Sollinger, Johann Paul (1795-1849), Buchdrucker und Verleger

Sollinger Johann Paul, Buchdrucker und Verleger. Geb. Wien, 1795; gest. ebd., 13. 1. 1849. – Nach Absolv. einer Buchdruckerlehre bei Anton Strauß in Wien erweiterte S. 1815–19 seine Kenntnisse in Dtld. und in der Offizin von Didot in Paris. Nach Wien zurückgekehrt, erwarb er 1821 die Univ.- druckerei von Mat(t)hias A. Schmidt (s. d.). Als selbständiger Drucker mit eigener Verlagsbuchhandlung (ab 1824) war S. bereits nach einem Dezennium einer der bedeutendsten und fortschrittlichsten Drucker und Verleger im Wr. Vormärz u. a. durch Aufstellung einer Schnellpresse, Einrichtung einer Schrift- und Stereotypengießerei mit Stempel- und Schriftschneidern, Schaffung neuer Typen, Druck auch in hebr. und oriental. Schriften; 1848 verfügte S.s Offizin bereits über sechs Schnell- und zehn eiserne Handpressen. Zunächst setzte er als Verleger die Hrsg. bereits übernommener Kal. von Jurende, Ohéral, K. A. Schimmer (alle s. d.) und Johann Nep. Vogl fort; auch elegant ausgestattete Taschenbücher, wie „Aurora“ und „Iduna“, gingen aus S.s Presse hervor. 1825–27 verlegte S. 37 Bde. einer von Bauernfeld (s. d.) ins Dt. übers. Taschenausg. von Shakespeares Dramen mit M. v. Schwinds (s. d.) Umschlagbildern unter Verwendung der von den Brüdern Trentsensky erfundenen Litho-Stereotypenplatten. Auf dem Gebiet der schönen Literatur publ. er u. a. die lyr. Smlg. „Bifolien“ (1836) seines Freundes J. G. Seidl (s. d.), die Lustspiele Bauernfelds etc. Neben Normalien und Gesetzen zum Bergwesen übernahm S. auch A. Bäuerles (s. d.) „Wiener Allgemeine Theater-Zeitung“ mit den Chromoxylographien Blasius Höfels (s. d.). 1834 erweiterte S. seine Offizin um eine Filialdruckerei unter den Tuchlauben und druckte 1848 drei wiss. Periodika. S. engagierte sich auch standesrechtl., wurde 1840 als 2., 1841 als 1. Repräsentant der Buchdrucker aufgestellt und als solcher 1848 mit Lohnund Sozialforderungen der Wr. Druckergehilfen konfrontiert. Ungerechtfertigt Zielpunkt ihres Unmuts geworden, trat er, derselbst bereits soziale Verbesserungen eingeführt hatte, sich jedoch nicht zu einer Zusage im Namen aller Prinzipale zwingen ließ, bereits schwer leidend von seiner Funktion zurück. Nach seinem Tod führte seine Witwe Anna S. unter der Geschäftsführung ihres Bruders Ferdinand Gruber (gest. 1851) und schließl. mit Josef Neidl den Betrieb weiter, verkaufte ihn aber 1854 an Ludwig Carl Zamarski.

L.: Czeike; Graeffer–Czikann; Wurzbach; Oesterr. Buchdrucker-Ztg. 2, 1874, S. 63f., 85; A. Mayer, Wiens Buchdrucker-Geschichte 1482–1882, 2, 2. Aufl. 1887, s. Reg. (m. B.); G. Fritz, Geschichte der Wr. Schriftgießereien seit Einführung der Buchdruckerkunst …, 1924, S. 79ff.; A. Durstmüller d. J. – (N. Frank), 500 Jahre Druck in Österr. 1, 1981, s. Reg., 2, 1985, s. Reg.; N. Bachleitner u. a., Geschichte des Buchhandels in Österr. (= Geschichte des Buchhandels 6), 2000, s. Reg.
(M. Martischnig)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 12 (Lfg. 58, 2005), S. 404f.
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