Seraphin, Friedrich Wilhelm (1861-1909), Historiker, Schriftsteller und Lehrer

Seraphin Friedrich Wilhelm, Historiker, Schriftsteller und Lehrer. Geb. Hermannstadt/Nagyszeben, Siebenbürgen (Sibiu, Rumänien), 5. 5. 1861; gest. Kronstadt/ Brassó, Siebenbürgen (Braşov, Rumänien), 1. 1. 1909; evang. AB. Sohn eines Schusters. S. wuchs, da er seine Mutter frühzeitig verloren hatte, in der Obhut seines Onkels Friedrich S. auf, der evang. Pfarrer in Kleinschenk/Kissink (Cincşor) war. Hier hatte S. die Möglichkeit, siebenbürg.-sächs. Dorf- und Gemeinschaftsleben unmittelbar zu erfahren, wovon sein literar. Werk nicht unberührt blieb. Nach Absolv. des Gymn. in Hermannstadt stud. er 1879–82 evang. Theol., klass. Philol. und Phil. in Bern, Tübingen und Berlin. Zwischendurch unternahm er – meist zu Fuß – ausgedehnte Reisen durch die Schweiz, Italien, Süd- und Westdtld., Holland, Belgien und Frankreich. Nach seiner Rückkehr war er zunächst 1882–84 als Lehrer an einer Elementarschule in Hermannstadt, anschließend kurze Zeit als Gymn.lehrer in Bistritz/ Besztercze (Bistriţa) und von Ende 1884 bis zu seinem Tod am Kronstädter Honterusgymn. tätig. S. verf. hist. und literar. Schriften. Als Historiker hat er u. a. nachgelassene Ged. des siebenbürg.-dt. Barockautors Petrus Mederus sowie Briefe siebenbürg.- sächs. Würdenträger aus dem 18. Jh. hrsg. oder etwa Stud. zur Situation der Kronstädter Schule im Vorfeld der Reformation verf. Seine bedeutendste Leistung auf historiograph. Gebiet bildet seine Mitarbeit an den umfangreichen „Quellen zur Geschichte der Stadt Kronstadt ...“ (ab Bd. 2, 1886ff.). Während seine hist. Schriften vorwiegend in den Publ.organen des Ver. für siebenbürg. Landeskde. erschienen, wurden seine literar. Arbeiten zumeist in der von ihm 1889–91 mithrsg. Z. „Der Siebenbürgische Volksfreund“ publ.; sie umfassen Kurzepik und Lyrik, u. a. auch das „Sachsenlied“, das in der Vertonung von R. Lassel (s. d.) in Siebenbürgen weit verbreitet war. S.s bedeutendstes literar. Werk, der 1903 erschienene hist. Roman „Die Einwanderer“, wurde in siebenbürg.-sächs. Kreisen enthusiast. aufgenommen, da hist. Fragen in der 2. Hälfte des 19. Jh., insbes. durch die Darstellungen von Georg Daniel Teutsch, zunehmend populär wurden. S. verlegt die Handlung seines Romans ins 12. Jh., als – der hist. Überlieferung nach – die Vorfahren der Siebenbürger Sachsen von den ung. Kg. in Siebenbürgen angesiedelt wurden. Dieses durch hist. Quellen kaum gestützte Ereignis bot S. die Möglichkeit, seine literar. Phantasie ausschweifen zu lassen, Gestalten, Situationen und Geschehnisse zu erfinden und diese in ihm von seinen Wanderungen her bekannte Landschaften zu versetzen. Dabei vermochte er den Gegensatz zwischen hist. Darstellung und Gegenwartsbezug nicht immer zu lösen, zu sehr ist die geradezu idyll. Darstellung des guten Einvernehmens zwischen Ungarn und Dt. von S.s Wunschvorstellungen bestimmt.

W. (auch s. u. bei Trausch): Sieben Ged. des Petrus Mederus ..., in: Archiv des Ver. für siebenbürg. Landeskde., NF 23, 1890, H. 1; Waldmärchen, in: Kal. des Siebenbürger Volksfreundes 35, 1904; etc. – Ed.: Aus den Briefen der Familie v. Heydendorff (1737–1853), in: Archiv des Ver. für siebenbürg. Landeskde., NF 25, 1894–96, H. 1–3.
L.: Brümmer; Kosch; Trausch, s. Reg. (mit tw. W.); E. Schlüren, in: Akadem. Bll. 9, 1904/05, Nr. 10, S. 123ff.; A. Schullerus, in: Korrespondenzbl. des Ver. für siebenbürg. Landeskde. 27, 1904, S. 60ff., gekürzt auch in: Krit. Texte zur siebenbürg.-dt. Literatur, ed. S. Sienerth (= Veröff. des Südostdt. Kulturwerks B 65), 1996, S. 161f.; ders., in: Kal. des Siebenbürger Volksfreundes 47, 1916, S. 99ff.; Die Literatur der Siebenbürger Sachsen in den Jahren 1849–1918, red. C. Göllner – J. Wittstock, 1979, s. Reg. (mit Bild); C. L. Gottzmann, Verheißung und Verzweiflung im Osten. Die Siedlungsgeschichte der Dt. im Spiegel der Dichtung, 1998, s. Reg.
(S. Sienerth)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 12 (Lfg. 56, 2002), S. 184f.
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