Seyss-Inquart, Richard (1883-1941), Justizbeamter, Seelsorger und Schriftsteller

Seyss-Inquart Richard, Justizbeamter, Seelsorger und Schriftsteller. Geb. Iglau, Mähren (Jihlava, Tschechien), 3. 4. 1883; gest. Wien, 11. 6. 1941; röm.-kath., ab 1920 altkath., dann wieder röm.-kath. Bruder von Arthur S.-I. (s. d.). Nach Absolv. des dt. Staatsgymn. in Olmütz (Olomouc) stud. S. 1901–03 an der Univ. Wien, dann in Prag Jus, wirkte eine zeitlang als Erzieher im Haus des oö. Statthalters Artur M. Gf. Bylandt-Rheidt (s. d.) in Linz sowie später (1909) auch im Hause des Erzhg. Leopold Salvator (s. d.). Ab 1905 im Wr. Alumnat, stud. er 1905–07 sowie 1908–10 an der Univ. Wien – dazwischen in Olmütz – Theol.; 1910 Priesterweihe. Er wirkte als Kaplan in Wolkersdorf, 1911–13 als Supplent und 1913–20 als Religionslehrer am Taubstummeninst. in Wien sowie am Waisenhaus in Wien 13, 1914–18 als Feldkurat in Wr. Armeespitälern. Wegen seiner Eheschließung verließ S. 1920 den Klerikerstand, erhielt jedoch 1933 die päpstl. Dispens. In der Zeit seines Priestertums trater mit leidenschaftl. und stimmungstiefen lyr. Dichtungen hervor, die jedoch in kath. Kreisen auf Widerstand stießen, sodaß er 1920 seine literar. Tätigkeit einstellte. 1921 trat S. als Adjunkt im Gefangenenhaus des Wr. Landesgerichts II und in Stein an der Donau in den Justizdienst, 1922 Kontrollor in der Strafanstalt Göllersdorf und ab 1923 Dir. des Jugendgerichtsgefangenenhauses in Wien 3. 1928 wurde S. zum Leiter der neu eingerichteten Bundesanstalt für männl. Erziehungsbedürftige in Wien 11 bestellt und konnte in dieser Anstalt, in der versucht wurde, aus Erziehungsmängeln kriminell gewordene jugendl. und unmündige männl. Straftäter durch individuelle erzieher., psycholog. etc. Maßnahmen sowie psychotechn. Eignungsprüfungen und Berufsberatung wieder sozial einzugliedern, seine Vorstellungen von Jugendhilfe in die Tat umsetzen. 1933 Reg.Rat, 1940 Oberreg.Rat. 1938 Parteianwärter der NSDAP. Seine letzten Jahre wurden durch Krankheit sowie die zunehmenden Einschränkungen seiner Tätigkeit seitens der Nationalsozialisten überschattet. S. galt als Vorkämpfer des modernen Jugendgerichtsgesetzes von 1928, das den Abbau von Strafen und den Ausbau von Erziehungseinrichtungen vorsah. Ab 1928 leitete er eine der von Viktor Frankl eingeführten kostenlosen Jugendberatungsstellen, später auch die Caritas-Beratungsstelle für schwererziehbare und gefährdete Jugendliche; 1929 führte er den Vorsitz in der konstituierenden Generalversmlg. des Ver. für Jugendschutz und gefährdete Jugend, 1931 bei der Hauptversmlg. des Ver. für Jugendberatung, und war im Arbeitsausschuß der 1935 gegründeten Österr. Ges. für Heilpädagogik tätig. S. hielt zahlreiche Vorträge bei diversen Ver.und Ges. sowie im Rundfunk.

W.: In Sturmestagen. Ged. (= Studentenhe. Literar. R. 1), 1919; Die neuen österr. Bundesanstalten für Erziehungsbedürftige, in: Z. für Kinderschutz, Familien- und Berufsfürsorge 22, 1930, Nr. 1–2; Die Bundesanstalt für männl. Erziehungsbedürftige in Kaiser-Ebersdorf, in: FS der Wr. Jugendgerichtshilfe ..., 1937; Aus der psychotherapeut. Praxis in der Anstalt für Erziehungsbedürftige ..., in: Zentralbl. für Psychotherapie und ihre Grenzgebiete ... 14, 1942; Selbstdarstellung eines Klerikers über seinen Weg zur Ehe ... (= Wr. Kath. Akad. – Miscellanea 51), 1978; Sturmglocken! Kriegsballaden, o. J.; Ged. und Abhh. in RP, NFP, Die Kultur, Österr. Frauenwelt, Z. für Kinderschutz, Familien- und Berufsfürsorge, etc.
L. (s. auch L. bei Arthur S.): Kosch; L. Husinsky, in: Die Kultur 15, 1914, H. 2, S. 191ff.; Z. für Kinderschutz, Familien- und Berufsfürsorge 15, 1923, S. 218f., 22, 1930, S. 151; I. Hift-Schnierer, in: Lehrlingsschutz, Jugend- und Berufsfürsorge 9, 1932, H. 10/11, S. 15f.; Österr. 1918–34, 1935, S. 334 (mit Bild); „Wer ist Wer“, ed. P. Emődi, 1937; L. Bosmans, A. Schaurhofer 1872–1928 (= Veröff. des Inst. für Kirchl. Zeitgeschichte ..., Ser. 2/6), 1978, s. Reg.; V. Matejka, Anregung ist alles. Das Buch Nr. 2, 1991, S. 92; AdR, UA, beide Wien; Mitt. Franz Loidl, Wien.
(R. Mannhard)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 12 (Lfg. 56, 2002), S. 214f.
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