Sonnenfeld, Kurt (1893-1938), Journalist und Schriftsteller

Sonnenfeld Kurt, Journalist und Schriftsteller. Geb. Wien, 5. 11. 1893; gest. ebd., 15. 3. 1938 (Selbstmord); mos. – Sohn von Michael S. (s. u.). Nach Absolv. des Gymn. (1911) stud. S. an der Univ. Wien bis 1915 Jus (1916 Dr. jur.), anschließend bis 1918 Phil. und Germanistik (1919 Dr. phil.) und 1919–21 Med. Bereits kurz nach der Matura arbeitete er bei angesehenen Ztg. und Z. mit und veröff. 1914 seinen ersten – von der Kritik anerkennend aufgenommenen – Ged.bd. „Traum und Rausch“. Nach Kriegsende war S. einige Jahre freier Mitarb. an verschiedenen in- und ausländ. Tagesztg., ab 1922 Red. bei der „Neuen Freien Presse“, zunächst im Lokaltl., dann im Feuilleton. Er verf. zahlreiche Großstadt- und soziale Stud., die er oft als sozialpsycholog. Skizzen anlegte, sowie Reiseberr. etc. und zählte bald zu den namhaftesten Literatur-, Film- und Theaterkritikern dieses Bl. 1923–33 veröff. er mehrere Romane, die sich durchwegs zeitkrit. mit gesellschaftl. Phänomenen im Wien der Zwischenkriegszeit auseinandersetzen: Mit „Hände“ (1923), einem der frühesten Romane, der sich mit dem Faschismus beschäftigte, wurde S. auch im Ausland bekannt, 1927 folgte der psychoanalyt. Roman „Der rote Schleier“, der den Konflikt einer Prostituierten zu ihrer Rolle als Mutter darstellt, 1929 der Großstadtroman „Eros und der Wahnsinnige“, in dem der selbe Stoff aus der Sicht eines Frauenarztes neuerl. aufgegriffen wird. Auch in „Fräulein Narziß“, 1930, wurde der seel. und Identitätskonflikt im großstädt. Milieu thematisiert. S., der in einigen seiner literar. Arbeiten Aspekte der jüd. Identität sowie die Bedrohung durch den Nationalsozialismus behandelte, fühlte sich offenbar auch aufgrund dieser Thematik nach dem „Anschluß“ akut gefährdet und nahm sich gem. mit seinem Vater und seiner Frau das Leben. Sein Vater, der Rohproduktenhändler Michael S. (geb. Wien, 1. 4. 1863; gest. ebd., 15. 3. 1938; Selbstmord), mos., trat nach Absolv. der Realschule und der Handelsakad. in die 1861 von seinem Vater Ignaz S. gegr. Fa. Königstein & Sonnenfeld ein. Auf seinen zahlreichen Reisen durch Europa und Nordamerika knüpfte Michael S. zahlreiche Geschäftsbeziehungen und wurde 1897 in die statist. Permanenzkomm. des Handelsmin. berufen; 1897 KR. Er galt als Fachmann auf wirtschaftspolit. Gebiet und wurde wiederholt von Seiten der Regierung bei Abschlüssen von Handels- und Zollverträgen zu Rate gezogen.

W.: s. u. Kosch.
L.: WZ, 18. 3. 1988; Bolbecher–Kaiser; Jb. der Wr. Ges. (auch für Michael S.); Kosch (m. W.); Wininger; K.-M.Gauß, in: Freibord 13, 1988, Nr. 4, S. 33ff.; ders., in: Wr. Tagebuch, 1988, Nr. 5, S. 19ff., auch in: Die Vernichtung Mitteleuropas, 1991, S. 93ff.; G. Steinberger, Vernichtung, Vertreibung, Anpassung und Aufstieg von Journalisten im „Ständestaat“ und im „Dritten Reich“, phil. DA Wien, 1990, S. 424f.; P. Steines, Hunderttausend Steine, 1993, S. 192 (m. B.); A. Schnitzler, Tagebuch 1931. Gesamtverzeichnisse 1879–1931, 2000, s. Reg.; Tagbl.-Archiv, UA, WStLA, WStLB, alle Wien.
(Th. Venus)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 12 (Lfg. 58, 2005), S. 421
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