Simitsch (Simić) von Hohenblum, Alfred Reichsritter (1840-1925), Agrarpolitiker und Gutsbesitzer

Simitsch (Simić) von Hohenblum Alfred Reichsritter, Agrarpolitiker und Gutsbesitzer. Geb. Wien, 9. 2. 1840; gest. ebd., 19. 6. 1925; röm.-kath. – Sohn von Josef Reichsritter S. v. H. (s. u.), Cousin von Ferdinand v. Saar (s. d.). S. besuchte 1857–59 die Landwirtschaftsakad. in Ung.-Altenburg (Mosonmagyaróvar) und leistete 1859 Kriegsdienst als Kav.off. in Italien. Danach war er in führender Position in verschiedenen land- und forstwirtschaftl. Unternehmen in Ungarn, Böhmen und Galizien, u. a.auch als Gen.insp. der Forstbank tätig. 1873 zog er sich auf sein Gut Muthmannsdorf in NÖ zurück. Ab Beginn der 1890er Jahre trat er zunehmend als Agrarpolitiker hervor. Die von ihm angeführte und zunächst auf die Landwirtschaftsges. und den Klub der Land- und Forstwirte gestützte Bewegung forderte das Verbot des Getreideterminhandels, die Festsetzung von Mindestpreisen und die Einführung von Schutzzöllen für Getreide-, Wein- und Viehimporte. S. vertrat seine Ideen in großangelegten Agitationskampagnen und mit Hilfe zahlreicher Broschüren zur Agrar- und Handelspolitik.1898 gründete er die Österr. Zentralstelle zur Wahrung der land- und forstwirtschaftl. Interessen beim Abschluß von Handelsverträgen, der es gelang, die meisten land- und forstwirtschaftl. Verbände und Interessensgruppen Cisleithaniens zu inkorporieren, und die sich unter seiner Leitung zum bestimmenden agrarpolit. Machtfaktor in der österr. Reichshälfte entwickelte. Damit konnte S. seine protektionist. Ideen schrittweise auch polit. durchsetzen, was etwa 1903 das Verbot des Terminhandels, 1905– 10 einen regelrechten Zollkrieg gegen Serbien oder den Zusammenbruch der Wr. Getreidebörse zur Folge hatte. Nach 1918 trat er polit. nicht mehr in Erscheinung. S. gilt einerseits als Agrarpionier und Vorkämpfer für eine gerechte Entlohnung der Bauern, anderseits jedoch als agrarpolit. Protektionist und Lobbyist, der primär die Interessen des Großgrundbesitzes vertrat. Sein Vater Josef Reichsritter S. v. H. (geb. Wien, 29. 8. 1803; gest. ebd., 29. 9. 1872), röm.- kath., war der Sohn eines Gefällsbeamten. Er stud. 1824–26 an der Univ. Wien Jus und erwarb danach das Großhandelsprivileg, das er aber bereits 1848 wieder zurücklegte. Josef S. war Inhaber einer Zementkalkfabrik in Kirchberg an der Pielach und einer Maschinendrahtstiftfabrik bei Klosterneuburg, wurde daneben aber v. a. durch seine Erfindungen bekannt: So erhielt er u. a. 1848 das Privileg für einen speziellen Kalkdünger, der dem Boden die überschüssige Säure auf schonende Weise entzog. Für seine 1835 entwickelte sog. Eilkorrespondenzbahn, bei der Briefe in Behältern durch unterird. Röhren mittels Wasserdruck, Luftpumpe, Mechanik oder Gebläse rasch befördert werden konnten, fand er auch im Ausland Beachtung und wurde als einer der Pioniere der Rohrpost angesehen.

W.: Materialien zur Vorbereitung der Handelsverträge, 1899; Materialien zur Vorbereitung der Handelsverträge unter bes. Berücksichtigung der land- u. forstwirtschaftl. Interessen, 1900; Vorwort, in: Oesterr. agrar. Hdb., 1911; etc.
L.: NFP, NWT, 19. 6. 1925 (beide A.); H. Kallbrunner, Der Väter Saat. Die österr. Landwirtschafts-Ges. von 1807 bis 1938, (1963), S. 90ff., 98, 101 (m. B.); W. Ast, in: Amtsbl. der Bez.hauptmannschaft Wr. Neustadt, 15. 7. 1963; A. Haas, Die vergessene Bauernpartei, 2000, s. Reg. – Josef S. v. H.: NFP, 1. 10. 1872; Neue Zürcher Ztg., 21. 1. 1976; Wurzbach; R. (v.) Bartsch-Salgast-Dyhrn, in: Adler 72, 1954, Bd. 3, S. 102f.; Archiv der TU, Hofkammerarchiv, UA, Dompfarre St. Stephan, Materialiensmlg. ÖBL, alle Wien; Mitt. Udo Hohenblum, Wien.
(Ch. Gruber – W. Rosner)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 12 (Lfg. 57, 2004), S. 278
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