Solitro, Vincenzo (1820-1878), Schriftsteller, Historiker und Pädagoge

Solitro Vincenzo, Schriftsteller, Historiker und Pädagoge. Geb. Spalato, Dalmatien (Split, Kroatien), 8. 6. 1820; gest. Cannara (Italien), 15. 11. 1878. – Aus einer apul. Flüchtlingsfamilie stammend, Zwillingsbruder von Giulio S. (s. u.). S. stud. bis 1842 Jus an der Univ. Padua, wo er sich früh der Risorgimento-Bewegung anschloß. Beeinflußt durch Niccolò Tommaseo, begann er als Publizist, Literat und Historiker in Triest und Venedig zu arbeiten, u. a. für die Z. „La Favilla“ und für die „Enciclopedia Veneziana“. 1844 veröff. er die „Documenti Storici sull’Istria e la Dalmazia“ (1989 serbokroat.), eine Smlg. von Chroniken und Berr. vorwiegend aus dem 16. und beginnenden 17. Jh., die neben sozialstatist. Daten v. a. Darstellungen über militär. Konflikte der Republik Venedig mit dem Osman. Reich enthalten. Neben dem hist. Bewußtsein, das S. damit zu erwecken suchte, zielte die Smlg. auf eine Stärkung der „fratellanza nazionale“ und spielte auf die risorgimentale Grundidee der Befreiung von Fremdherrschaft an. Während der Revolution von 1848 stand S. in engem Kontakt mit Daniele Manin und versorgte gem. mit seinem Bruder die belagerte Stadt Venedig mit Informationen und Hilfsgütern, wofür er 1849 zu einer Haftstrafe verurteilt wurde. Danach in Marseille und Turin im Exil, kehrte er 1866 nach Venedig zurück und war i. d. F. im Schuldienst tätig. Seit 1867 in den Debatten über die Reorganisation des Grundschulwesens präsent –wobei er mazzinian. Prinzipien (wie Arbeitsschule, Einbindung der Schule in die lokale Geschichte, Praxisnähe) vertrat –, avancierte er bald zum Insp. und Schulrat für die Provinzen Como und Treviso. Er verstarb während einer Inspektionsreise. Sein Bruder, Giulio S. (geb. Spalato, 8. 6. 1820; gest. Gallarate, Italien, 4. 9. 1892), ging nach dem Jusstud. in Padua nach Triest, wo er als Lehrer für Italien. und Geschichte an verschiedenen Schulen wirkte und den Autoren und Ideen von „La Favilla“ nahe stand. Wegen seiner Sympathien für das Risorgimento, der Mitarb. an konstitutionellen Z., wie „Gazzetta di Trieste“ und „Il Giornale di Trieste“ (1848), sowie diverser Reden geriet Giulio S. ins Visier der österr. Behörden, die ihn 1859 aus Triest auswiesen. Er lebte und arbeitete danach als Lehrer und Schuldir. in Kalabrien, im Piemont, in Mailand und Florenz. Ab den 50er Jahren trat er als Verf. einiger Traktate sowie vorwiegend dramat. Texte hervor, etwa des hist. Dramas „I conti di Spalato“, das er 1854 in Venedig unter dem Ps. Michele Caterini veröff.

W.: G. Solitro: Jefte, 1847 (Opernlibretto); Scritti scelti, 1849; A qualche giornale. Preghiera di un trapassato, 1890; etc.
L. (meist auch zu Giulio S.): E. Salvi, in: Rassegna Nazionale 16, 1904, Bd. 136; ders., ebd. 18, 1906, Bd. 147, S. 6ff.; S. Cella, in: Giuseppe S. Fatti e figure del Risorgimento, 1978, S. 8ff.; M. Petronio, in: Quaderni Giuliani di Storia 8, 1987, S. 237ff.; V. Rismondo, in: V. S., Povijesni dokumenti o Istri i Dalmaciji (= Spliski knjževni krug 6), 1989, S. 7ff.; Mitt. Sergio Cella (†), Padova, Italien.
(P.-H. Kucher)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 12 (Lfg. 58, 2005), S. 404
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