hand verletzt hatte. Beim Stud. des Sektionsber. stellte S. fest, daß Kolletschka an den gleichen Krankheitssymptomen gelitten hatte, wie die an Kindbettfieber verstorbenen Mütter. S. verpflichtete fortan alle Ärzte und Studenten, an der Gebärabt. ihre Hände stets zu desinfizieren. Mit dieser erfolgreichen Prophylaxe wurde er zum „Retter der Mütter“ und Begründer der Antisepsis. Für die Verbreitung seiner Theorie sorgten v. a. J. v. Dumreicher (s. Dumreicher v. Österreicher J. Frh.), Hebra und Skoda. 1850 reichte S. sein Gesuch um Habil. für Geburtshilfe ein. In Wien v. a. von Klein und Rosas (s. d.) stark angefeindet, wurde S. aus der Klinik entlassen, die Verleihung der venia legendi zunächst abgelehnt. Noch 1850 erfolgte aber doch die Habil., allerdings mit der Einschränkung, Demonstrationen an der Leiche nicht ausführen zu dürfen. Verbittert verließ S. Wien, ging zurück nach Pest, wurde 1851 unbesoldeter Hon.primarius am dortigen St. Rochus-Spital, 1855–65 o. Prof. für theoret. und prakt. Geburtshilfe sowie Hebammenlehrer an der Univ. Pest. Eine Berufung nach Zürich 1857 lehnte er ab. In seinen letzten Jahren befaßte er sich mit der operativen Gynäkol. und führte erstmals eine Operation am Eierstock durch. 1865 führte eine fortschreitende Geisteskrankheit zur Einlieferung in die Nö. Landesirrenanstalt in Wien, wo S. vermutl. an Pyämie starb. S. war o. Mitgl. der Ges. der Ärzte.

W.: Die Aetiol., der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettfiebers, 1861; Zwei offene Briefe an HR Dr. E. C. J. v. Siebold und an HR Dr. F. W. Scanzoni, Prof. der Geburtshilfe, 1861; Zwei offene Briefe an Dr. J. Spaeth, Prof. der Geburtshülfe an der K. K. Josefs Akad. in Wien und an HR Dr. F. W. Scanzoni, Prof. der Geburtshülfe zu Würzburg, 1861; Aufsätze über die Ovarialzysten-Operation und über Menstruationsstörungen.
L.: NFP, 8. 1. 1904, 19. 8. 1905, 1. 10. 1906, 1. 7. 1918; WZ, 29. 6. 1918; Die Welt, 3. 5. 1986; Sbg. Nachrichten, 14. 8. 1990; Die Presse, 30. 6. 1993, 24. 6. 2000; Czeike; Hirsch; Lesky, s. Reg.; Pagel; Wurzbach; M. Neuburger, in: WMW 68, 1918, S. 1173ff.; E. Lesky, I. S. und die Wr. med. Schule, 1964, S. 35ff.; G. Gortvay – I. Zoltán, S. – His Life and Work, 1968, bes. S. 276ff.; G. Sillo-Seidl, Die Wahrheit über S., 1978, bes. S. 19ff.; E. Lesky, Meilensteine der Wr. Med., 1981, S. 34ff., 90ff.; B. István, I. S. 1818–65, 1983, S. 17ff.; ders., S.’ Krankheit, 1983, S. 149ff.; M. Skopec, in: Infection Control 4, 1983, S. 367ff.; H. Wyklicky, in: Österr. Porträts 1, 1985, S. 256f.; M. Skopec, in: Kunst des Heilens, Gaming 1991, S. 692ff. (Kat.); J. Antall, ebd., S. 698ff.; I. Loudon, Death in Childbirth, 1992, S. 25ff., 583ff.; C. G. Merker, Der Fall S. in der wiss.theoret. Literatur, phil. DA Salzburg, 1999, S. 11ff.; AVA, IGM, UA, WStLA, alle Wien.
(D. Angetter – K. Kapronczay)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 12 (Lfg. 56, 2002), S. 168f.
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