Sittenberger, Hans (Johann) (1863-1943), Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und Lehrer

Sittenberger Hans (Johann), Schriftsteller, Literaturwissenschafter und Lehrer. Geb. Klagenfurt (Ktn.), 20. 4. 1863; gest. Eisgrub, Dt. Reich (Lednice, Tschechien), 2. 11. 1943. – Aus einer Kaufmannsfamilie stammend. Nach Absolv. des Gymn. stud. S. 1881–84 Germanistik und Altphilol. an der Univ. Wien und nach einer Stud.unterbrechung ab 1886 an der Univ. Graz, 1889 Dr. phil. mit einer Diss. über Christoph Martin Wieland. Er wirkte dann als Erzieher und Lehrer, später als Leiter des Theaterressorts der „Deutschen Zeitung“ in Wien. Nach seiner Rückkehr in den Schuldienst unterrichtete S. von 1901 bis in die 30er Jahre an der Höheren Obst- und Gartenbauschule in Eisgrub, lebte jedoch vorderhand in Wien; 1918 verlegte er seinen Wohnsitz nach Eisgrub, das nun zur Tschechoslowak. Republik gehörte, behielt aber die österr. Staatsbürgerschaft bei. 1917–18 wirkte er vorübergehend als Dramaturg am Burgtheater in Wien. Literar. trat S., der in seiner Grazer Zeit von Hamerling (s. Hammerling) gefördert worden war, 1899 mit der Novelle „Scholastica Bergamin“ hervor, einer Liebesgeschichte zwischen Napoleon und einer Klagenfurter Kaufmannstochter. Bevorzugter Schauplatz seiner Prosa ist Klagenfurt, u. a. in den Romanen „Der geheilte Vitus“ (1910) und „Die Untreue der Frau Felizitas“ (1910). Aufsehen erregte S. mit der Stud. „Die Wahrheit auf der Bühne“ (1893), in welcher er gegen den Naturalismus Stellung bezog; 1909 erschien „Einführung in die Geschichte der deutschen Literatur mit besonderer Berücksichtigung der neueren Zeit“. Daneben verf. S.Biographien („Grillparzer“, 1904) und kulturhist. Stud. („Kaspar Hauser, der Findling von Nürnberg“, 1925) sowie zahlreiche Beitrr. für Z. und Ztg. Mit der Übersiedlung nach Eisgrub geriet S. in Vergessenheit, vieles von ihm blieb unveröff. Nach der Annexion Österr. bzw. der dt.sprachigen Gebiete der Tschechoslowakei durch das Dritte Reich erfuhr S. bes. Förderung in seiner Heimat Kärnten: Für das aus Anlaß des „Anschlusses“ geschriebene Drama „Sturm überm Land“, welches eine Kärntner Episode aus dem NS-Putsch 1934 thematisiert, erhielt er 1940 den „Kärntner Literaturpreis“, 1943 für sein Lebenswerk den „Schrifttumspreis des Gauleiters der NSDAP in Kärnten“. Die von Gauleiter Friedrich Rainer initiierte Ges. der Freunde der Dichtkunst in Ktn. plante eine Werkausg. S.s, welche kriegsbedingt jedoch unterblieb. Nach 1945 erschienen Neuaufl. von „Scholastica Bergamin“ (1948, 1985) sowie „Der Clagenfurther Galgenkrieg und andere Erzählungen“ (1963).

W.: Das Evangelium des Teufels, 1897; Das dramat. Schaffen in Österr. (= Stud. zur Dramaturgie der Gegenwart, ed. H. S., 1), 1898; Die Wallfahrt nach Kythera, 1912; Schubert, 1928; etc.
L.: NWT, 22. 4. 1938; Völk. Beobachter, 20. 4., Brünner Tagbl., 20. 4., 4. (m. B.), 6. 11. 1943; Killy; Kosch; Nagl–Zeidler–Castle (m. B.); H. Kloepfer, in: Freie Welt 15, 1935, S. 496ff.; Kärntner Almanach 1944, 1944, S. 5ff. (m. B.); E. Nußbaumer, Geistiges Kärnten, 1956, s. Reg.; Ktn. in der Literatur, zusammengestellt F. Grader, 1960; Die Wr. Moderne, ed. G. Wunberg (= Universal-Bibl. 7742), 1981, S. 715f.; H. Strallhofer-Mitterbauer, NS-Literaturpreise für österr. Autoren (= Literatur in der Geschichte, Geschichte in der Literatur 27), 1994, s. Reg.; Forschungsstelle Österr. Literatur im Nationalsozialismus, UA, beide Graz, Stmk.
(K. Gradwohl-Schlacher)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 12 (Lfg. 57, 2004), S. 311f.
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