Senfft von Pilsach, Friedrich Christian Ludwig Gf.; genannt L(h)aun (Lauhe) (1774-1853), Diplomat

Senfft von Pilsach, genannt L(h)aun (Lauhe) Friedrich Christian Ludwig Gf., Diplomat. Geb. Oberschmon bei Querfurt, Kursachsen (Schmon, Dtld.), 4. 1. 1774; gest. Innsbruck (Tirol), 17. 2. 1853; evang., ab 1819 röm.-kath. Ab 1801 verehel. mit Henriette Gfn. v. Werthern-Beichlingen, einer Nichte des preuß. Ministers Frh. vom Stein. S. entstammte einem seit 1490 bekannten Geschlecht aus der Pfalz, trat nach Absolv. seines jurist. Stud. an der Univ. Leipzig 1793 als Assessor in kursächs. Staatsdienst, 1796 Hof- und Justizienrat in Dresden, 1801 Geh. Referendar; 1806 zum Gesandten in Paris sowie 1807 in das von Franzosen besetzte Berlin ernannt. Er folgte Napoleon nach Paris, avancierte über dessen Genehmigung 1810 zum sächs. Kabinettsminister für auswärtige Angelegenheiten in Dresden und übernahm kurzfristig das Dep. des Innern. Als Gegner Preußens strebte S. eine sächs.-poln. Zentralmacht an, was dazu führte, daß sich der sächs. Kg. Friedrich August für einen Anschluß an Österr. entschied und S. geheim nach Wien beorderte. Nach neuerl. Siegen Napoleons und der Rückkehr des Kg. nach Dresden mußte S. auf Befehl jenes entlassen werden. S. ging nach Graz, später in die Schweiz, reiste jedoch nach der Schlacht bei Leipzig nach Frankfurt, um im Interesse des Kg. zu wirken. 1813 ernannte ihn K. Franz I. (s. d.) zum Geh. Rat und Kämmerer und Fürst K. Metternich-Winneburg (s. d.) beauftragte ihn einzuwirken, in der Schweizer. Eidgenossenschaft die Mediationsverfassung zu stürzen und die Zustände, wie sie vor 1798 herrschten, wiederherzustellen. In widersprüchl. Rolle gelang ihm dies im Einverständnis mit den Aristokraten, v. a. in Bern mit dem Versprechen der Rückstellung von Waadt und Aargau, als nach dem Rückzug der Franzosen im November 1813 die bewaffnete Neutraliät wegen innerer Zersplitterung nicht durchgesetzt werden konnte. Doch Zar Alexander I. verurteilte S.s Intrigen derart, daß die Europ. Allianz gefährdet schien, worauf sich Franz I. jegl. Einmischung in Schweizer Angelegenheiten enthalten mußte. Indem S. „den zweifelhaften Ruhm erworben, eine Periode heilloser Verwirrung in der Schweiz eingeleitet zu haben“ (W. Oechsli), wurde er 1814 abberufen, vollendete in Konstanz seine Memoiren und nahm im folgenden Jahr den Abschied. Er ließ sich in Regensburg nieder, hierauf in Leipzig, 1817 kehrte er nach Paris zurück. Wieder nach Wien berufen, wurde S. 1826–31 zum österr. Gesandten in Turin, 1832–36 in Florenz und 1837–43 im Haag ernannt, wobei man ihn 1838 als 2. Bevollmächtigten bei den Verhh. über die niederländ. Abtretung französ.-sprachiger Gebiete an Belgien bestellte. Angesichts der Verehelichung von Erzhg. Albrecht (s. d.) mit der bayer. Prinzessin Hildegard mußte S. 1843 die Gesandtschaft in München aktivieren, wurde 1847 zum Staatsminister ernannt, aber 1848 abberufen. Den Rest seines Lebens verbrachte er ab 1849 bei den Jesuiten in Innsbruck. Für seine Verdienste erhielt er 1812 den sächs. Gf.stand, später zahlreiche Ausz., u. a. 1815 das Großkreuz des sächs. Ordens Für Verdienste und Treue verliehen.

W.: Mémoires du Comte de S. Empire, Organisation politique de la Suisse, 1806–13, 1863 (mit Bild).
L.: ADB, s. Reg.bd.; Wurzbach; D. A. Rosenthal, Konvertitenbilder aus dem neunzehnten Jh. 1, 1866, S. 269f.; W. Oncken, Österr. und Preussen im Befreiungskriege 3, 1879, S. 229ff., 597ff., 634ff.; W. Hegner, Die polit. Rolle des Gf. S. und seine Memoiren, 1910; W. Oechsli, Geschichte der Schweiz im 19. Jh. 2, 1813–30 (= Staatengeschichte der neuesten Zeit 30), 1913, bes. S. 66ff., 85; J. Dierauer, Geschichte der Schweizer. Eidgenossenschaft 5 (= Allg. Staatengeschichte, 1. Abt. Geschichte der europ. Staaten 26), 1917, s. Reg.; Hist.-Biograph. Lex. der Schweiz 6, 1931; H. W. Reinherz, Gf. F. Ch. L . S. v. P. (1940); HHStA, KA, beide Wien; Mitt. Rudolf Agstner, Wien.
(M. Martischnig)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 12 (Lfg. 56, 2002), S. 173
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