Smal-Stockyj (Smal-Stocki, Smal’-Stoc’kyj, Smal-Stotsky), Stephan (Stepan) (1859-1938), Slawist und Politiker

Smal-Stockyj (Smal-Stocki, Smal’-Stoc’kyj, Smal-Stotsky) Stephan (Stepan), Slawist und Politiker. Geb. Niemiłów, Galizien (Nemyliv, Ukraine), 8./21. 1. 1859; gest. Praha, Tschechoslowakei (Tschechien), 17. (18.) 8. 1938. – Aus einer Bauernfamilie stammend. S. war bereits während seiner Gymn. zeit in Lemberg (L’viv) als Mitarb. an einer krit. Ed. von „kleinrussischen“ (ruthen. bzw. ukrain.) Schriftstellern beteiligt. Nach der Matura 1878 stud. er an der Univ. Czernowitz u. a. slaw. Philol. bei Ignaz Onyszkiewycz und ging 1883 an die Univ. Wien; 1884 Dr. phil. bei Miklosich (s. d.), im selben Jahr bei diesem Habil. für vergleichende slaw. Philol. 1885 wurde S. ao., 1893 o. Prof. für ruthen. Sprache und Literatur an der Univ. Czernowitz; 1894/95 und 1904/05 Dekan. Ab 1893 Abg. zum bukowin. LT, führte er dort die „Jungruthenen“ an (zu denen er später in Gegensatzgeriet), ab 1904 Landeshptm.-Stellv. und 1911–18 (unter Annahme der ruthen. Namensschreibweise Smal-Stockyj) Abg. zum RR. Nach dem Anschluß der Bukowina an Rumänien 1918 und der Aufhebung seines Lehrstuhls ging S. nach Prag, wo er 1919 Gesandter der 1918 gegr. West-Ukrain.-Nationalen Republik und 1921 o. Prof. für ukrain. Sprache und Literatur an der im selben Jahr gegr. Freien Ukrain. Univ. wurde. S. war als Wissenschaftler, Organisator und Politiker einer der führenden Vertreter einer nationalen Selbständigkeit der ruthen. Bevölkerung in der Bukowina. Als Linguist vertrat er die Theorie, daß das Ruthen. direkt aus dem Proto-Slav. herstamme; er war es auch, der erstmals anstelle des Ausdrucks „ruthenisch“ die Bezeichnung „ukrainisch“ verwendete. In seinem gem. mit Th. Gartner (s. d.) verf. Entwurf zur Regelung der Orthographie des Ruthen. trat er für eine phonet. Schreibweise ein, die 1893 in den Volks- und Mittelschulen der Monarchie eingeführt wurde. Als Literaturwissenschaftler befaßte sich S. in seinen Vorlesungen und Publ. auch intensiv mit den Werken ukrain. (ruthen.) Schriftsteller, v. a. mit jenen von Taras Ševčenko. Schon früh in verschiedenen polit.-wirtschaftl. und kulturellen ruthen. Organisationen der Bukowina tätig, gründete S. eine große Anzahl von Volksbildungsver. und wirtschaftl. Genossenschaften (wie Raiffeisenkassen und Volkskonsumver.) und förderte das Schulwesen u. a. durch die Hrsg. der pädagog. Z. „Ruska Škola“. Sein Sohn Roman Smal-Stocki (geb. Czernowitz, Bukowina / Černivci, Ukraine, 8. 1. 1893; gest. Washington, D. C., USA, 27. 4. 1969) setzte das wiss. Werk seines Vaters als Univ. Prof. – u. a. in Prag (1923–26) und Warschau (1926–39) –ebenso wie als Politiker fort; 1947 emigrierte er in die USA, wo er bis 1965 als Prof. für Osteurop. Geschichte an der Marquette Univ. in Milwaukee, Wis., lehrte.

W. (auch s. u. Alma Mater Francisco Josephina, 1979): Ueber die Wirkungen der Analogie in der Declination des Kleinruss., in: Archiv für slav. Philol. 8–9, 1885–86 (Diss.); Ueber den Inhalt des Codex Hankensteinianus, in: Sbb. Wien, phil.-hist. Kl., 110, 1886; Minoritätsvotum in der … behufs Regelung der ruthen. Schulorthographie eingesetzten … Comm. …, 1887 (gem. mit Th. Gartner); Ruska Hramatyka, 1893, 4. Aufl. 1925 (gem. mit dems.); Grammatik der ruthen. (ukrain.) Sprache, 1913 (gem. mit dems.); T. Ševčenko. Interpretaciji, 1934, 2. Aufl. 1965; zahlreiche Beitrr. in Z. und Ztg.; etc.
L.: PSB (s. u. Smal-Stocki Roman); A. Norst, Alma Mater Francisco-Josephina, 1900, S. 45, 68; W. Simowycz, in: Ukrain. Rundschau 8, 1910, S. 251ff.; In memory of S. S. on the centenary of his birth (= Memoirs of the Shevchenko scientific society 172), 1960; O. Hryniuk, in: Ukraine in Vergangenheit und Gegenwart 14, 1967, Nr. 38, S. 36ff.; E. Stankiewicz – D. S. Worth, A selected bibliography of slavic linguistics 2, 1970, s. Reg. (auch für Roman S.); Alma Mater Francisco Josephina, ed. R. Wagner, 1979, s. Reg. (m. W. und Verzeichnis der Vorlesungen); Enc. of Ukraine 5, 1993 (auch für Roman S.); H. Binder, in: Österr. Osthe. 42, 2000, S. 236ff.; AVA, UA, Materialiensmlg. ÖBL, alle Wien; Mitt. Peter Urbanitsch, Wien.
(H. Reitterer)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 12 (Lfg. 58, 2005), S. 363f.
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