Siboni, Giuseppe Vincenzo Antonio (1780-1839), Sänger und Gesangslehrer

Siboni Giuseppe Vincenzo Antonio, Sänger und Gesangslehrer. Geb. Forlì, Kirchenstaat (Italien), 27. 1. 1780; gest. Kopenhagen-Kongens Nytorv (København, Dänemark), 28. 3. 1839. Nach gesangl. Ausbildung bereits im Knabenalter debüt. S. 1797 als Tenorsänger im Theater seiner Geburtsstadt und sang bis ungefähr 1800 an mehreren italien. Bühnen, ohne ein festes Engagement anzunehmen. 1800–05 war er am Prager Ständetheater, wo er auch in dt.sprachigen Opern auftrat, ab Dezember 1805 an der Mailänder Scala tätig, 1806 am King´s Theatre in London, an dem er mit großem Erfolg u. a. in den Opern Ferdinando Paërs sang. Mit der Sängerin Angelica Catalani und dem irischen Tenor Michael Kelly gab er Tourneevorstellungen in England und Irland (1806–09). Nach einer weiteren Saison an der Scala kam er 1810 nach Wien, wo er bald zu einer der gefeierten Größen der Hofoper (Kärntnertortheater)aufstieg. Auch hier (wie in Prag) konnte er viele seiner Opernpartien (Licinius in „Die Vestalin“ und Fernando Cortez in Gasparo Spontinis Opern, Jason in Luigi Cherubinis „Medea“, Mozarts Titus) in dt. Sprache singen. Beethoven (s. d.) schätzte den Sänger, der in seinem Konzert im April 1813 mitwirkte. Engen Kontakt hatte S. auch zu den vier Schwestern Fröhlich (alle s. d.), von denen die jüngste, Josephine, ihm später nach Kopenhagen als Gesangsschülerinfolgte. S. heiratete in Wien 1811 Ludovika v. Schober, die Schwester Franz v. Schobers (s. d.), die bereits im nächsten Jahr durch einen Unfall ums Leben kam. Im Zuge der Sparmaßnahmen des Hoftheaterdir. Gf. Pálffy (s. Pálffy v. Erdőd Ferdinand) wurde S.s Vertrag nicht erneuert und er verließ Wien. Auf sein Ersuchen wurde ihm 1816 die österr. Staatsbürgerschaft verliehen. Nach einigen Reisejahren wirkte er am Teatro San Carlo in Neapel, in Florenz und Bologna (1814–17). November 1817 bis Anfang 1818 sang er wieder in Wien. Damals ist wahrscheinl. durch ihn die Bekanntschaft zwischen dem Sänger Johann Michael Vogl und F. Schubert (s. d.) hergestellt worden. 1818 kam S. nach Stockholm, Göteborg und schließl. nach Kopenhagen, wo er einen 11jährigen Vertrag als Dir. der Gesangsschule des königl. Theaters erhielt. S. wurde nun dän. Staatsbürger, wirkte bis 1823 als Sänger und bis zu seinem Tod als Leiter der Theater-Gesangsschule, wobei er starken Einfluß auf Organisation und Spielplan hatte. Er ließ Opern wie Mozarts „Le nozze di Figaro“, Beethovens „Fidelio“, Rossinis „Tancredi“ und „Il barbiere di Siviglia“, Webers „Freischütz“ erstmals in Dänemark aufführen. S., der schon 1816 die Errichtung eines Konservatoriums in Wien angeregt hatte, konnte sein Vorhaben in Kopenhagen(1826) verwirklichen.

L.: Kutsch–Riemens 5–6; A. W. Thayer u. a., L. van Beethovens Leben 3, 2. Ausg. 1911, s. Reg.; I. F. Castelli, Memoiren meines Lebens, ed. J. Bindtner, 1 (= Denkwürdigkeiten aus Altösterr. 9), 1914, S. 226; A. Monti, in: La Pie, 1921, Nr. 11f.; P. Ingerslev-Jensen, in: Det Kongelige Danske Musikkonservatorium. Aarsberetning for 1961, 1962, S. 21ff. (S.s autobiograph. Aufzeichnungen); Schubert. Die Dokumente seines Lebens, ed. O. E. Deutsch (= F. Schubert. Neue Ausg. sämtl. Werke, Ser. 8/5), 1964, s. Reg.; Schubert. Die Erinnerungen seiner Freunde, ed. O. E. Deutsch, 1966, s. Reg.; G. Schepelern, G. S. – Sangeren-Syngemesteren 1–2, 1989; Schubert-Lex., ed. E. Hilmar – M. Jestremski, 1997; M. Lorenz, in: Schubert durch die Brille 23, 1999, S. 47ff.
(C. Höslinger)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 12 (Lfg. 56, 2002), S. 218
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