Singer, Wilhelm (1847-1917), Journalist

Singer Wilhelm, Journalist. Geb. Bisenz, Mähren (Bzenec, Tschechien), 26. 11. 1847; gest. Wien, 10. 10. 1917; mos., zuletzt konfessionslos. – Bruder von Emanuel v. S. und Julius S. (beide s. d.). S. verbrachte seine Kindheit in Napajedl (Napajedla), wosein Vater Leopold S. eine Landwirtschaft betrieb, und absolv. das Gymn. in Olmütz (Olomouc). Aufgrund eines Zerwürfnissesmit seinem Vater wegen seines journalist.Engagements für die Olmützer „Neue Zeit“ übersiedelte S. Ende der 1860er Jahre nach Wien und widmete sich hier nach kurzer schauspieler. Tätigkeit dem Journalismus. Vorerst Gerichtssaalberichterstatter für „Die Debatte“ (später „Tages-Presse“), verließ er diese Ztg. aufgrund ihrer polit. Wen-de im dt.-französ. Krieg und wechselte für einige Monate in gleicher Funktion zum „Neuen Wiener Tagblatt“ bzw. zum „Neuen Fremden-Blatt“. Als Theaterkritiker der „Presse“ trat er schließl. aus der journalist. Anonymität heraus. Erneut brachte die Richtungsänderung einer Ztg. einen Wendepunkt seiner Karriere: als die „Presse“ indie Abhängigkeit der Regierung Taaffe geriet, verließ S. gem. mit Kollegen die Ztg., um vorerst als freier Journalist tätig zu sein. Kurze Zeit Lokalreporter und Theaterreferent bei der „Deutschen Zeitung“, übersiedelte er 1880 als Chefkorrespondent der „Neuen Freien Presse“ nach Paris, wo er bald über ein weitmaschiges Netz an Beziehungen zu führenden polit., gesellschaftl.und kulturellen Repräsentanten verfügte. S.beschränkte sich in seiner Berichterstattung nicht auf polit. Themen, sondern sparte bald keinen Bereich sozialer Realität aus und verf. auch zahlreiche durch ihre Lebendigkeit hervorstechende Feuilletons über bekannte französ. Zeitgenossen. Mitte September 1891 kehrte er als Chefred. des „Neuen Wiener Tagblatts“ nach Österr. zurück, eine Funktion, die er bis zu seinem Tod ausübte. Unter seiner Leitung – er war auch Präs. der „Steyrermühl–AG“ wurde allmähl. die Entpolitisierung dieser ursprüngl. liberalen Ztg. eingeleitet, später wurden umfangreiche Investitionen im Druckerei- und Verlagszweig getätigt. Ebenso konnten zumindest bis zu S.s Tod die Aspirationen Siegharts (s. d.) abgewehrtwerden, durch Aktienmajorität an der Steyrermühl AG bestimmenden Einfluß auf deren Bll. auszuüben. Ab Mai 1899 war S. auch Präs. der Internationalen Presseassoziation, deren Gründung er angeregt hatte.

L.: NFP, 11., NWT, 11.-16. 10. 1917; Neues Wr. Journal, 10. 5. 1931; Die Fackel, s. Reg.; Hdb. jüd. AutorInnen;Heller 5; Lex. böhm. Länder; Kosel; Wininger; E. Walter, Österr. Tagesztg. der Jh.wende, 1994, s. Reg.; WStLA, Wien.
(Th. Venus)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 12 (Lfg. 57, 2004), S. 301f.
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