Sigl, Georg (1811-1887), Industrieller und Techniker

Sigl Georg, Industrieller und Techniker. Geb. Breitenfurt (Breitenfurt bei Wien, NÖ), 13. 1. 1811; gest. Währing, NÖ (Wien), 9. 5. 1887; röm.-kath. – Bauernsohn, Vater von Alfred Ludwig S. (s. u.). Früh verwaist, erlernte S. das Schlosserhandwerk, ging in Dtld. und der Schweiz auf Wanderschaft und war ab 1832 in der Schnellpressenfabrik Hellwig & Müller in Wien, 1837–40 als Werkführer und späterer Teilhaber bei Dinglinger in Zweybrücken beschäftigt. In den 40er Jahren errichtete er in Berlin eine kleine Fabrik zum Bau von Buchdruckerpressen, 1846 gründete er ein Werk in Wien, in dem er u. a. die von ihm erfundenen lithograph. Schnellpressen herstellte. 1851 übersiedelte er in ein Gebäude in Wien-Währing, wo er 1857 seine erste Lokomotive, die „Gutenberg“, baute. 1867 erwarb S. die bereits 1861 von ihm gepachtete ehemalige Günthersche Lokomotivfabrik in Wr. Neustadt, die er i. d. F. vergrößerte und maschinell verbesserte. 1870 stellte das Unternehmen, das vorwiegend die russ., schles. und schleswig-holstein. Eisenbahnen belieferte, die eintausendste Lokomotive fertig (etwa drei Viertel der gesamten Produktion war in der Wr. Neustädter Fabrik hergestellt worden). Bes. der in Folge des Ausgleichs von 1867 forcierte Ausbau des ung. Eisenbahnnetzes hatte S. neue Absatzmöglichkeiten erschlossen, die einen hohen Beschäftigtenstand gewährleisteten. Im Gefolge des Börsenkrachs von 1873 sowie aufgrund des Erstarkens der dt. Konkurrenz nach der Reichsgründung geriet S. jedoch zunehmend in finanzielle Schwierigkeiten. Geschäfte außerhalb des Kernbereichs, mit denen er den Auftragsrückgang bei Lokomotiven auszugleichen versuchte (etwa die Erzeugung von Ölpressen, Trägerkonstruktionen für den Dachstuhl der Votivkirche in Wien, Buchdruckerpressen etc.), waren zu wenig ertragreich, sodaß S., der zeitweise über ein bedeutendes Wirtschaftsimperium verfügt hatte, seine Unternehmen – mit Ausnahme seiner Wr. Fabrik – aufgeben mußte; die Wr. Neustädter Fabrik wurde ab 1875 als AG weitergeführt. S.s Sohn, der Kolonialbeamte Alfred Ludwig S. (geb. Wien, 25. 4. 1854; gest. Weimar, Dt. Reich/Dtld., 13. 4. 1905), stud. nach Absolv. des Gymn. in Berlin einige Jahre Maschinenbau in England und war längere Zeit im Unternehmen seines Vaters tätig. Nach einer entomolog. Stud.reise nach Madagaskar und Ostafrika (1886) trat er 1887 in die Dienste der Dt.-Ostafrikan. Ges. und war vorerst als Stationschef im Hinterland von Bagamoyo tätig. Als im August 1888 der „Araberaufstand“ ausbrach, eine sowohl gegen die dt. Kolonialges. in Dt. Ostafrika (Tansania) wie auch gegen die Autorität des Sultans von Sansibar gerichtete Widerstandsbewegung, war er als Mitgl. der dt. Schutztruppe an deren gewaltsamer Niederwerfung beteiligt. 1889 wurde er mit einer brit. Karawane in das Innere des dt. Schutzgebiets gesandt, besetzte 1891 Tabora und konnte als dortiger Stationschef den dt. Einfluß konsolidieren. 1896–1900 wirkte er als Bez.amtmann in Pangani. Aus gesundheitl. Gründen trat Alfred L. S., seit 1892 dt. Staatsbürger, 1901 i. d. R. und lebte danach in Weimar. Seine ethnograph. Smlg. wird heute im Mus. für Völkerkde. in Wien aufbewahrt.

L.: NFP (A.), NWT, 9. 5. 1887; Czeike; Geschichte der Eisenbahnen 2, 1898, S. 446f., 450f.; Großind. Österr. I/3, S. 9, 11f., 33f. (m. B.); Wurzbach; Österr. Naturforscher und Techniker, 1950, s. Reg. (m. B.); J. Mentschl – G. Otruba, Österr. Industrielle und Bankiers (= Österr.- R. 279/281), 1965, S. 118ff.; E. März, Österr. Ind.- und Bankpolitik in der Zeit Franz Josephs I., 1968, s. Reg.; H. Mück, in: Wr. Geschichtsbll. 36, 1981, S. 66ff.; F. Mathis, Big Business in Österr. 1, 1987, s. Reg.; J. Pemsel, Die Wr. Weltausst. von 1873, 1989, s. Reg.; H. Jäger-Sunstenau, Die Ehrenbürger ... der Stadt Wien (= Forschungen und Beitrr. zur Wr. Stadtgeschichte 23), 1992, s. Reg. (m. B.); „Die Wienerische Neustadt“, ed. S. Hahn – K. Flanner, 1994, S. 213f., 506; M. Klenner, in: Wr. Geschichtsbll. 54, 1999, S. 272ff. (m. B.). – Alfred L. S.: NFP, 20. 4. 1905; Biograph. Jb. 10, 1907, S. 366ff.; Dt. Kolonialbl. 16, 1905, S. 291f.; B. Köfler-Tockner, in: MÖStA 47, 1999, S. 162; k. u. k. kolonial, ed. W. Sauer, 2002, s. Reg.
(B. Köfler-Tockner – J. Mentschl)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 12 (Lfg. 57, 2004), S. 252f.
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